{"id":1032,"date":"2025-12-03T15:08:07","date_gmt":"2025-12-03T14:08:07","guid":{"rendered":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=1032"},"modified":"2025-12-03T17:51:26","modified_gmt":"2025-12-03T16:51:26","slug":"tuerchen-3-jugendwort-oder-kein-jugendwort-dass-ist-hier-die-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=1032","title":{"rendered":"T\u00fcrchen 3: Jugendwort oder kein Jugendwort, dass ist hier die Frage"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich muss gestehen, Jugendw\u00f6rter und Jungendsprache habe ich &#8211; selbst in adoleszentem Alter &#8211; lediglich aus einer passiv-aggressiven Perspektive erlebt. Aus irgend einem Grund str\u00e4ubte und str\u00e4ubt sich jede Zelle meines Wernicke-Zentrum in \u00dcbereinstimmung mit dem Broca-Areal jegliche Fragmente dieser linguistischen Unf\u00e4lle in mein eigenes Vokabular aufzunehmen oder zu artikulieren. Trotz allem finde ich dieses Ph\u00e4nomen und das damit verbundene Ritual ein Jugendwort des Jahres zu w\u00e4hlen durchaus faszinierend\u2026aus der Perspektive eines Schaulustigen bei einer Totalkarambolage. Man wei\u00df, man soll und will eigentlich weitergehen, muss dann aber trotzdem hinschauen nur um die Erkenntnis zu gewinnen, dass man dies lieber nicht getan h\u00e4tte.<br>Aber auch aus einer vom Hohen Ross herabschauenden Position l\u00e4sst sich eine deutliche Ver\u00e4nderung an der eigenen Reaktion auf die Entwicklung des Niveaus von Jugendw\u00f6rtern und deren Alpha-Vertretern beobachten. War es anf\u00e4nglich &#8211; also in den 00er Jahre &#8211; eher ein &#8222;Naja, gut, wenn Ihr meint&#8220;, ein sogenanntes <em>kleines WTF<\/em>, so hat sich diese eher zu einem \u00fcbergro\u00dfen megalithischem WTF entwickelt. Und mit einem eben solchem Gewicht f\u00e4llt diese Erkenntnis einem jedes Jahr wieder auf die F\u00fc\u00dfe.<br>Schaut man auf die ersten Iteration der Wahl zum Jugendwort des Jahres, f\u00e4llt dem herabschauenden Rezipienten noch ein nicht unerhebliches Ma\u00df an Kreativit\u00e4t bei der Rekombination von Vokabular und Semantik auf. Hier seien so gro\u00dfartige Konstruktionen wie <em>Gammelfleischparty<\/em>, <em>Bildschirmbr\u00e4une<\/em>, <em>Niveaulimbo<\/em>, <em>Arschfax<\/em> oder auch der <em>Bankster<\/em> (ein Konstrukt aus Banker und Gangster) genannt. Worte, die als solches auch zu erkennen sind und mit etwas gutem Willem und ein wenig Toleranz als solche f\u00fcr den allgemeinen Sprachgebrauch verwendbar w\u00e4ren ohne eine weitreichende Neudefinition des Begriffes Sprache zu erfordern.<br>Aus irgend einem nicht ganz ersichtlichen Grund \u00e4ndert sich dies ab ca. 2012 schlagartig, und das hat garantiert nichts damit zu tun, dass wir seit den 10er Jahren eine pandemisch anmutende Ausbreitung an fragw\u00fcrdigen Social Media-Plattformen und noch fragw\u00fcrdigeren Inhalten darauf erleben d\u00fcrfen. Ohne jetzt diese Begebenheit genauer zu sezieren, so f\u00e4llt doch signifikant auf, dass sich Jugendw\u00f6rter ab diesem Zeitpunkt eher zu Jugend&#8220;lauten&#8220; bis hin zu an Gegrunze erinnernde Gebilde entwickeln. W\u00e4hrend man allerdings mit &#8222;<em>Yalla!<\/em>&#8220; und &#8222;<em>Hayvan<\/em>&#8220; zumindest noch grundlegende Fremdsprachenkenntnisse erwerben kann, war und ist sp\u00e4testens bei &#8222;<em>I bims<\/em>&#8222;, &#8222;<em>sheesh<\/em>&#8222;, &#8222;<em>isso<\/em>&#8222;, &#8222;<em>bae<\/em>&#8220; und dem diesj\u00e4hrigen Gewinner &#8222;<em>das Crazy<\/em>&#8220; und dem Drittplatzieren &#8222;<em>checkst du<\/em>&#8220; die Grenze des intellektuell Erfassbaren deutlich \u00fcberschritten. Vielleicht liegt es darin begr\u00fcndet, dass die Jugend heutzutage mehr mit &#8222;goonen&#8220; (Platz 2) besch\u00e4ftigt ist, als sich mit dem ad\u00e4quaten Gebrauch und Erwerb von Sprache auseinander zu setzen (offensichtlich wird also mehr masturbiert als artikuliert), oder aber in der Tatsache, dass man immer weniger von Angesicht zu Angesicht kommuniziert (wie auch, wenn man st\u00e4ndig <em>goont<\/em>), sondern nur \u00fcber und durch digitale Ersatzkan\u00e4le. Kommunikation funktioniert laut Wazlawik ja nur, wenn Sender und Empf\u00e4nger sich auf einen gemeinsamen Code geeinigt haben. Dahingehend ist es durchaus Beeindruckend, dass diese an Ambiguit\u00e4ten kaum zu \u00fcbertreffenden mit Minimalsilben und ohne n\u00f6tigen Artikelballast ausgestatteten Kurzlaute scheinbar den kommunikativen Erfordernissen der jeweiligen Generation gen\u00fcge tun k\u00f6nnen. Oder auch nicht, denn wenn man mal die Gegenprobe macht, also die Betroffenen und (&#8222;Hey Du bist voll das&#8220;) Opfer auf die Semantik dieser Konstrukte anspricht, so erh\u00e4lt man als Antwort oft ein nonverbales Schulterzucken und die Information, dass man das halt so sagt. Eine Definition, was <strong>das<\/strong> denn nun bedeuten mag, scheitert nur zu gerne an einem mangelnden Wortschatz.<br>Der geneigte Leser wird sich jetzt Frage: &#8222;Yalla! Was genau ist Dein Problem Babo? Irgendwann verw\u00e4chst sich das.&#8220; Dem w\u00fcrde ich gerne zustimmen k\u00f6nnen, alleine die Realit\u00e4t ist eine andere. Die Menge an W\u00f6rtern im allgemein verwendeten Wortschatz hat sich die letzten Dekaden \u00fcber nachweislich verringert ebenso wie das Verst\u00e4ndnis komplexer(er) Syntax. Wer sich den &#8222;Spa\u00df&#8220; macht, eine Nachrichtensendung oder Zeitungsberichte aus grauer Vorzeit zu lesen, sich eine Bundestagsdebatte oder Interviews aus den 70er, 80er und teilweise auch der90er Jahren des letzten Jahrtausends zu Gem\u00fcte f\u00fchrt, der wird feststellen, dass sich Duktus, Komplexit\u00e4t und Menge im w\u00f6rtlichen und schriftlichen Sprachgebrauch durchaus ver\u00e4ndert haben. In den 90ern erfand man Nachrichten f\u00fcr Kinder (Logo) mit simplifiziertem Sprachgebrauch, heute ist dieser Sprachgebrauch der allgemeine Standard. Selbst die Jungendw\u00f6rter, welche nicht unbedingt aufgrund der vorher genannten Attribute aus sprachlicher Sicht gl\u00e4nze, haben dass bisschen Komplexit\u00e4t und Kreativit\u00e4t, welche sie bis vor 15 Jahren noch hatten, fast vollst\u00e4ndig eingeb\u00fc\u00dft.<br>Jaja, jetzt kommen gleich die sprachwissenschaftlichen Totschlagargumente, und diese lauten &#8222;Sprache ver\u00e4ndert sich halt und ist spiegelt immer den Einfluss ihrer Zeit wieder.&#8220; Da sage ich: Absolut! Und mit dem Argument schie\u00dft man sich halt selber ins Knie. Wenn in einer sich vorgeblich immer weiter entwickelnden und komplexer werdenden Welt, das Werkzeug zur Beschreibung eben dieser immer stumpfer(!) und unhandlicher wird, sozusagen sich vom Multitool zur\u00fcck zum Faustkeil entwickelt, dann wei\u00df man mit einer gewissen Sicherheit, wo die allgemeine Reise hingeht. Und wenn Jugendw\u00f6rter oder Jugendunw\u00f6rter nicht mehr aus kreativen Kofferw\u00f6rter, Metaphern, Reinterpretationen oder originellen Lehnw\u00f6rtern bestehen, sondern mehr oder weniger aus gruseligen Maximalabbreviationen, Grunzlauten und sich in ihrem Klang und Inhalt eher nach der Kenntnis einer Sprache auf A1-Niveau anh\u00f6ren, dann mag man dem geneigten Ranter zwar unterstellen, diesbez\u00fcglich absolut intolerant zu sein, aber der hier vor sich Hinrantende sieht darin doch ein gewisses Ma\u00df an Bankrotterkl\u00e4rung an die grundlegenden F\u00e4higkeiten des Sprachgebrauches und eine kreativen Umgangs mit Sprache an sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne:<br>\u201eDigga, hoffentlich wird\u2019s nicht noch mehr lost als es schon cringe ist.&#8220; (frei nach Karl Valentin)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich muss gestehen, Jugendw\u00f6rter und Jungendsprache habe ich &#8211; selbst in adoleszentem Alter &#8211; lediglich aus einer passiv-aggressiven Perspektive erlebt. 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