{"id":844,"date":"2016-12-17T21:00:23","date_gmt":"2016-12-17T20:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=844"},"modified":"2016-12-17T21:00:23","modified_gmt":"2016-12-17T20:00:23","slug":"postfucktisch-oder-warum-eigentlich-alles-so-ist-wie-immer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=844","title":{"rendered":"Post~Fuck~Tisch oder warum eigentlich alles so ist wie immer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2016 neigt sich dem Ende entgegen, ein weiteres Jahr in dem die Berufsemp\u00f6rten emp\u00f6rt sein durften, die Populisten populistisch, diverse Parteien die Kunst des Trollens auf v\u00f6llig neue Ebenen gehoben haben und selbst die st\u00fcmperhaftesten Despoten immer noch jemanden finden konnten, der Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sie aufbringt. Zeit, sich dem ganzen mal retrospektiv zu widmen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gestehe, dass es mir immer schwerer f\u00e4llt mich hier (oder auch sonst wo) politisch oder gesellschaftskritisch zu \u00e4u\u00dfern, was jedoch nicht daran liegt, dass ich mir keine Gedanken machen w\u00fcrde oder nichts mehr zu sagen h\u00e4tte. Vielmehr l\u00e4sst es sich frei nach Malmsheimer formulieren: &#8222;Es liegt mir einfach nicht, mich mit repetitiven stumpf-stupiden Sachverhalten auseinanderzusetzen.&#8220; N\u00fcchtern betrachtet war 2016 nicht anders als 2015 als 2014 als&#8230;Naja, eigentlich wie immer. Welche Tatsachen sind es also, \u00fcber die man aus meiner Sicht f\u00fcr das vergangene Jahr rekapitulieren sollte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fangen wir am Besten hinten an: Das Wort des Jahres ist bekanntlicher Weise &#8222;postfaktisch&#8220; &#8211; meiner Meinung nach mit der gr\u00f6\u00dfte Kokolores, der in den letzten zw\u00f6lf Monaten sprachlich produziert wurde, und dass will f\u00fcr das vergangene Jahr schon Einiges hei\u00dfen&#8230;irgend etwas &#8222;post&#8220; zu nennen, dass klingt hipp und irgendwie auch intellektuell &#8211; da kann sich jeder M\u00f6chtegern-Gesellschaftskritiker drauf einen von der Palme wedeln, wenn er oder sie es schafft, diese Begrifflichkeit in einem \u00f6ffentlichen Diskurs einzubringen.<br \/>\n&#8222;Wir leben in einer postfaktischen Gesellschaft&#8220; &#8211; \u00a0so sprach es aus diverse Politikern, Bloggern und jedem, der dachte, seinen Senf zur aktuellen Debattenkultur beisteuern zu m\u00fcssen. Nur hat sich anscheinend niemand eine entscheidende Frage gestellt: &#8222;Was hei\u00dft dieses Wort, dass so wunderbar intellektuell klingt, eigentlich?&#8220; &#8211; &#8222;Eigentlich&#8220; ist es ganz einfach: &#8222;post&#8220; hei\u00dft &#8222;danach&#8220; und &#8222;faktisch&#8220; bedeutet nichts anderes als &#8222;auf Tatsachen beruhend&#8220;. Die Erfinder dieses Wortunget\u00fcms wollen allerdings, damit auf den Fakt (h\u00f6h\u00f6) hinweisen, dass unsere Gesellschaft ihre Meinungen und Entscheidungen nicht mehr auf Basis von Fakten trifft, sondern eben aus irgend etwas anderem heraus, zum Beispiel aus Emotionen, unvollst\u00e4ndigem Wissen oder gar Unwahrheiten.<br \/>\n\u00d6h ja, das mag so sein, aber was bitte sch\u00f6n daran ist &#8222;post&#8220;? War es denn jemals anders?<br \/>\nDas zumindest m\u00f6chte man uns wohl wei\u00df machen. Schauen wir doch mal einfach in die menschliche Geschichte und fragen uns, wann und wo hat der gemeine P\u00f6bel (von der F\u00fchrungselite ganz zu schweigen) denn faktisch entschieden und gedacht? Bei den 68ern, als man die Springer-Presse und deren hetzerische Inhalte f\u00fcr alles verantwortlich gemacht hat (jaja, auch da war man wohl \u00a0schon postfaktisch)? Oder davor, als der Mann mit Bart den Leuten was vom Kamel erz\u00e4hlt hat und dieses auf Basis von &#8222;Fakten&#8220; halb Europa und ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen in Brand gesetzt haben? Oder vielleicht als die Erde noch eine Scheibe war und jeder, der diesen Fakt angezweifelt hat, direkt von der Fakten schaffenden Institution Kirche oxidiert wurde? Bei den R\u00f6mern, \u00c4gyptern?<br \/>\nWenn es \u00fcberhaupt so etwas wie eine Fakten getriebene Epoche gab, dann doch wohl die \u00c4ra in der es Fakt war, dass, wenn der S\u00e4belzahntiger schneller als man selber rannte, man ein ziemliches Problem hatte. Nun ja, zu diesen Zeiten war man halt auch noch mit den Konsequenzen recht direkt und im Zweifelsfall auch final konfrontiert, wenn man eben solche Tatsachen missachtete oder ignorierte.<br \/>\nAnsonsten basierten Fakten immer auf dem perspektivischem Weltbild, dass zu eben jener Zeit \u00a0oder Epoche vorherrschte.<br \/>\nSo gesehen hei\u00dft postfaktisch also heutzutage nichts anderes: &#8222;Nach meiner Weltsicht ist das eine Tatsache und Deine Meinung weicht davon ab, kann also nicht richtig sein.&#8220; Es klingt halt besser als zu sagen: &#8222;Ich habe recht und Du bist doof&#8220;.<br \/>\nVor Allem sollte man gewarnt sein, wenn Politiker dieses Wort in den Mund nehmen. Wenn man sich \u00fcberlegt, wie oft in diesem Metier Fakten geschaffen werden&#8230;je nach politischer Couleur sehen die ja immer ein wenig anders aus&#8230;ach ja, \u00fcber dieses Wortunget\u00fcm sollte man in diesem Zusammenhang auch mal resonieren&#8230;Fakten schaffen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Quintessenz des Ganzen ist wohl, dass Menschen unabh\u00e4ngig von Epoche und Wissensstand immer irgend etwas nachgefaselt haben, was irgend jemand anders ihnen vorgesabbelt hat. Der Unterschied heutzutage ist einfach, dass die Auswahl an Bl\u00f6dsinn den man nachquatschen und wiederk\u00e4uen kann, durch moderne Medienkonstrukte exponentiell angestiegen ist&#8230;einfacher ausgedr\u00fcckt, der Bottich voll Schei\u00dfe mit der man um sich Werfen kann ist in den letzten Jahrzehnten einfach nur um einiges gr\u00f6\u00dfer geworden. Kein Mensch muss sich mehr die M\u00fche machen, wirklich fundierte Argumente f\u00fcr sein eigenes Weltbild zusammenzusuchen, die die eigenen Meinung best\u00e4tigende Statistik ist nur zwei Klicks weit entfernt. W\u00fcrde man an dieser Stelle wirklich kritisch und vor allem faktisch arbeiten, d\u00fcrfte man genau dann nicht aufh\u00f6ren zu suchen, sondern m\u00fcsste sich auch der unangenehmen Aufgabe stellen, Quellen zu suchen, die die eigene Meinung und das eigene Weltbild eventuell aus dem Gleichgewicht bringen oder noch schlimmer, gar widerlegen\u00a0k\u00f6nnten.<br \/>\nFr\u00fcher ist dieser Mangel an kritischem Diskurs niemandem aufgefallen, weil das eigenen Weltbild und die damit verkn\u00fcpften Parolen in den seltensten F\u00e4llen den Stammtisch oder die gesellschaftskritische Teetrinker-Runde verlassen hat. Heute ist dieser Stammtisch oder das besetzte Haus halt wesentlich gr\u00f6\u00dfer geworden, nennt sich Facebook oder Twitter und trennt die Ideologien, welche verfolgt werden auch nicht mehr r\u00e4umlich sondern verschmelztigelt dies alles zu einer ziemlich heterogenen Masse von teilweise sehr unappetitlicher Konsistenz. Nun kommt man sich halt in die Quere und muss sich mit der Meinung der anderen Seite auseinander setzen (oder auch nicht). Das ist eine neue Erfahrung f\u00fcr alle beteiligten Seiten und offensichtlich tut man sich recht schwer, damit umzugehen &#8211; man hat es ja auch nie gelernt. Die einen br\u00fcllen dumpfe Parolen um ihr noch dumpferes Weltbild zu rechtfertigen, die anderen versuchen mit wortreichem Pseudointellekt ihr eigenes Weltbild als das ultimative welche zu verkaufen.<br \/>\nUnd was resultiert daraus: Jede Seite versucht der anderen, den gr\u00f6\u00dferen Haufen ans Bein zu kacken. Es stellt sich doch keiner die Frage, ob Trump, Petry oder Le Pen ein sinnvolles Wahlprogramm auf den Tisch legen sondern nur, wie sehr es &#8222;die anderen&#8220; (also alle, die nicht der eigenen Meinung sind) \u00e4rgert und somit die eigene rechte oder linke Pseudorevoluzerseele befriedigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich sollte es nicht wundern, dass wir in einer immer st\u00e4rker polarisierenden Welt leben: Wir haben wohl das erste mal in unsere Historie so etwas wie ein gro\u00dfes Miteinander (digital, politisch, gesellschaftlich).<br \/>\nLeider hat uns aber niemand beigebracht, wie wir damit umzugehen haben und welche Chancen sich daraus ergeben. Wir haben nicht gelernt, wie wir mit den Meinung und den geistigen Eskapaden Andersdenkender klar kommen, sondern verfallen immer noch dem eiskalten Lagerdenken: es sind immer die anderen gegen uns, schwarz und wei\u00df, b\u00f6se gegen gut. Fr\u00fcher lie\u00df sich das ignorieren, der BILDzeitungsleser war der BILDzeitungsleser, der Spiegel-Konsument eben dieser. Ber\u00fchrungspunkte gab es nur partiell, geschimpft und gep\u00f6belt hat man haupts\u00e4chlich in der Abwesenheit des anderen und im eigenen Kreise, seinem eigenen Soziotop.<br \/>\nJetzt kann man sich die eigene Meinung gegenseitig gefragt und vor Allem auch ungefragt um die Ohren hauen. Mit den Folgen, dass die eine Seite sich immer mehr isoliert und extremisiert und die andere berufsemp\u00f6rt ist. Interessanter Weise wird, was die L\u00f6sung dieses Konfliktes angeht, auf beiden Seiten dann eine Wortwahl ausgepackt und ein Arsenal an M\u00f6glichkeiten aufgefahren, welches einem die Fu\u00dfn\u00e4gel bis zum Anschlag hochrollt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da stehen wir nun, nach tausenden Jahren menschlicher Evolution, haben in der\u00a0Tat den faktischen S\u00e4belzahntiger nicht mehr zu f\u00fcrchten, aber verwenden ein Gro\u00dfteil unserer Energie und erstaunlich viel Kreativit\u00e4t darauf, uns ein Weltbild zusammenzubauen, an dem wir leiden k\u00f6nnen und uns daran zugrunde richten, die Schuld immer bei anderen suchen oder einfach einer Utopie hinterher hecheln, von der wir eigentlich genau wissen, dass sie so nie Realit\u00e4t werden kann.<br \/>\nGeschichtsunterricht k\u00f6nnten wir uns eigentlich schenken, denn wir treten alle paar Dekaden in die gleiche gesellschaftspolitischen Fettn\u00e4pfe und vergessen recht schnell, welche fatalen Konsequenzen dies in den meisten F\u00e4llen nach sich gezogen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Agent Smith hatte schon ganz recht als er zu Morpheus sprach:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><em>&#8222;Wussten Sie, dass die erste Matrix als perfekte Welt geplant war, in der kein Mensch h\u00e4tte leiden m\u00fcssen? Ein rundum gl\u00fcckliches Leben! Es war ein Desaster. Die Menschen haben das Programm nicht angenommen, es fielen ganze Ernten aus. Einige von uns glauben, wir h\u00e4tten nicht die richtige Programmiersprache euch eine perfekte Welt zu schaffen, aber&#8230; ich glaube, dass die Spezies Mensch ihre Wirklichkeit durch Kummer und Leid definiert. Die perfekte Welt war also nur ein Traum, aus dem euer primitives Gehirn aufzuwachen versuchte.&#8220;<\/em><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tja, gerne w\u00fcrde ich darauf irgend etwas erwidern. Aber jeder Tag, an dem ich feststellen muss, dass politisches Partizipieren eigentlich nur noch daraus besteht, sich Wort- und Argumentationsschablonen in sozialen Netzwerken um die Ohren zu hauen, News und Gegennews, Statistik und Gegenstatistik immer mit dem Anspruch der eigenen allumfassenden Wahrheit ohne kritisches Hinterfragen inflation\u00e4r eingesetzt werden um den Gegner mundtot zu machen und Wahlen eigentlich nur damit gewonnen werden, der jeweils anderen Seite so viel Angst wie m\u00f6glich machen zu wollen, l\u00e4sst f\u00fcr mich nur den Schluss zu &#8211; und auch irgendwie die Hoffnung &#8211; das wir uns in Richtung Gipfel und dann hoffentlich Richtung Niedergang einer prefaktischen Gesellschaft bewegen.<br \/>\nIch habe einfach keinen Bock mehr auf Verschw\u00f6rungstheoretiker, Aluhuttr\u00e4ger, Bessermenschen, Ideologen, religi\u00f6se Blendern und Verblendete, Demagogen, Anarchisten, Brexisten, Trumpisten (Liste beliebig fortsetzen)&#8230;ihr habt jetzt alle lange genug euren Spa\u00df gehabt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was k\u00f6nnten wir alles schaffen, wenn wir die Kreativit\u00e4t, mit der wir versuchen uns unser Leben st\u00e4ndig gegenseitig madig zu machen, in gemeinsamen Vortrieb verwandeln w\u00fcrden. Wenn wir nicht st\u00e4ndig dar\u00fcber lamentieren w\u00fcrden, wie unfair alles ist, dass es immer nur abw\u00e4rts geht, dass wir in einer Welt mit denen da oben und uns da unten leben w\u00fcrden, dass alles nur eine gro\u00dfe Verschw\u00f6rung ist, dass&#8230;.ach egal.<br \/>\n\u00dcberlegt Euch mal, wie viel Eurer Lebenszeit ihr darauf verschwendet, genau dies zu tun. Ehrlich gesagt, w\u00fcrde es mir auch verdammt schlecht damit gehen und mich final frustrieren, mich die ganze Zeit st\u00e4ndig emp\u00f6rt und angepisst f\u00fchlen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deswegen beende ich an dieser Stelle meinen Jahresend-Rant und besch\u00e4ftige mich lieber mit sinnvollen und angenehmen Dingen. Gibt ja genug &#8222;Besorgte&#8220; und &#8222;Verbesserer&#8220; da drau\u00dfen, die sich f\u00fcr uns alle darum einen Kopf machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So long, over and out<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Euer Tom<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2016 neigt sich dem Ende entgegen, ein weiteres Jahr in dem die Berufsemp\u00f6rten emp\u00f6rt sein durften, die Populisten populistisch, diverse Parteien die Kunst des Trollens auf v\u00f6llig neue Ebenen gehoben haben und selbst die st\u00fcmperhaftesten Despoten immer noch jemanden finden konnten, der Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sie aufbringt. Zeit, sich dem ganzen mal retrospektiv zu widmen. 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