{"id":921,"date":"2018-12-15T18:40:32","date_gmt":"2018-12-15T17:40:32","guid":{"rendered":"http:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=921"},"modified":"2018-12-15T18:47:57","modified_gmt":"2018-12-15T17:47:57","slug":"wie-man-sich-einen-klimawandel-ergoogelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=921","title":{"rendered":"Wie man sich einen Klimawandel ergoogelt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich gebe zu: die gew\u00e4hlte \u00dcberschrift ist wohl provokant, zumindest in der heutigen Zeit. Der Leser mag angesichts dieser Formulierung schon wieder an Fake News, alternative Fakten und Klimawandelleugnung denken und bereits die argumentative Artillerie in Stellung bringen, um das hier geschriebene in St\u00fccke zu schie\u00dfen. Mit diesem Bei\u00dfreflex muss man heutzutage wohl leben, von daher m\u00f6chte ich dem geneigten Rezipienten von vorne herein versichern, dass es genau darum nicht geht. Also dreimal tief durchatmen und sich dann einer vielleicht noch viel unbequemeren Wahrheit stellen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der diesj\u00e4hrige Klimagipfel ist noch nicht einmal richtig Geschichte und schon \u00fcberschlagen sich auf sozialen Plattformen, Foren und Blogs wieder Beitr\u00e4ge zur unmittelbar morgen fr\u00fch eintretenden Klimapokalypse. Der Tenor ist allgemein bekannt, die Menschheit hat es mal wieder verkackt und wenn wir nicht innerhalb von 24 Stunden s\u00e4mtlichen CO<sub>2<\/sub>-Aussto\u00df im Kern ersticken (hoho), werden wir alle untergehen. Da wird dann stolz und im Brustton der \u00dcberzeugung runtergebetet, zu welchem Verzicht man doch alles bereit ist und wie man sich doch selber gei\u00dfelt um dem Klimawandel entgegenzuwirken (sinngem\u00e4\u00df: &#8222;Ich unterst\u00fctze die Massentierhaltung nicht, ich bestelle meinen hochqualitativen Schinken in Spanien bei einem Spezialit\u00e4tenversandt&#8220; &#8211; ist klar, merkste selber, oder?). Richtig absurd wird es dann, wenn solche Diskussionen zum Beispiel in einem Triathlon-Forum gef\u00fchrt werden, wo sich Menschen rum treiben, die wohl rein vom \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck her eine der am wenigsten umweltfreundlichen Sportarten schlechthin aus\u00fcben d\u00fcrften (man fliegt in Trainingslager, l\u00e4sst sich High-End-Gadgets aus aller Welt herbeischiffen und \u00fcber den Footprint der Logistik eines Ironman- oder Challenge-Rennen m\u00f6chte ich gar nicht erst nachdenken).<br \/>\nNat\u00fcrlich sind die prim\u00e4ren Klimas\u00fcnder sofort ausgemacht: Flug- und Schiffsverkehr, zunehmender Autoverkehr (und nat\u00fcrlich ganz besonders die b\u00f6sen SUV-Fahrer), Massentierhaltung und die Verweigerung vegetarischer Lebensgewohnheiten, die Weigerung schneller aus der Kohlekraft aus zusteigen, etc. pp&#8230; Den meisten Lesern d\u00fcrfte diese Aufz\u00e4hlung gel\u00e4ufig sein. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle gar nicht anzweifeln, dass hinter all dem einiges an Wahrheit steckt, jedoch leider auch mal wieder eine geh\u00f6rige Portion Bigotterie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird n\u00e4mlich gerne vergessen, dass man zum diskutieren und weltverbessern sich gerade selber eines \u00f6kologisch hoch brisantem Mediums bedient. Und auf dieses wollen wir alle wohl nicht mehr verzichten. Smartphones, Tablets, PCs, Social Media, Blogs, Foren und vor allem (Google) Suchanfragen &#8211; all dass sind Dinge die Datenverkehr produzieren und dies nicht zu knapp. Und auch wenn der Datenverkehr die Treibhausgase nicht direkt in die Atmosph\u00e4re bl\u00e4st, so ist er doch aktuell f\u00fcr den Aussto\u00df von etwa 2% des Gesamtvolumens eben dieser verantwortlich (<a href=\"https:\/\/qz.com\/1267709\/every-google-search-results-in-co2-emissions-this-real-time-dataviz-shows-how-much\/\">Every Google search results in CO2 emissions. This real-time data viz shows how much<\/a>).<br \/>\nDas h\u00f6rt sich \u00fcberschaubar an, ist aber in etwa die gleiche Menge, die auch die gesamte Luftfahrtindustrie pro Jahr produziert. Prognosen f\u00fcr die kommen Jahre gehen davon aus, dass dieser Aussto\u00df mit weiterhin zunehmender Digitalisierung sich auf 3-4% erh\u00f6ht. Das w\u00e4re eine Verdoppelung und da schafft es dann nicht mal der Flugverkehr trotz optimistischer Wachstumsprognose mitzuhalten. Da mutet es schon ein wenig absurd an, dass man in Firmen gerne die Videokonferenz als \u00f6kologisch probates Mittel gegen\u00fcber dem pers\u00f6nlichen Meeting und den damit verbundenen Reiseaufw\u00e4nden propagiert.<br \/>\nDas mag auf den ersten Blick eventuell sogar richtig sein, die Tatsache dass das scheinbar \u00f6kologischere Modell dann aber gedanken- und bedenkenlos wesentlicher extensiver genutzt wird (gef\u00fchlt h\u00e4ngt man heutzutage bei gro\u00dfen Unternehmen ja in Dauer-Skype- oder Videokonferenzen) zeigt halt doch wieder recht deutlich ein Muster, auf dass wir immer und immer wieder reinfallen: Wenn es zu abstrakt wird oder die Konsequenz es erfordert, eine Ecke weiter als \u00fcblich zu denken, sind wir im Allgemeinen \u00fcberfordert.<br \/>\nDer Strom kommt eben nicht aus der Steckdose und nur weil etwas elektrisch und nicht mit Verbrennungsmotor (oder \u00e4hnlichem) betrieben wird, ist es nicht automatisch \u00f6kologisch und schon gar nicht klimaneutral. Indirektionen, die abstrakte Ideen wie Datenstr\u00f6me auf Umweltbelastung abbilden, sind dann f\u00fcr viele \u00fcberhaupt nicht mehr zu begreifen und die Tatsache, dass das normale monatliche Google-Verhalten oder auch der Klick auf den Facebook-Like-Button daf\u00fcr ausreicht, das Schadstoff\u00e4quivalent einer Autofahrt von ein bis zwei Meilen zu produzieren, l\u00e4sst am Ende wohl die Synapsen eines jeden radikalen Umwelt-Radlers kollabieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hei\u00dft dass also im Umkehrschluss?<br \/>\nLetztendlich doch nur folgendes: Dieses andauernde Finger-Pointing auf die vermeintlich Schuldigen, dass st\u00e4ndige Isolieren, Runterbrechen, Simplifizieren auf scheinbar Offensichtliches, hilft in dieser ganzen Diskussion nur bedingt. Es sind nicht <span style=\"text-decoration: underline;\">die<\/span> Flugreisenden oder <span style=\"text-decoration: underline;\">die<\/span> Schiffsfahrenden, nicht <span style=\"text-decoration: underline;\">die<\/span> Diesel- oder SUV-Fahrer, <span style=\"text-decoration: underline;\">die<\/span> Fleischesser oder <span style=\"text-decoration: underline;\">die<\/span> Touristen, auf die man zeigen kann, weil man selber glaubt, alles richtig zu machen, w\u00e4hrend man seinen moralisierenden Beitrag f\u00fcr Facebook oder sonst eine Plattform verfasst. Wir k\u00f6nnten genauso gut einfach das Datenvolumen, dass einem Nutzer im Monat zusteht auf einen Gigabyte oder weniger reduzieren (inklusive Musik- oder Video-Streaming), die Anzahl der Suchanfragen, \u00fcberhaupt die Anzahl der datenkonsumierenden- und produzierenden Ger\u00e4te pro Haushalt und pro Unternehmen (was dann nat\u00fcrlich wieder zu einem erh\u00f6hten Datenaustausch \u00fcber analoge Wege f\u00fchrt &#8211; Post, Auto, Dienstreisen, was dann wiederum&#8230;usw. usf.)<br \/>\nDa ist dann dass Geschrei aber auch wieder gro\u00df (erstaunlicherweise meistens auch von denen, die ansonsten gerne den Verzicht predigen), meistens mit dem Hinweis und gro\u00dfen Klagelaute \u00fcber die Tatsache verbunden, dass Deutschland ja sowieso digitales Brachland ist, weil wir es nicht mal schaffen, fl\u00e4chendeckende Mobilfunktnetzabdeckung mit Highspeed-Internet anzubieten. Irgendwie schon sehr verlogen, oder?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht damit getan, dass wir nur verlangen auf dieses zu verzichten und jenes abzuschalten oder abzuschaffen (vorzugsweise nat\u00fcrlich immer das, was uns selber am wenigsten st\u00f6rt und am wenigsten beeintr\u00e4chtigt). Genauso wenig k\u00f6nnen wir verlangen, dass andere ihr Streben nach dem gleichen Lebensstandard, wie wir ihn haben, aufgeben. Es ist immer einfacher Verzicht genau dann zu \u00fcben, wenn man bereits viel hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bedeutet das am Ende? Vermutlich nur, dass wir die B\u00fcchse der Pandora so erstmal nicht mehr zubekommen. Nicht damit, dass st\u00e4ndig bei irgend welchen Klimakonferenzen irgend welche abstrakten Ziele mit teilweise w\u00fcst aktionistischem Handeln eben nicht eingehalten werden k\u00f6nnen. Auch nicht damit, dass wir die Moralkeule schwingen und glauben, dass wir bei unserem Handeln die \u00dcbersicht haben, welche Folgen es f\u00fcr wen oder was hat.&nbsp;<br \/>\nH\u00e4tte ich eine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem, dann w\u00fcrde ich nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben. Vielleicht m\u00fcssen wir auch einfach mal hinnehmen, dass wir jetzt aktuell und in diesem Moment noch keine L\u00f6sung gefunden haben, wie wir&nbsp; mit dem Klimawandel umgehen sollten. Das einzige was ich wei\u00df ist, dass die Antworten auf die komplexen Fragen eben nicht so einfach sind wie &#8222;E-Auto, Fleisch-Verzicht, \u00d6kostrom&#8220;, denn wenn man sich immer nur auf das scheinbar Offensichtliche konzentriert, rutscht einem vielleicht auch mal die nicht ganz so offensichtliche Antwort und damit eine m\u00f6gliche L\u00f6sung durch die Finger.<\/p>\n<p>In diesem Sinne,<br \/>\nbe responsible and think before you google&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gebe zu: die gew\u00e4hlte \u00dcberschrift ist wohl provokant, zumindest in der heutigen Zeit. Der Leser mag angesichts dieser Formulierung schon wieder an Fake News, alternative Fakten und Klimawandelleugnung denken und bereits die argumentative Artillerie in Stellung bringen, um das hier geschriebene in St\u00fccke zu schie\u00dfen. 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