{"id":904,"date":"2017-11-30T22:29:56","date_gmt":"2017-11-30T21:29:56","guid":{"rendered":"http:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=904"},"modified":"2017-11-30T22:46:47","modified_gmt":"2017-11-30T21:46:47","slug":"wie-man-eine-sicherheitsluecke-erzieht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=904","title":{"rendered":"Wie man eine Sicherheitsl\u00fccke erzieht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fr\u00fcher einmal, in einer Zeit, an die ich mich nur noch vage zu erinnern vermag, sagte man als Kind bei seiner ersten Begegnung mit einem Erwachsenen &#8222;Guten Tag&#8220; oder &#8222;Hallo&#8220;. Nun, dies scheint mir heute nicht mehr der Fall zu sein. Aus n\u00e4chster N\u00e4he, sozusagen aus der Ego-Perspektive, durfte ich der Tatsache gewahr werden, dass eine g\u00e4ngige, nun scheinbar weithin akzeptierte Begr\u00fc\u00dfungsformel lautet: &#8222;Wie ist denn Euer WLAN-Passwort?&#8220; Eben diese Sentenz verst\u00f6rte mich doch nachdr\u00fccklich auf Ebenen diversester Art und so f\u00fchle ich mich, auch wenn diese Begebenheit schon ein paar Wochen zur\u00fcck liegen mag, gen\u00f6tigt, hier ein paar Worte an die Leserschaft vor den Empfangsger\u00e4ten zu richten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ignorieren wir an erste Stelle einfach die Tatsache, dass jedes Kind einen prinzipiell heutzutage erstmal duzt, sogar das eigene. Dies ist wohl so und wird in diversen Erziehungseinrichtungen dem Nachwuchs auch nur partiell abgew\u00f6hnt, hat aber den Vorteil, dass man sich als Angesprochener nicht mehr ganz so alt f\u00fchlt. Sei es wie es sei, Etikette soll nicht der Kernpunkt dieses Textes sein, wohl aber ein anderes besorgniserregendes Ph\u00e4nomen unserer aktuellen Gesellschaft, n\u00e4mlich der wohl immer weiter reichende digitale Analphabetismus der heutigen Generation an Kindern und wohl auch derer Eltern.<br \/>\n\u00dcber die Frage, ob ein\/e 10-j\u00e4hrige\/r wohl unbedingt ein Tablet oder ein eigenes Smartphone ben\u00f6tigt, lie\u00dfe sich ja noch vornehmlich streiten, \u00fcber die Tatsache, dass in Grundschule diese w\u00e4hrend des Unterrichts vom Lehrern eingesammelt werden m\u00fcssen, weil die lieben Kleinen sich eher mit Whatsapp besch\u00e4ftigen als mit den Grundrechenarten, meiner Meinung nach nicht mehr. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle nur am Rande darauf hinweisen, dass unter 14-j\u00e4hrige 90% des Angebotes an Apps und Funktionen, welche auf mobilen Ger\u00e4tschaften zu finden sind, nicht nutzen k\u00f6nnen, ohne dabei gegen irgend welche Gesch\u00e4ftsbedingungen und Benutzerrichtlinien zu versto\u00dfen. Aber nat\u00fcrlich, wer liest sowas schon und welchen Verziehungsberechtigten interessiert es wirklich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird uns mit gar sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit aus diversesten Medien vorgesungen, dass die heute heranwachsende Generation die wahren &#8222;Digital Natives&#8220; sind oder sein werden, also die Generation, die die digitale Welt und deren Werkzeuge quasi schon mit der Muttermilch aufgesogen haben, die das digitale Neuland f\u00fcr sich komplett erobern werden. Nun, an der Stelle m\u00f6chte ich diverse Zweifel anmelden: In der Tat bekommen Kleinkinder heutzutage quasi schon direkt nach der Geburt das Tablet in die Hand gedr\u00fcckt und die dazugeh\u00f6rige Wischbewegung geh\u00f6rt heute schon im Kindergarten zu den motorisch am ausgepr\u00e4gtesten F\u00e4higkeiten, allerdings vergisst man bei allem Enthusiasmus, dass es sich bei all diesen wunderbaren Ger\u00e4tschaften eben nicht um Spielzeuge handelt, sondern um Werkzeuge, die bei unsachgem\u00e4\u00dfen Gebrauch nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern und das gesamte Umfeld in teilweise recht schmerzhafte Unannehmlichkeiten st\u00fcrzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommen wir noch einmal zu meinem anf\u00e4nglich zitierten &#8222;Guten-Tag&#8220;-Substitut zur\u00fcck, denn diese besagte Frage nach dem WLAN-Passwort enth\u00e4lt eine ganze Menge mehr metaphorischen Sprengstoff, als der Leser auf den ersten Blick einzusch\u00e4tzen vermag.<br \/>\nZuerst einmal zeigt es, dass das Kind wohl nicht mit grundlegenden Kenntnissen zur Sicherheit beim Betrieb dieser digitalen Ger\u00e4tschaften vertraut gemacht wurde, denn ansonsten w\u00fcsste es, dass man nicht einfach eine fremde Person nach dem Passwort f\u00fcr das dortige hauseigene Netzwerk fragt. Jeder von uns w\u00fcrde an der Erziehung eines Kindes zweifeln, dass bei einem zu Besuch kommt und&nbsp;direkt danach fragt, ob es sich den Haus- oder Briefkastenschl\u00fcssel ausleihen darf. Die Erwartungshaltung, dass jemand an sich v\u00f6llig Fremdes mir Zugang zu einem System \u00fcberl\u00e4sst, \u00fcber dass derjenige Bankgesch\u00e4fte t\u00e4tigt, seine Korrespondenz abwickelt, etc. pp. zeigt, dass diesbez\u00fcglich keine Kompetenz vermittelt wurde.<br \/>\nNun wird sich der ein oder andere Leser sich dar\u00fcber mokieren, dass ich von einem 10-j\u00e4hrigen Kind solche Kompetenzen noch nicht erwarten darf. Dem kann ich nur entgegen halten: &#8222;Doch!&#8220;, und zwar dann, wenn ich diesem Kind ein Werkzeug in die Griffel dr\u00fccke, dass diese Kompetenzen erfordert. Keiner von uns w\u00fcrde auf die Idee kommen, einem Kind die Kreiss\u00e4ge ohne Aufsicht in die H\u00e4nde zu legen oder es ohne entsprechende Einweisung und Vorsichtsma\u00dfnahmen mit Roller oder Fahrrad im Stra\u00dfenverkehr fahren zu lassen. Aber die Gefahren, welche f\u00fcr Kinder vom unbeaufsichtigten Gebrauch von Smartphones, Tablets und \u00e4hnlichen Ger\u00e4tschaften ausgehen, werden doch recht gr\u00fcndlich ignoriert, bzw. nicht wahrgenommen. Diese Ger\u00e4te sind st\u00e4ndig mit dem Netz verbunden und die wenigsten Erwachsenen sind heutzutage in der Lage zu erkennen, wann und wie sie bei der Benutzung dieser Technologien in Probleme geraten k\u00f6nnten und noch weniger sind in der Lage ein solches Ger\u00e4t so zu konfigurieren, dass sie &#8222;kindersicher&#8220; werden. Diese Ger\u00e4te besitzen bekannter Ma\u00dfen GPS und Kameras, k\u00f6nnen auf unterschiedlichste Art gewollt oder auch ungewollt von Au\u00dfen kontrolliert werden. Das Bemalen der Leinwand mit den entsprechenden Schreckensszenarien \u00fcberlasse ich an dieser Stelle dem Leser.<br \/>\nUm es deutlich zum Ausdruck und auf einen Nenner zu bringen: Diese Ger\u00e4te&nbsp;sind keine Spielzeuge und das Internet ist kein Spielplatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber&nbsp;diese &#8222;Wie ist denn Euer WLAN-Passwort&#8220;-Sentenz erz\u00e4hlt mir, der sein t\u00e4glich Nutella als Software-Sicherheits-Architekt verdient, noch eine ganze Menge mehr und vor Allem er\u00f6ffnet es auch dem ein oder anderen digitalen B\u00f6sewicht mit schwarzem Hut v\u00f6llig neue Perspektiven, denn allein das Stellen dieser Frage impliziert, dass es <strong><em>oft genug<\/em><\/strong> positive Antworten und somit einen Zugang zu einem fremden Netzwerk gibt.<br \/>\nDas ist f\u00fcr einen potenziellen Angreifer &#8211; der ein oder andere mag ja schon mal was von Hackern geh\u00f6rt habe &#8211; gar geradezu eine Luxussituation, denn nur ein schlechter Hacker schl\u00e4gt sich mit dem Knacken von Passw\u00f6rtern rum, wenn diese vollkommen frei- und bereitwillig vom Besitzer des Netzwerkes in die Welt hinausposaunt werden. Social Engineering per Nachwuchs k\u00f6nnte da die neue gro\u00dfe Nummer werden und Junior wird f\u00fcr eine Erh\u00f6hung des Taschengeldes (oder f\u00fcr den Besitz eines eigenen Tablets) dazu eingespannt, Passw\u00f6rter in der Nachbarschaft zu ernten.<br \/>\nWie dem geneigten Rezipienten auffallen d\u00fcrfte, ist es in der Breite (wohl aber auch in der L\u00e4nge) mit der digitalen Medienkompetenz nicht all zu weit her.&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nehmen wir jetzt mal das Beste an und unterstellen keine b\u00f6sen Absichten, so bleibt doch trotzdem der bittere Beigeschmack, dass wir uns zwar unter Digital Natives bewegen, dies aber h\u00f6chstens auf Neandertaler-Niveau. Die heutige Kinder- (und auch die Parental-Generation) nutzen diese Medien, bewegen sich in der digitalen Welt, aber gr\u00f6\u00dftenteils ohne die daraus entstehenden Risiken und Konsequenzen zu kennen oder zu erkennen, oder sie werden bewusst ignoriert. Die meisten Whatsapp-Nutzer werden nicht in der Lage sein, diese App so einzurichten, dass sie sie nach der in unserem Land geltenden Rechtslage legal einsetzen k\u00f6nnen, aber sie tun es trotzdem &#8211; weil noch nichts passiert ist&#8230;und die Abmahnwirtschaft bisher keinen wirklich hohen Profit daraus erzielen vermag.<br \/>\nUnd was die digitale Erziehungskompetenz angeht: Wenn schon die Eltern und der Lehrk\u00f6rper nur bedingt verstehen, was die Risiken und Nebenwirkungen unserer digitalen Gesellschaft sind, dann empfinde ich diese sorglose Ausstatten des Nachwuchses mit digitalen, netzwerkf\u00e4hige Accessoires als grob fahrl\u00e4ssig, vergleichbar damit, dem Kind eine geladene Pistole in die Hand zu dr\u00fccken ohne ihm sagen zu k\u00f6nnen, wo vorne und hinten ist.<br \/>\nDas Netz vergisst nicht, da drau\u00dfen tummeln sich jede Menge unappetitliche Dinge und dass ein Kind, welches gerade mal ein zweistelliges Alter erreicht hat, halbwegs distanziert und sicher mit dem umgehen kann, was&nbsp;ihm&nbsp;in sozialen und nicht so sozialen Medien und Netzwerken begegnet, halte ich f\u00fcr absolut weltfremd.<br \/>\nWir als Erwachsene und sogar wir als Spezialisten auf diesem Gebiet haben es einigerma\u00dfen schwer, uns halbwegs schadensfrei durch diese Welt zu bewegen oder auch sie sicherer zu machen, wie k\u00f6nnen wir da von unseren Kindern erwarten, dass sie in der Lage sein sollten, diesen Sumpf trockenen Fu\u00dfes \u00fcberqueren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es braucht ein Umdenken, was den Umgang mit diesen Werkzeugen und Medien angeht, von Eltern, von Lehrern und von der Gesellschaft. Jeder sollte sich klar machen, dass, nur weil man sich nicht die Hand mit einem Smartphone abhacken kann, der Umgang damit nicht weniger Verantwortung bedarf, denn die Gefahren sind vielf\u00e4ltig und&nbsp; m\u00f6gen teilweise um Einiges bitterere Konsequenzen haben, als eine Fleischwunde.<br \/>\nJeder sollte sich hinterfragen, ob er selbst die Kompetenz hat, seinem Nachwuchs einen verantwortungsbewu\u00dften Umgang mit diesen Technologien zu vermitteln und ebenso die M\u00f6glichkeiten, dass Kind dementsprechend technisch zu unterweisen. Wer dies nicht kann, dem sei st\u00e4rksten angeraten, sich entsprechende Kenntnisse anzueignen, bevor er seinen Nachwuchs auf die digitale Welt losl\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einfach mal \u00fcber Folgendes nachdenken: Ein verlorenes oder verratenes Passwort kann heutzutage fatalere Konsequenzen haben, als ein entwendeter Hausschl\u00fcssel und wir alle weisen unsere Kinder doch oft genug darauf hin, blo\u00df nicht den Schl\u00fcssel zu verlieren&#8230;oder nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher einmal, in einer Zeit, an die ich mich nur noch vage zu erinnern vermag, sagte man als Kind bei seiner ersten Begegnung mit einem Erwachsenen &#8222;Guten Tag&#8220; oder &#8222;Hallo&#8220;. Nun, dies scheint mir heute nicht mehr der Fall zu sein. 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