{"id":898,"date":"2017-09-20T21:27:32","date_gmt":"2017-09-20T20:27:32","guid":{"rendered":"http:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=898"},"modified":"2017-09-20T21:29:00","modified_gmt":"2017-09-20T20:29:00","slug":"die-sache-mit-den-blasen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=898","title":{"rendered":"Die Sache mit den Blasen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nein, nein, nein&#8230;es geht nicht um F\u00fc\u00dfe, innere Organe oder gar anr\u00fcchige Dinge. Mir wollte an dieser Stelle nur keine bessere \u00dcberschrift einfallen und ehrlich gesagt tue ich mich mit dem Inhalt dieses Beitrages recht schwer, denn eigentlich bietet die Thematik, \u00fcber die ich mich hier auslassen will, zu viel Angriffsfl\u00e4che als dass man dort mit einem metaphorischen Tranchiermesser herangehen k\u00f6nnte. Also nehme ich an dieser Stelle einfach den Vorschlaghammer&#8230;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eventuell erinnert sich der ein oder andere Kenner trashiger Filme der 80er Jahre, was ein <a href=\"http:\/\/www.definition-of.com\/fonzanoon\">Fonzanoon <\/a>ist. Leider l\u00e4sst sich die Definition nur sehr sperrig ins Deutsche \u00fcbersetzen, deswegen gebe ich an dieser Stelle diese als englisches Original wieder:&nbsp;<em>A person who farts in the bathtub and then bites the bubbles.&nbsp;<\/em>Ich denke, auch Leser mit beschr\u00e4nkten Englisch-Kenntnissen werden eine halbwegs adequate \u00dcbersetzung hinbekommen &#8211; falls nicht, schreibt mir einfach eine Mail.<br \/>\nAber was hat das nun mit dem eigentlichen Thema zu tun und was ist denn das eigentliche Thema? Nun, dass diverse soziale und auch gar nicht so soziale Netzwerke einfach nur eine Ansammlung verschiedenster sozialer Filterblasen sind, ist ja nun gemeinhin bekannt und anerkannter Konsens. Ebenso herrscht bei den an diesen <del>Filterblasen<\/del>&#8230;\u00f6h sozialen Medien Teilnehmenden die Meinung vor, dass man selber nat\u00fcrlich \u00fcber jede Art dieser Blasen erhaben sei (der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Third-Person-Effekt\">Third-Person-Effect<\/a> ist schon ne geile Sache) und jenseits der gefilterten Inhalte subjektiv objektive Beitr\u00e4ge zu gesellschaftlich relevanten Themen beisteuern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, wie soll ich dass jetzt schonend und freundlich formulieren? Ich probier es mal mit &#8222;am Arsch die Waldfee&#8220;&#8230;<br \/>\nNichts liegt der Realit\u00e4t ferner als zu glauben, es w\u00e4re m\u00f6glich sich jenseits von Filterblasen &#8211; und erst recht der eigenen &#8211; durch soziale Netzwerke bewegen k\u00f6nnen. Nein, gerade die Art und Weise, wie die Funktionalit\u00e4t solcher Plattformen aufgebaut ist, bedingt ja, dass solche Blasen entstehen, es ist ja sogar gew\u00fcnscht. Das Ziel eines sozialen Netzwerkes (abseits von &#8222;mit Daten Geld verdienen&#8220;) ist ja nicht, Menschen zusammen zu bringen, die sich nicht leiden k\u00f6nnen oder komplett diametrale Lebensauffassungen haben sondern Gruppen von Menschen zusammen zu f\u00fchren, die auf irgend eine Art und Weise auf der gleichen Wellenl\u00e4nge liegen. Das macht die Zielgruppenanalyse am Ende auch gleich viel einfacher&#8230;<br \/>\nWas hei\u00dft das nun? Erst mal nichts anderes, als dass die pers\u00f6nliche Kontaktliste \u00fcber Kurz oder Lang nur aus Menschen besteht, welche in irgend einer Form sozial kompatibel mit einem erscheinen(!). Damit einher gehen nat\u00fcrlich gewisse &#8222;hygienische&#8220; Bem\u00fchungen, was das virtuelle Umfeld angeht: Teilnehmer, deren politische Ansichten einem missfallen werden kurzfristig ausradiert, der Veganer tilgt den Omnivoren, der einen unangemessen fleischigen Kommentar geschrieben hat aus seiner Timeline und was diverse Fu\u00dfballvereinsrivalit\u00e4ten anrichten k\u00f6nnen ist denke ich hinl\u00e4nglich bekannt und bedarf wohl keiner n\u00e4heren Ausf\u00fchrung. Kurz gesagt, am Ende teilt man sich immer mit den gleichen Hoschis eine Blase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis zu dieser Erkenntnis zu gelangen ist ja nicht weiter komplex, ab hier wird es allerdings ein wenig absurd. Denn, obgleich eigentlich offensichtlich, entsteht hier das Ph\u00e4nomen, dass man eigentlich nur den in der Filterblase herrschenden Konsens best\u00e4rkt und regelm\u00e4\u00dfig an der eigentlichen Zielgruppe seiner Statusmeldung&nbsp;vorbei postet.<br \/>\nSehr eindr\u00fccklich l\u00e4sst sich das im aktuellen Social Media Geschehen vor der Bundestagswahl verfolgen. Da verk\u00fcnden dann viele stolz, dass sie jeden AfD-Anh\u00e4nger aus ihrer Freundesliste gekehrt haben, nur um dann 20 Minuten sp\u00e4ter ein Meme zu teilen, bei dem eindr\u00fccklich gefordert wird, nur nicht diese Partei zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt mal ehrlich&#8230;wenn man denn alle Anh\u00e4nger dieser Partei aus der m\u00f6glichen Rezipientenliste entfernt hat, wer, f\u00fcr den diese Botschaft relevant w\u00e4re, soll diese Mitteilung noch lesen? Und warum ist es so wichtig, dass alle Welt wei\u00df, dass Ihr Anh\u00e4nger einer bestimmten Partei oder politischen Gesinnung aus Eurer Freundesliste entfernt habt. Diejenigen, die es betrifft, k\u00f6nnen diese Mitteilung dann nicht mehr lesen und die, die zur\u00fcck geblieben sind, liegen mit Euch doch sowieso auf der gleichen Wellenl\u00e4nge&#8230;besser kann man das Konstrukt eine Filterblase gar nicht herstellen.<br \/>\nOder geht es vielleicht gar nicht darum, wirklich eine Message an die richtige Zielgruppe &#8211; gegen\u00fcber der man sich ja sowieso \u00fcberlegen f\u00fchlt &#8211; zu senden, sondern einfach nur darum, sich gegenseitig geil zu finden? Der &#8222;King of the Bubble&#8220; zu sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abseits des eigentlichen Hintergrundes solcher &#8222;aktivistischen Glanzleistungen&#8220; (Politik, Tier- und Umweltschutz, etc.), demonstriert dies aber sehr gut, was das eigentliche Problem ist: das soziale Netzwerk verk\u00fcmmert zum Stammtisch (dem Rollenmodell einer jeden Filterblase), an welchem man eigentlich nur zusammenkommt, um sich seine eigene Meinung best\u00e4tigen zu lassen. Zu glauben, man w\u00fcrde durch simple Postings (oder noch schlimmer, dem Teilen der Inhalte von Postings anderer) irgend etwas bewegen k\u00f6nnen, ist genau so naiv, wie in der Kneipe nach dem f\u00fcnften Bier lallend der Runde mitzuteilen, dass man jetzt loszieht, um die Welt zu verbessern (oder &#8211; auf der anderen Seite des politischen Spektrum &#8211; Polen zu erobern). Die Zustimmung der anderen an diesem Tisch ist einem ja gewiss, aber sich dann in Realit\u00e4t, abseits seines Soziotops damit auseinandersetzen zu m\u00fcssen, ist dann doch eher unangenehm und wird auf &#8222;Demn\u00e4chst&#8220; verschoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich wird sich jetzt der ein oder andere grandios auf den Schlips getreten f\u00fchlen und zeternd vor sich hin wettern: &#8222;Nein nein, bei mir ist das alles ganz anders, ich habe damit schon so viel erreicht!&#8220;&#8230;<br \/>\nBitte&#8230;90% aller Social Media-Teilnehmer sind nicht in der Lage zu unterscheiden, ob sie sich gerade mit einem Bot oder einem Menschen verbal duellieren. Um bei der Kneipen-Allegorie zu bleiben: es ist einfach l\u00e4cherlich, zum leeren Nachbartisch zu gehen und dort mit der herumliegenden Bildzeitung zu diskutieren. Und ob auf der anderen Seite des Bildschirms sich jemand gerade die Glatze rauft oder vor Lachen vom Stuhl f\u00e4llt k\u00f6nnt ihr noch weniger beurteilen.<br \/>\nSocial Media ist aktuell einfach ein riesiger Spielplatz, der von vielen Menschen viel zu ernst genommen und bei dem sich an Inhalten, die jeder Affe mit Tastaturkenntnissen produzieren kann, abgearbeitet wird. Weltverschw\u00f6rer treffen auf Weltverbesserer, Extremisten auf Radikale und dass ganze innerhalb einer technologischen Plattform, die sie nicht verstehen. &nbsp;Und die Unternehmen freuen sich, denn seit dem Zeitalter der Dampfmaschine lie\u00df sich mit hei\u00dfer Luft nie wieder so gut Kohle machen wie heute. W\u00e4hrend es noch in den 90ern hie\u00df &#8222;Meine Bildung hab ich aus dem Fernsehen&#8220; und seit jeher Bildzeitungslesern ein eklatantes Bildungsdefizit vorgeworfen wird, schaffen die sozialen Netzwerke dank der Millionen daran teilnehmenden Universalgenies einen ganz neuen Stand der Allgemeinbildung&#8230;&#8230;&#8230;. so nebenbei, warum finden sich eigentlich keine akademischen Fachforen auf Facebook? Wenn mich sowas interessiert, muss ich immer noch in undurchsichtige Ecken dieses WWW surfen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um dass ganze jetzt mal Rund zu machen und zu seinem Abschluss zu bringen: Wir sind hier in diesem Lande &#8211; und auch global &#8211; weit, weit davon weg, durch alle Bev\u00f6lkerungsschichten hindurch eine Medienkompetenz entwickelt zu haben, die es uns erlauben w\u00fcrde, soziale Netzwerke so zu verwenden, wie wir glauben, es im Moment zu k\u00f6nnen. Die Meisten sind doch gar nicht in der Lage, diese Plattformen&nbsp;abseits der eigenen Filterblase(n) ad\u00e4quat so zu verwenden, dass sie wirklich gesellschaftsrelevante Inhalte dahin transportieren, wo sie gebraucht werden. &nbsp;Eigentlich verh\u00e4lt man sich wie der oben genannte Fonzanoon: man produziert aus hei\u00dfer Luft ein paar Blasen und bei\u00dft dann darauf rum&#8230;mit einem offensichtlich zu erwartendem Ergebnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folgerichtig habe ich f\u00fcr mich daraus die Erkenntnis gezogen, all diese sch\u00f6nen bunten Seiten mit den vielen bunten Menschen so zu nutzen, wie ich es aktuell f\u00fcr am sinnvollsten halten: In meiner Filterblase mich \u00fcber Kunst, Kultur und Sport auszutauschen und mir jede Art von politischem, karitativem oder gemeinn\u00fctzigem Engagement f\u00fcr das reale Leben aufzuheben. Mit echten Menschen umzugehen ist n\u00e4mlich schon anstrengend genug&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, nein, nein&#8230;es geht nicht um F\u00fc\u00dfe, innere Organe oder gar anr\u00fcchige Dinge. 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