{"id":939,"date":"2019-12-30T19:10:37","date_gmt":"2019-12-30T18:10:37","guid":{"rendered":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=939"},"modified":"2019-12-30T19:10:37","modified_gmt":"2019-12-30T18:10:37","slug":"wer-mit-doppelten-massstaeben-misst-misst-trotzdem-nicht-genauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frontal.richard-wolfram.de\/?p=939","title":{"rendered":"Wer mit doppelten Ma\u00dfst\u00e4ben misst, misst trotzdem nicht genauer"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schon wieder Jahresende und schon wieder habe ich hier nicht die Dinge zu digitalem Papier gebracht, die mich dieses Jahr wirklich besch\u00e4ftigt haben. Offenbar taugt dieser Blog nur noch dazu, meinen traditionellen Jahres-End-Rant zu publizieren. Folglich werde ich diesen auch ganz traditionell &#8211; darf man das heutzutage eigentlich noch? &#8211; p\u00fcnktlichst zum Besten geben. Sozusagen als Aggregation dessen, was ich dieses Jahr nicht los geworden bin. Also schnallt Euch an, setzt einen Helm auf und lasst Eure Emp\u00f6runsdr\u00fcsen gl\u00fchen!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines habe ich dieses Jahr durchaus eindrucksvoll gelernt, obwohl sich eine Tendenz schon in den letzten Jahren abgezeichnet hat: Satire darf ALLES! Sie darf polarisieren, polemisieren, beleidigen, simplifizieren, sie muss nicht gut recherchiert oder gar fundiert sein. Es ist ja Satire und die Verteidiger eben jener &#8222;Kunstform&#8220; werden nicht m\u00fcde dies zu betonen. Zumindest solange, wie das satirische Machwerk genau ihren Meinungen entspricht. Aber wehe, sie l\u00e4uft genau dieser eigenen Meinung entgegen. Dann muss die Satire, die bis gerade eben noch alles durfte, fundiert, sachlich und pr\u00e4zise sein und am Besten auf wissenschaftlichen Fakten beruhen.<br>Es darf, sogar von richterlicher Seite best\u00e4tigt, beleidigt und diffamiert werden was das Zeug h\u00e4lt. Am Ende muss man dann halt zur\u00fcckrudern oder die &#8222;Satire darf alles&#8220;-Karte spielen. Nur, wenn Ihr eine solche Karte spielt, dann solltet Ihr auch faire Verlierer sein, wenn pl\u00f6tzlich die Richtung aus der die &#8222;Satire&#8220; kommt Euch unangenehm wird, weil sie im besten Falle vielleicht nicht Eurer Meinung entspricht und im schlimmsten Falle Ihr Euch ertappt f\u00fchlt. Es hat mich doch erstaunt, wie viele aufrechte Verteidiger der Meinungsfreiheit und der totalen Satire pl\u00f6tzlich Zensur schreien, wenn der satirische Wind mal aus der falschen Richtung weht.<br>Nun habe ich im vorherigen Absatz genau diese Kunstform, wenn es denn eine solche ist, in Anf\u00fchrungszeichen gebettet. Daf\u00fcr gibt es genau einen Grund: All das was sich heute als Satire bezeichnet kann man zu einem sehr hohen Prozentsatz in die Tonne treten, denn gute Satire braucht keine Schimpfworte, Beleidigungen oder billige Polemik. Wer so etwas abfeiert f\u00e4hrt diese Kunstform auf das Niveau eines &#8222;Comedians&#8220; des Typs &#8222;Mario Barth&#8220; herunter. Das hat nichts mehr mit Spiegel vorhalten und \u00fcberspitzten Darstellungen zu tun. Es ist billige Effekthascherei, die sich auf einer Ebene mit den Werkzeugen der Springer-Presse bewegen. Gute Satire schl\u00e4gt Dir nicht mit der flachen Hand ins Gesicht und freut sich dar\u00fcber, dass Du &#8222;Aua&#8220; sagst. Gute Satire ist subtil, legt Missst\u00e4nde mit einem Skalpell und nicht mit einer Kettens\u00e4ge offen und ist definitiv kein Fastfood, dass man einmal kurz in den multimedialen Kan\u00e4len dieser Republik verf\u00fcttert, nur um dann zu schauen, wer davon kotzen muss.<br>Die entscheidende Frage ist: Gibt es so etwas noch? Ja, aber nicht in den medialen Kan\u00e4len dieser Republik. Wie ich in den letzten Wochen lernen durfte und musste, gibt es Kabarettisten und Satiriker, die f\u00fcr das Programm der \u00f6ffentlich rechtlichen Bed\u00fcrfnisanstalten (gro\u00dfen Dank f\u00fcr diese Wortsch\u00f6pfung an Georg Schramm) entsch\u00e4rft werden m\u00fcssen. Und dass, obwohl ihr gesamtes B\u00fchnenprogramm kein einziges Schimpfwort, keine F\u00e4kalsprache und keine direkten Verunglimpfungen enth\u00e4lt. Es ist lediglich politisch absolut inkorrekt und zwar in jedermanns und auch fraus Richtung. Und das ertr\u00e4gt die breite \u00d6ffentlichkeit nicht (mehr).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also Ursachenforschung? Lieber nicht, es w\u00e4re zu desillusionierend. Diese Tendenz, sich selbst mit banalstem plakativem Schwarz-Wei\u00df-Denken f\u00fcr intellektuell, weltoffen und aufgekl\u00e4rt zu halten hat in den letzten Jahren wirklich neue H\u00f6hen erreicht. Bei jeder Diskussion wirft man mit Links und Webseiten um sich, die die eigene Position zu untermauern scheinen und klickt solche ganz schnell weg, die eventuell das eigene Weltbild nicht hundertprozentig st\u00fctzen. Sollte doch eine solche Quelle ins Feld gef\u00fchrt werden, dann setzt man sich nicht mit den Inhalten auseinander, sondern die erste Reaktion ist immer, den Urheber und Autor zu diskreditieren. Es wird viel \u00f6fter eine akribische Biographie-Recherche betrieben, um irgendwo irgendwas zu finden, was einen Autor als politisch extrem, unwissenschaftlich oder populistisch entlarven soll, obwohl man die gleiche Energie ebenso in den Inhalt eines Artikels, eines Textes oder eines Buches stecken k\u00f6nnte, um sich vielleicht wissenschaftlich und\/oder sachlich damit auseinander zu setzen. Interessant, nicht wahr?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie komme ich jetzt darauf? Wie oben schon erw\u00e4hnt, wird b\u00f6sartige &#8222;Satire&#8220; gerne als fundierte Tatsache hingenommen, wenn sie in das gerade vorherrschende eigene Weltbild passt. Hinterfragt wird nicht, schon gar nicht hinterfragt man sich selbst. Aber wehe, es l\u00e4uft der eigenen Meinung oder gar einer harten \u00dcberzeugung entgegen. Dann wird mit (pseudowissenschaftlicher) Akribie all das auseinander genommen, was eben einer solchen &#8222;Untersuchung&#8220; gar nicht standhalten kann, weil es daf\u00fcr auch nie geschaffen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Untermauert wird ein solcher Aktivismus mit dem inzwischen&nbsp; meist \u00fcberstrapazierter Satz der letzten Jahren: &#8222;Die Wissenschaft ist sich einig, dass&#8230;&#8220;. Das ultimative Totschlagargument. Und leider auch &#8211; ohne das es jemand merken w\u00fcrde &#8211; der Satz welcher, wenn er denn korrekt w\u00e4re, bedeuten m\u00fcsste, dass wir alle am Arsch sind.&nbsp;<br>Ich wei\u00df nicht genau wie viele Menschen, die diesen Satz in welcher Form auch immer von sich geben, wirklich selber studiert haben. Aber eines wei\u00df ich: Jeder, der ansatzweise gelernt hat, was wissenschaftliches Arbeiten bedeutet, sollte die Fatalit\u00e4t dieses Satzes erkennen: Die Wissenschaft (die man im \u00dcbrigen auch nicht verallgemeinern kann oder sollte) darf sich nicht einig sein, NIEMALS! Eine Wissenschaft, die sich einig ist, ist tot. Jede Wissenschaft muss konstant und zu jeder Zeit ihre Erkenntnisse hinterfragen, muss immer zweifeln und ihre Theorien jeglicher Art von Gegenpr\u00fcfung unterziehen. Eine Wissenschaft darf eine etablierte Theorie haben, ein Modell, welches aktuell als das Richtige angenommen werden kann. Aber keine Wissenschaft und kein seri\u00f6ser Wissenschaftler darf sich hinstellen und dieses f\u00fcr unangreifbar erkl\u00e4ren oder sich dagegen wehren, dass eine Theorie von anderen Wissenschaftlern hinterfragt wird. Wenn dies geschieht wird die Wissenschaft zu einer Religion und die Verfechter des oben genannten Satzes zu J\u00fcngern und Missionaren. Und damit tr\u00e4gt man die Wissenschaft, m\u00f6glichen Fortschritt und eventuell wichtige Erkenntnisse zu Grabe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andererseits passt ein solches Verhalten doch ganz gut in die aktuelle Zeit. Immer dann, wenn Menschen sich von der allgemeinen Situation \u00fcberfordert f\u00fchlen, komplexe Geschehnisse nicht mehr (be)greifen k\u00f6nne oder ihre Existenz gef\u00e4hrdet sehen, sucht man sich ein Glaubenskonstrukt, welches die Welt f\u00fcr einen simplifiziert. Eines, dass einem plausibel und vor allem mehrheitsf\u00e4hig erscheint. Sie verlangen Instanzen, auf die sie sich verlassen k\u00f6nne: F\u00fchrergestalten\/Erl\u00f6ser, die ihnen eine Sto\u00dfrichtung vorgeben, argumentative Instanzen, auf die sie sich berufen k\u00f6nnen und nat\u00fcrlich Feindbilder, die sie nach innen hin zusammenschwei\u00dfen und von denen sie sich nach au\u00dfen hin abgrenzen k\u00f6nnen.<br>Schaut man sich in der Welt um, dann findet man genau dies&#8230;auf ALLEN B\u00fchnen, nicht nur den politischen. Vermeintliche Satire ist da nur eine von vielen Ausw\u00fcchsen. Gespaltene Gesellschaften, N\u00e4hrboden f\u00fcr dumpfen Populismus, bei welchem sich wirklich jeder mal pr\u00fcfen sollte, ob er oder sie nicht vielleicht auch auf plakativen Bl\u00f6dsinn hereingefallen ist oder diesen sogar selbst noch befeuert. <br>Es richt verd\u00e4chtig danach, dass wir uns in Richtung eines intellektuell eher d\u00fcsteren Jahrzehnts bewegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willkommen in den 20ern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Over and out&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon wieder Jahresende und schon wieder habe ich hier nicht die Dinge zu digitalem Papier gebracht, die mich dieses Jahr wirklich besch\u00e4ftigt haben. Offenbar taugt dieser Blog nur noch dazu, meinen traditionellen Jahres-End-Rant zu publizieren. Folglich werde ich diesen auch ganz traditionell &#8211; darf man das heutzutage eigentlich noch? &#8211; p\u00fcnktlichst zum Besten geben. 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