{"id":855,"date":"2017-01-05T23:39:27","date_gmt":"2017-01-05T22:39:27","guid":{"rendered":"http:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=855"},"modified":"2017-01-05T23:39:27","modified_gmt":"2017-01-05T22:39:27","slug":"das-wahrheitsministerium-warnt-vorsicht-freilaufende-fake-news","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=855","title":{"rendered":"Das Wahrheitsministerium warnt: Vorsicht, freilaufende Fake-News"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Da ist sie auch schon, die erste politische Sau, die 2017 durchs Dorf getrieben werden kann: Fake-News, der Untergang des Abendlandes und aktuell wohl eine der gr\u00f6\u00dften Gefahren f\u00fcr das Allgemeinwohl, welcher sofort und mit gar furchtbaren Konsequenzen gesetzlich begegnet werden muss&#8230;sagen einschl\u00e4gige Politiker.<br \/>\nUnd wenn einschl\u00e4gige Politiker &#8211; wie Frau K\u00fchne-H\u00f6rmann &#8211; so etwas sagen, dann wird es Zeit, mal wieder einen Blick auf das politisch unentdeckte Neuland &#8222;Internet&#8220; zu werfen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Gesetzentwurf zur Bek\u00e4mpfung &#8222;manipulativer Kommunikation im Internet&#8220;, so schwebt es den Landesregierungen in Hessen, Sachsen-Anhalt und Bayern vor. Darin sind unter anderem der Vorschlag enthalten, das Eindringen in fremde Computersystem auch ohne Verursachen von Schaden unter Strafe zu stellen (oha, welch grandiose Idee), ebenso wie die Verwendung sogenannter Social Bots oder Social Bots-Netzwerken. Wer sich das gesamte Machwerk antun m\u00f6chte, dem kann <a href=\"https:\/\/www.bundesrat.de\/SharedDocs\/drucksachen\/2016\/0301-0400\/338-16.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\">hier<\/a>\u00a0geholfen werden.<br \/>\nBisher war ich immer der Meinung, dass ein Eindringen in fremde Computer oder Netzwerke auch so schon eine strafbare Handlung darstellt (\u00a7 202a StGB &#8211; Aussp\u00e4hen von Daten), lag damit aber ein wenig daneben. Wenn man n\u00e4mlich die Augen zu macht und sich nichts von dem anschaut, was da so auf dem anderen System rum d\u00fcmpelt, so ist das noch nicht illegal. Will ich das System kompromittieren und f\u00fcr schadhafte Zwecke einsetzen, kommt man aber \u00fcberhaupt nicht drum herum in irgend einer Form mit irgend welchen Daten auf dem anderen System herumspielen zu m\u00fcssen, wird sich also auch ohne diese Gesetzes\u00e4nderung strafbar machen. Und inwiefern diese Idee Fake-News bek\u00e4mpfen soll, bleibt wohl der Obrigkeit ihr kleines Geheimnis.<br \/>\nNicht viel anders verh\u00e4lt es sich mit dem unter Strafe stellen der Verwendung von Social Bots in den einschl\u00e4gigen Netzwerken. Die meisten Sozialen Netzwerke verbieten bereits den Einsatz eben solcher in ihren AGB, wie allgemein bekannt mit riesigem Erfolg [IRONIE OFF]&#8230;<br \/>\nIch habe keine Ahnung, wie sich die hessische Justizministerin oder irgend jemand aus den Kreisen der Neuland-Expeditionsteilnehmer einen Social Bot vorstellt, aber es handelt sich in den meisten F\u00e4llen nicht um irgend ein kleines elektronisches M\u00e4nnchen, dass bei einem Fake-News Verbreiter im Keller sitzt und das man beschlagnahmen k\u00f6nnte. Genau genommen ist die Technologie ja nicht einmal irgendwie gro\u00df geheim oder gar b\u00f6sartig, denn auf etlichen Plattformen existieren Social Bots ganz legal und werden sinnvoll eingesetzt, zum Beispiel in Chats zur Unterst\u00fctzung von Moderatoren, um auf immer wiederkehrende Fragen zu antworten, als technischer Support, etc.<br \/>\nDer Social Bot wird also nur zu einem Problem, wenn er ganz gezielt zur Manipulation eingesetzt wird und strafbar macht sich der &#8222;Bot-Herr&#8220; auch nur dann, wenn eben diese Manipulation gesetzeswidrig ist.<br \/>\nVon einem technischen Standpunkt aus betrachtet sind diese Gesetzes-Vorschl\u00e4ge also ziemliches Gem\u00fcse und d\u00fcrften darauf begr\u00fcndet sein, dass f\u00fcr die meisten Herrschaften in den Bundes- und Landtagssaussch\u00fcssen, dass Internet immer noch so ein Ding ist, das \u00a0aus einem Kabel in der Wand kommt (wie Fernsehen, nur in beide Richtungen).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommen wir zu der viel interessanteren Frage, was eigentlich Fake-News sein sollen, warum sie (angeblich) ein Problem sind und was man dagegen tun k\u00f6nnte.<br \/>\nDie einfachste Form der Fake-News in freier Wildbahn ist wohl die Behauptung einer falschen Tatsache, beliebig mit falschen Quellen gew\u00fcrzt oder irgendwelchen abstrusen Statistiken oder omin\u00f6sen Untersuchungen unterlegt.<br \/>\nAuch wenn der Begriff &#8222;Fake-News&#8220; suggeriert, dass dies ein neumodisches Ph\u00e4nomen aus diesem seltsamen Internet sein soll, so gab es die Fake-News eigentlich schon immer, wenn auch weniger zug\u00e4nglich, daf\u00fcr aber auch weniger fl\u00fcchtig. Seien es Flyer irgendwelcher politischen (oder anderer xyz-) Aktivisten, mit denen man in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen versucht (hat), Meinung zu machen, Brosch\u00fcren, Graffitis, gezielt gestreute Ger\u00fcchte, die sich dann \u00fcber H\u00f6rensagen verbreitet haben und nachgebrabbelt wurden, fehlerhafte Informationen waren immer Teil in der breiten gesellschaftlichen Meinung.<br \/>\nDurch soziale Medien ist es nur viel bequemer geworden, diese unter das Volk zu bringen. Das m\u00fchselige &#8222;Handverteilen&#8220; solcher Informationen kann jetzt bequem von der Tastatur aus erledigt bzw. automatisiert werden.<br \/>\nDie etwas komplexere Form der Fake-News ist der Fakten-Remix, also das Umordnen oder neu anordnen kontextueller Bestandteile von Nachrichten (man nehme Meldung X, gebe einen ordentlichen Schuss von Statistik Y hinzu und r\u00fchre ein paar aus dem Kontext gerissene Zitate glaubhafter Prominenter &#8211; zum Beispiel Kabarettisten oder Schauspieler &#8211; darunter). Jeder einzelne Bestandteil an sich mag richtig sein, in der Zusammenf\u00fchrung ergeben sie jedoch ein bewusst falsches Bild (Beispiele sind im Brexit- oder Trump-Wahlkampf in Massen zu finden).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und all dies soll per Gesetzen jetzt unterbunden werden. Stellt sich die Frage: Wie soll das \u00a0funktionieren? Ein bisschen weiter gedacht, und schon stellen sich einem die Nackenhaare auf. Technisch mag es m\u00f6glich sein, Fake-News zu verfolgen und auszusieben. Aber wer gibt die Regularien vor, nach denen solche Meldungen &#8222;ausgefiltert&#8220; werden sollen, wer \u00fcberpr\u00fcft und wer vollstreckt?<br \/>\nDer Schritt zu einem <em>Wahrheitsministerium<\/em> in welchem Informationen in &#8222;ordentlich&#8220; und &#8222;unangemessen&#8220; eingeteilt werden, ist erschreckend\u00a0kurz.<br \/>\nWenn man sich vor Augen f\u00fchrt, wie oft ein Beitrag des Postillions f\u00fcr Bare M\u00fcnze genommen wird, wie oft bewusst satirische Falschmeldungen als &#8222;reale&#8220; News geteilt werden, dann wird einem sehr schnell klar, an welchen Grundpfeilern hier ges\u00e4gt wird. Welche Kriterien m\u00fcssen erf\u00fcllt sein, damit eine Meldung wirklich als Fake abgestempelt werden kann? Werden die Menschen, die den etablierten Medien sowieso nicht glauben, durch das Unterdr\u00fccken von Falschmeldungen und Fake-News pl\u00f6tzlich gel\u00e4utert und lassen sich \u00fcberzeugen, dass die L\u00fcgenpresse gar nicht so L\u00fcgenpresse ist, wie sie es gerne h\u00e4tten? Ich glaube nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, dass hier wie so oft die Katze von der falschen Seite aus gesattelt wird. Anstelle eines Gesetztes zur Bek\u00e4mpfung von Symptomen w\u00e4re es wohl eher hilfreich, wenn sich der eine oder andere Volksvertreter die Frage stellen w\u00fcrde, warum Fake-News in einer solchen Breite auf fruchtbaren Boden fallen.<br \/>\nAllgemein wurde bei vielen politischen Parteien dem Begriff <em>Glaubw\u00fcrdigkeit<\/em>\u00a0maximal ein Nischen-Dasein gew\u00e4hrt. Das die &#8222;Was k\u00fcmmert mich mein Geschw\u00e4tz von Gestern&#8220;-Mentalit\u00e4t irgendwann an ihre Grenzen sto\u00dfen w\u00fcrde, ist dabei nur nat\u00fcrlich, ebenso wie die Tatsache, dass es nur zweitrangig ist, was ein Politiker \/ eine Regierung \/ eine Bewegung erreicht hat oder auch nicht. Glaubw\u00fcrdigkeit bekommt man nicht geschenkt, Glaubw\u00fcrdigkeit muss man sich aktiv erarbeiten.<br \/>\nFake-News funktionieren aus Mangel an guten Alternativen. Jeder glaubt, was ihm am plausibelsten erscheint und wenn jemand es nicht schafft, seine Informationen glaubhaft zu vermitteln, macht er es den Ger\u00fcchtestreuern nur einfacher.<br \/>\nDas sich diverse Ministerien, Beh\u00f6rden, Nachrichtenagenturen und auch die \u00d6ffentlich-Rechtlichen gerade in den letzten Jahren nicht immer mit Ruhm bekleckert haben, ist denke ich keine neue Erkenntnis. S\u00e4tze wie <em>&#8222;Teile der Antwort w\u00fcrden die Bev\u00f6lkerung verunsichern&#8220;<\/em> oder Meldungs-Desaster wie die letztj\u00e4hrige K\u00f6lner Silvesternacht mit all dem Vor- und Zur\u00fcckgerudere sind da nur die Spitze des Eisberges. Gute und qualitativ hochwertige Inhalte sind wichtig, aber man muss sie auch vermitteln k\u00f6nnen und an dieser stelle krankt es aktuell ganz gemein.<br \/>\nDiese Problem wird aber definitiv nicht dadurch gel\u00f6st, dass man alle anderen (falschen) Mitteilungen versucht strafrechtlich zu eliminieren, denn dadurch allein ist man immer noch nicht in der Lage, die vielleicht eigenen guten Inhalte glaubhaft an das Volk zu bringen. Eher im Gegenteil, man spielt den L\u00fcgenpresse-Rhetorikern sogar noch in die Karten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Message, die von einem Gesetzt zur Bek\u00e4mpfung von Fake-News ausgeht ist ziemlich eindeutig: <em>Wir haben Angst, dass Ihr irgend welchen abstrusen Behauptungen, die nicht mal nachpr\u00fcfbar sind, mehr glaubt, als uns.<br \/>\n<\/em>W\u00e4re es nicht mal an der Zeit, \u00fcber diesen Umstand nachzudenken?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ist sie auch schon, die erste politische Sau, die 2017 durchs Dorf getrieben werden kann: Fake-News, der Untergang des Abendlandes und aktuell wohl eine der gr\u00f6\u00dften Gefahren f\u00fcr das Allgemeinwohl, welcher sofort und mit gar furchtbaren Konsequenzen gesetzlich begegnet werden muss&#8230;sagen einschl\u00e4gige Politiker. 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