{"id":701,"date":"2016-06-04T20:55:13","date_gmt":"2016-06-04T19:55:13","guid":{"rendered":"http:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=701"},"modified":"2016-06-04T21:06:36","modified_gmt":"2016-06-04T20:06:36","slug":"die-pille-fuers-ego-und-die-chemie-des-selbstbetrugs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=701","title":{"rendered":"Die Pille f\u00fcrs Ego und die Chemie des Selbstbetrugs"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eigentlich ist es ja ein ausgelutschtes Thema: regelm\u00e4\u00dfig werden in der Zeit vor Olympischen Spielen alte Dopingskandale neu aufgerollt und medienwirksam pr\u00e4sentiert und nebenher noch jede Menge neue F\u00e4lle, S\u00fcnder und die Machenschaften ganzer Verb\u00e4nde enttarnt. Wirklich \u00fcberraschend ist nichts davon, denn &#8222;geahnt hatten wir es schon immer&#8220;. Dabei geht aber ein Ph\u00e4nomen v\u00f6llig unter &#8211; eines, dass auch psychologisch hoch interessant ist und tiefer blicken l\u00e4sst, als es so manchem lieb w\u00e4re.<\/strong><\/p>\n<p>Sind wir ehrlich: Wer war wirklich vom Fall<em> Lance Armstrong<\/em> \u00fcberrascht, wem waren die &#8222;Frauen&#8220; der chinesischen Schwimm-Nationalmanschaft nicht schon immer suspekt und ist es wirklich so verwunderlich, dass es im russischen Leichtathletik-Verband wohl\u00a0eine eigene Task Force f\u00fcr pharmazeutische Leistungssteigerung gibt? Doping ist so alt wie der Spitzensport und die Tatsache, dass es die Professionalisierung diverser Sportarten zugenommen hat und weiterhin zunimmt, hat mit Sicherheit nicht dazu gef\u00fchrt, dass der Missbrauch leistungssteigernder Mittelchen irgendwie stagniert w\u00e4re. Die einzig interessante Frage, die hier bleibt w\u00e4re wohl nur, was denn die Olympioniken der alten Griechen vor ihren Wettk\u00e4mpfen so alles eingeworfen haben um ein wenig schneller flitzen zu k\u00f6nnen als der ein oder andere R\u00f6mer.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/olympia_asterix.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-706\" src=\"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/olympia_asterix.jpg\" alt=\"olympia_asterix\" width=\"500\" height=\"237\" srcset=\"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/olympia_asterix.jpg 500w, https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/olympia_asterix-300x142.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nDie Verwendung diverser Mittelchen und Methoden pharmazeutischer Herkunft l\u00e4sst sich im Spitzensport und vor allem im Profibereich sogar noch halbwegs plausibel erkl\u00e4ren und dass sogar ohne das man Verst\u00e4ndnis oder sonstige seltsame Dinge daf\u00fcr aufbringen m\u00fcsste: Es geht schlicht und einfach um die eigene Existenz, bzw. in Sportarten, in denen etwas mehr Geld im Spiel ist, die Wahrung und\/oder Verbesserung des eigenen Marktwertes. Das f\u00e4ngt an beim kenianischen Langstreckenl\u00e4ufer, dem die Berufung in das nationale Team die Lebensgrundlage f\u00fcr seine gesamte Familie \u00fcber Jahre hinweg sichert und h\u00f6rt auf beim millionenschweren Radprofi, dem ein weiterer Tour-Sieg noch das ein oder andere Milli\u00f6nchen zus\u00e4tzlich in die Kasse sp\u00fclt. Von der Befindlichkeit des Nationalstolzes so mancher Verb\u00e4nde m\u00f6chte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen, aber auch dies geht und ging ja immer mit einer monet\u00e4ren Ver\u00e4nderung (und bei so manchem Regime nat\u00fcrlich auch der Chancen im sp\u00e4teren Leben des Sportlers) einher.<br \/>\nAlso, ist das unmoralisch (vielleicht sollte man besser unfair schreiben, da Moral ja immer etwas sehr Subjektives ist), wenn ich &#8222;nur&#8220; versuche, meine berufliche Existenz (egal auf welchem Level) zu sichern? Mit absoluter Sicherheit, denn durch den eigenen Betrug verwehre ich eben diese Existenzsicherung meinen Mitbewerbern, die genau so davon leben m\u00fcssen und im Grunde nur zwei M\u00f6glichkeiten haben: Mit dem Nachteil leben lernen oder das h\u00e4ssliche Spiel mitspielen. Was passieren kann, wenn sich eine ganze Sportart daf\u00fcr entscheidet Variante 2 zu w\u00e4hlen, konnte man in den letzten Jahren eindr\u00fccklich beobachten.<br \/>\nWie dem auch sei, materialistische Gr\u00fcnde sind psychologisch nicht besonders schwer nachzuvollziehen und k\u00f6nnen in vielfacher unsch\u00f6ner Auswirkung sowohl in der Sport- als auch in sonstigen Historien beliebig und ohne gr\u00f6\u00dfere Aufw\u00e4nde vorgefunden und nachvollzogen werden.<\/p>\n<p>Etwas verzwickter wird es, wenn wir einen Blick auf den Amateur- und Breitensport werfen,\u00a0der sich in den letzten Jahren durchaus auch einen Namen im Bereich der unerlaubten Hilfen in der Leistungssteigerung gemacht hat. Das reicht von der billigsten Variante des Einnehmens irgendwelcher Schmerzmittel bis hin zum Erwerb und der Verwendung teuerster Dopingpr\u00e4parate, bei denen wohl selbst ein Doktor Fuentes inzwischen neidisch werden w\u00fcrde, oder aber auch das illegale technische Tuning des eigenen Sportger\u00e4tes.<br \/>\nSehr schnell stellt sich hier die Frage: Warum zum Teufel? Als Amateur oder Breitensportler muss ich keine Rechnungen von irgend welchen Pr\u00e4mien oder Sponsorengeldern bezahlen oder mich darum sorgen, dass bei schlechten Ergebnissen nur noch billigstes Essen auf dem Tisch steht, da das Geld f\u00fcr etwas Ordentliches fehlt. Eher im Gegenteil &#8211; ich zahle einen Haufen Kohle um irgendwo mitmachen zu d\u00fcrfen. Warum muss ich meinen K\u00f6rper und\/oder auch mein Gewissen mit einem solchen Ballast beladen? Ich habe doch trainiert, um zu wissen, was ich leisten kann, um zu wissen wie gut ich bin und an welche Grenzen ich gehen kann und nicht darum, um herauszufinden, wie gut der Pharma-Konzern gearbeitet hat. Egal ob mit Epo oder Aspirin, am Ende werde ich nie wissen, ob und vor allem wie gut ich war oder h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<br \/>\nSperrt man dann ein wenig die Ohren und auch die Augen auf, wird aber sehr schnell eine &#8222;Argumentationslinie&#8220; deutlich: &#8222;Die anderen machen es ja auch und damit man eine Chance hat spiele ich halt mit.&#8220; Grob gesagt, der gleiche Bullshit, wie bei den Profis. Aber, und das ist der entscheidende Unterschied, hier geht es nicht um Geld oder Marktwert, sondern einzig und alleine ums eigene Ego, es geht um den totalen Selbstbetrug. &#8222;Die Anderen&#8220; k\u00f6nnen das, da muss ich unbedingt mithalten k\u00f6nne, egal unter welchen Umst\u00e4nden. Wenn ich nicht mithalten kann, werde ich immer und \u00fcberall abgeh\u00e4ngt, &#8222;die Anderen&#8220; sind die Erfolgreichen, ich der Loser, der kann einen Marathon finishen, dass muss ich auch, der ist ein Ironman, das brauche ich auch in meinem Lebenslauf, etc. pp.<br \/>\nWir leben in einer Zeit, in der sich ein Gro\u00dfteil von uns immer st\u00e4rker in Relation zu seinen Mitmenschen definiert und immer weniger \u00fcber die eigenen pers\u00f6nlichen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, das altbekannte &#8222;Mein Auto, mein Haus, mein Boot&#8220;-Syndrom. Es reicht uns nicht, dass es uns gut geht, wir wollen, dass es uns besser geht, besser als dem Kollegen, dem Nachbarn oder dem Sportkameraden. Und wenn es der K\u00f6rper nicht hergibt, den Marathon, den der Kollege aus B\u00fcro C5 bereits erfolgreich gelaufen ist, selber zu bew\u00e4ltigen, weil man bei Kilometer 30 vor Schmerzen fast stirbt, dann wird halt mit Paracetamol nachgeholfen. Und wenn der Vereinskamerad bereits die 3:30h unterboten hat, dann muss man dass selber ja auch auf Teufel komm raus schaffen, oder der Status-Verlust im eigenen sportlich und sozialen Umfeld ist garantiert &#8211; so glaubt man zumindest.<br \/>\nOb es den Kollegen oder den Sportkameraden interessiert, dass man nun besser oder genau so gut ist, ist unerheblich. Denn man selbst hat sich bewiesen, dazuzugeh\u00f6ren. Das eigene Ego ausgetrickst und poliert. Denn man hat doch die Leistung erbracht, mit den Mitteln, die einem zur Verf\u00fcgung stehen. Und eigentlich ist es ja auch nicht schlimmer, als der ein wenig frisierte Lebenslauf bei der Bewerbung, oder? Oder vielleicht die etwas modifizierte Steuererkl\u00e4rung? Und \u00fcberhaupt, es ist ja nur Sport, die anderen sind garantiert auch nicht clean und somit ist es wenigstens ein fairer Wettkampf&#8230;<br \/>\nDie haarstr\u00e4ubend relativierenden Beispiele f\u00fcr Selbstbetrugsversuche lie\u00dfen sich vermutlich noch \u00fcber Seiten ausf\u00fchren, \u00e4ndern aber an der Quintessenz nichts:<\/p>\n<p>Egal, wie man es dreht und wendet, letztendlich bleibt es nur eines: Selbstbetrug. Es hat \u00fcberhaupt keine Relevanz, ob &#8222;die Anderen&#8220; in irgend einer Weise nachgeholfen haben oder nicht. Jede Art der Rechtfertigung vor einem selber, ist nur eine Verar***e des eigenen Egos. Denn eines werde ich als Doper nie erfahren: &#8222;War wirklich ich so gut oder hat nur ein Chemiker einen verdammt guten Job gemacht&#8220;&#8230;und eigentlich stellt sich f\u00fcr einen echten Sportler, egal in welcher Sportart, immer nur eine Frage am Wettkampftag: &#8222;Wie gut bin <span style=\"text-decoration: underline;\"><em><strong>ich<\/strong><\/em><\/span> wirklich!&#8220;<\/p>\n<p>In diesem Sinne<br \/>\nBleibt sauber!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich ist es ja ein ausgelutschtes Thema: regelm\u00e4\u00dfig werden in der Zeit vor Olympischen Spielen alte Dopingskandale neu aufgerollt und medienwirksam pr\u00e4sentiert und nebenher noch jede Menge neue F\u00e4lle, S\u00fcnder und die Machenschaften ganzer Verb\u00e4nde enttarnt. Wirklich \u00fcberraschend ist nichts davon, denn &#8222;geahnt hatten wir es schon immer&#8220;. 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