Survival Is Insufficient – des Jahres-End-Rant dritter Teil

Es ist Zeit! Zeit für das Finale meines diesjährigen Rants, aber vor allem Zeit mal darüber zu reflektieren, wo wir in den nächsten Wochen, Monaten oder Jahren hin schlittern werden. „Survival Is Insufficient“ – welch Zitat einer ehemaligen Borg-Drohne könnte passender sein. Auch wenn „Überleben“ offenbar momentan der einzig gültige und scheinbar in der breiten Masse akzeptierte Narrativ zu sein scheint, wäre es für den einen oder anderen doch gar nicht mal schlecht, den Kopf zu heben und ein wenig weiter als auf die zwei Meter Straße vor ihm zu Blicken.

„Das Jahr, in dem wir auf Zahlen starrten.“ Auch so ließe sich 2020 zusammenfassen. Selten habe ich eine Bevölkerung außerhalb von Sport- und Wahlgeschehen so fixiert auf Statistiken erlebt. Und ähnlich wurde es auch gehandhabt. Indizes, R-Werte, Hitlisten von Infektionsstandorten, Neuinfektionen pro Tag, Woche, Minute. Diskussionen darüber, wer das bessere Ergebnis, die besseren Zahlen liefern kann. Jeden Morgen der Bericht im Radio bei dem verkündet wurde: 14.312 mehr Infizierte, 545 mehr Tote. Schweden macht es besser, nein schlechter, Österreich hat verloren, die Italiener haben eine harte Klatsche bekommen, wir sind Weltmeister. Alles bis ins kleinste statistische Detail und auf die 10 Nachkommastelle genau berechnet. Der Mehrwert für die breite Masse? Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, aber zumindest hat es den Fakt offengelegt, dass wir eklatanten Nachholbedarf in der Bildung beim Umgang mit Statistik haben.

Die Zahlen selbst sollen aber auch gar nicht das Thema sein (Ihr erinnert Euch? Im ersten Teil sagte ich, dass wir uns frühsten in einigen Jahren darüber unterhalten können). Vielmehr hat mich verstöre, wie sehr doch ein Gros der Bevölkerung vor diesen Zahlen saß und darauf starrte und immer noch starrt, wie das Kaninchen auf die Schlange. Diesen Zahlen kann man bis heute – und vermutlich auch noch weit in die nächsten Jahre hinein – einen gewisse göttliche Macht nicht absprechen. Sie entschieden über Mehl-, Nudel- und Klopapierkonsum, haben zu mehr Auseinandersetzungen geführt als Lokalderbies zwischen Dortmund und Schalke oder Frankfurt und Offenbach und haben sogar die Fähigkeit langjährige Freundschaften und Beziehungen zu zerstören. Warum? Weil jeder glaubt, aus diesen Zahlen die ultimativ göttliche Wahrheit herauslesen zu können. Und wenn nicht, dann hat man exponentielle Wachstum „nicht verstanden…“ (siehe Teil II des Rants).

Letztendlich ist es halt, wie mit dem Fahrrad im Straßenverkehr: Man starrt auf die zwei Meter Asphalt genau vor sich und knallt dann in die Stoßstange des LKWs, dessen plötzliches Bremsen man übersehen habt. Aktuell ist jeder mit „Überleben“ und „Leben retten“ beschäftigt. Ist ja auch recht einfach, dieses „Leben retten“. Erreicht man ja durch absolute Passivität. Aber um Lisa Eckhart mal zu zitieren: „Ihr rettet keine Leben. Ich bringt nur niemanden um und das ist doch das Mindeste, was man erwarten darf.“

Die Frage, die sich bei dem Blick auf die metaphorische Schlange aber wohl die Wenigsten stellen (denn das ist aktuell verpönt, da man ja gefälligst mit „Überleben“ beschäftigt zu sein hat). Wie geht es in 10 Metern weiter, in einem Kilometer, in 100 Kilometern? Genau so wenig, wie die eine Seite akzeptiert, dass es eine medizinische Ausnahmesituation ist, weigert sich die andere Seite zu akzeptieren, dass wir gerade an einem radikalen Scheideweg für unser Miteinander stehen und wir unsere Gesellschaft wie wir sie vorher hatten, so nicht mehr zurück bekommen werden. Und nein, sie wird auch nicht besser werden.

Schaut Euch mal um und seit mal ehrlich zu Euch selbst: Wie viele Freundschaften und langjährige Beziehungen in Eurem Umfeld hat dieses Jahr nachhaltig negativ beeinflusst? Wie viele Menschen, die Euch nahe stehen oder nahe gestanden haben, habt ihr inzwischen mental insgeheim als Idioten, Leugner, Extremisten abgestempelt? Wie viele „Freunde“ habt Ihr aus Kontaktlisten und Social-Media Accounts entfernt oder geblockt? Und vor Allem: Traut Ihr Euch noch, mit Bekannten und Freunden offen über die Themen wie unsere Pandemie-Politik, Maßnahmen, etc. zu reden? Oder überlegt ihr Euch sehr genau, was Ihr von Euch gebt, weil Ihr nicht genau wisst, wie der andere tickt und was dessen Meinung ist?

Lasst mich an dieser Stelle absolut ehrlich mit Euch sein: Ich habe dieses Jahr sehr oft erlebt, wie Menschen, teilweise sogar sich sehr nahe stehende, mit diversen Meinungen zu der Situation und den Maßnahmen bei Gesprächen sehr sehr vorsichtig umeinander herum laviert sind. Man wusste ja nie, wie die andere Seite denkt, ob man mit seiner Meinung vielleicht in der Minderheit ist und ob auch nur das leiseste Anklingen einer nicht konformen Meinung zu zwischenmenschlichen Totalkatastrophen führen würde.

Da bleibt mir nur zu sagen: Zu spät! Wir haben es bereits geschafft, eine zwischenmenschliche und soziale Totalkatastrophe herbeizuführen. Wir haben es, auch mit Hilfe der Medien, geschafft, selbst in engsten Freundeskreisen misstrauisch und ängstlich zu agieren. Wir trauen uns nicht mehr, uns offen auszutauschen, weil wir ganz schnell jemanden mit unliebsamer (oder seit diesem Jahr auch gerne „gefährlicher“) Meinung in eine der bereit gestellten Schubladen sortieren: Covidioten, Lockdown-Fetischisten, Querdenker, Nazis, Corona-Leugner, etc.

Es wird sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, zu unterscheiden, ob nur hinterfragt wird, ob eventuell vielleicht nur sogar ein Aspekt von der eigenen Meinung abweicht. Nein, es wurde ein globaler Beißreflex herangezüchtet, etwas, was es in dieser radikalen Form in den letzten Jahrzehnten in diesem Ausmaß nicht gab.

Wir sollten – gerade in unserem Land – eigentlich hellhörig werden, wenn wir selber merken, dass wir bei Gesprächen und Diskussionen mit Freunden, Bekannten, Nachbarn immer vorsichtiger und zurückhaltender bezüglich der eigenen Meinung werden. Könnte der andere denken, dass man die falsche Gesinnung hat? Wem könnte er das erzählen? Und schon sind wir an der Stelle, wo wir eine öffentliche Fassade produzieren, die unsere „Mit“menschen von uns zu sehen bekommen (ja, auch die uns näher stehenden) und wir mit unseren Meinungen und Zweifeln alleine umgehen müssen.

„Survival is Insufficient“ – mit dieser Prämisse bin ich heute gestartet. Und genau hierauf komme ich jetzt zurück. Irgendwann wird die aktuell pandemische Situation vorüber sein (zumindest vorübergehend), dann haben wir sie medizinisch im Griff. Dann mögen die finanziellen Aufräumarbeiten beginnen. Und dann? Die gesellschaftlichen Schäden, die wir hinterlassen haben, werden sich nicht einfach in Nichts auflösen. Die ehemaligen Freunde, die sich gegenseitig als Idioten und asoziale Arschlöcher bezeichnet haben, werden sich nicht einfach wieder in die Arme fallen, denn das, was hier gesät wurde, ist ein grundlegend tiefes Misstrauen. Jemanden, den Ihr für Euch als geistig als Flachpfeife abgestempelt habt, wird es hinterher nicht weniger sein. Die Distanz wird bleiben. Was gedacht wurde, kann nicht ungedacht gemacht werden.

Wir haben es geschafft, entlang vieler Kanten in unserer Gesellschaft Sollbruchstellen entstehen zu lassen. Es ist genau das Gegenteil von dem passiert, was uns unsere Populismuströten gerade verkaufen wollen: Wir sind weder enger zusammen gerückt noch sind wir solidarischer geworden. Im Gegenteil. Wir sind vorsichtig geworden, viele haben eine Fassade aufgebaut, nicht nur die, die der allgemeinen Meinung entgegen, sondern auch die, die der allgemeinen Meinung hinterherlaufen und sich durch besonderen Enthusiasmus beim öffentlichen Ausleben all der Maßnahmen auszeichnen, wenn man dann aber unter sich ist, gerne auch Fünf mal gerade sein lassen.

Die Frage, die sich mir stellt: Will ich in einer solchen Gesellschaft leben, bzw. kann ich es? Es mag extrem klingen, aber überleben ist für mich eben nicht das einzig Entscheidende. Man kann sich an viele Gegebenheiten anpassen, aber es war nie meine Sache, mich nach unten zu orientieren. Jemand, der in einem anderen gesellschaftlichen System aufgewachsen ist, mag damit klar kommen. Aber auch das ist vielfach nicht der Fall, ansonsten hätten wir nicht einen stetigen Strom an Flüchtlingen, die nicht nur Überleben, sondern BESSER leben wollen. Wie ich schon an anderer Stelle schrieb: Ich könnte in einem totalitären System nicht existieren.

Leben ist mehr als die pure Existenz. Viele merken dass hier noch nicht, weil Morgens immer noch ausreichend Nutella und fünf Sorten Wurst auf dem Tisch steht, man sein Hirn immer noch per Videostreaming und Online-Gaming ins Standby schalten kann und man sich selbst immer noch in die Tasche lügt, dass wir das alles ganz toll machen.

Nein, machen wir nicht! Der LKW hat bereits gebremst, wir starren auf die zwei Meter dunklen Asphalt vor uns und rasen auf die Stoßstange zu. Diejenigen, die aktuell einen Blick weiter nach vorne werfen, halten den Mund, weil es gesellschaftlich momentan nicht akzeptiert ist, auf den bevorstehenden Einschlag hinzuweisen. Immerhin sind wir gerade damit beschäftigt, Leben zu retten.

Vermutlich wird sich ein nicht kleiner Teil danach irgendwie mit dem, was wir dann als unsere Gesellschaft bezeichnen vorübergehend arrangieren können. Schön für Euch. Für mich ist es die erwähnte Zahnpasta, die wir da raus gedrückt haben. Wir werden immer mehr von Shitstorms, Twitter-Mobs und öffentlicher Empörung gesteuert und gerade wird das nächste Stockwerk im Konstrukt dieser Mechanismen aufgelegt. Ich will das nicht!

„Survival is Insufficient“ – ein Zitat aus einer Star Trek Voyager-Episode, in der Seven-Of-Nine darüber entscheiden musste, das Leben dreier ehemaliger Borg-Drohnen zu retten, in dem sie sie dazu verdammte, einfach nur im Kollektiv zu existieren, oder ihnen Individualität zuzugestehen, auch wenn dies deren Ableben nach wenigen Monaten zur folge hatte.

Ich habe, genau wie jeder andere auch, keine Ahnung, was das nächste Jahr bringen wird. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir den aktuellen Zustand aufrecht erhalten können oder wann die Menschen an ihre mentalen, körperlichen und wirtschaftlichen Grenzen kommen werden. Ich weiß aber, was dieses Jahr mit vielen von uns gemacht hat, bei einigen bewusst, bei anderen unbewusst.

Was ich mir für 2021 wünsche? Mehr Reflektion, mehr Voraussicht und vor allem, dass viele sehen mögen, dass die Gesellschaft in der wir leben, keine Naturkonstante ist, sondern historisch gewachsen, dass der Grund, warum wir trotz dieser ausgedehnten Pandemie nicht in einem wirtschaftlichen und medizinischem Totaldesaster enden, ein Gemeinschaft ist, die vielleicht doch so viel nicht falsch gemacht hat. Wir sollten vor lauter „Leben retten“ nicht vergessen, dass das auch in Zukunft nur funktioniert, wenn wir leben und nicht nur existieren. Ich möchte nicht in einer Welt voller sozialer Krüppel leben, in der es nur noch darum geht, sich immer wieder nur für Schwarz oder Weiß entscheiden zu müssen und alle anderen Schattierungen zu verdammen, in der ein normatives Sozialpunktesystem durch die Konditionierung der Breiten Masse etabliert und die bloße Existenz zum Dogma erklären wird. Ihr vielleicht?

So, das war‘s. Over & Out 2020. Schauen wir, was uns 2021 so über unsere Mauern wirft. Vielleicht sehen wir uns, in Eurer, meiner oder unserer Welt. It‘s up to you…

Bigotterie für Fortgeschrittene – des Jahres-End-Rant zweiter Teil

Wo war ich gestern stehen geblieben? Ach richtig! Die Tatsache, dass Krisensituationen den wahren Kern einer Gesellschaft oder zumindest Teile einer Gesellschaft gnadenlos offenlegen. Den Katalysator dafür liefern zumeist die Medien in jedweder Form, egal ob On- oder Offline. Sie liefern das Gedankengranulat, welches dann dazu verwendet wird, einen vermeintlichen Diskurs zu führen oder pauschal mit intellektuellen Dumm-Dumm-Geschossen (Wortspiel beabsichtigt!) diesen gnadenlos zu polarisieren. Und damit auch das „Bildungs“bürgertum sich nicht überfordert zeigt, kommt dieses Rohmaterial fast ausschließlich in Form von #Hashtags und kurzen prägnanten Parolen daher.

Es ist wohl kein Geheimnis, dass man durch die Technik der absoluten Reduktion aufs syntaktische Minimum einen Rezipienten beim Verstehen eines Satzes absolut jedwede geistige Leistung abnehmen kann. „Erst zahlen, dann fahren“, so steht es in vielen Parkhäusern an der Wand und offenbar hat sich dieser Minimalismus bisher bewährt. Nebenbei ist die Verwendung eben dieser Technik ein gängiges Mittel jedweder Form von Propaganda, sowohl politischer als auch kommerzieller, gerne auch Werbung genannt. Die moderne Online-Variante dieser Methodik ist der imperative Hashtag: #StayTheFuckHome, #WashYourHands, #DistanceYourself, etc. Das absolut Fantastische an diesen Tags ist, dass man sich damit scheinbar an jedweder Diskussionen beteiligen kann und diese als valide Argumente behandelt werden müssen. „Ich würde gerne über Sinn und Zweck von….“ – „Du hast nichts verstanden, #StayTheFuckHome“. Und jetzt darf jeder gerne mal raten, wer sich bei diesem kurzen Beispiel als „geistig überlegen“ gefühlt hat.

Prinzipiell hat jeder, der über den Kontext und die Inhalte von Hashtags diskutieren will, „nichts verstanden“. Egal ob bei #MeToo, #BlackLiveMatters oder #StopEatingMeat. Die Reduzierung von komplexen und vielleicht zu reflektierenden Sachverhalten auf einige Schlagworte ohne die Notwendigkeit darüber zu reflektieren ist einer der großen Meisterleistungen der (sozialen) Medien. Mechanismen, von denen man glaubte, dass sie in den dunklen Tiefen der Geschichte auf Nimmerwiedersehen entschwunden wären, zeigen sich plötzlich als ausgesprochen funktionell. Und es funktioniert wunderbar und unterbindet jede Form von gedanklicher Nachbetrachtung.

„Jedes Leben zählt.“ So tönte es, von der Bundeskanzlerin, von Söder und von so manch anderer populistischen Opportunistenflöte. Ein schöner Satz, oder? Kurz, prägnant, eingängig, eines Hashtags würdig. Wer will diesem widersprechen, wäre es doch „asozial“ (gute Güte, was heutzutage alles asozial ist) genau dies mal genauer zu durchleuchten und zu hinterfragen. Braucht man aber gar nicht. Diverse Nachrichtensendungen, Portale und Printmedien nehmen einem diese Arbeit gerne ab, man muss nur mal ein wenig weiter lesen, hören oder schauen, als bis zum Schlagwortverzeichnis.

Eigentlich hätte die Tatsache schon gereicht, dass dieser von unserer politischen Elite verzapfte Hashtag genau in dem Zeitraum geprägt wurde, als man sich europaweit in Regierungskreisen darüber stritt, wie man nach dem Auftreten von COVID-Infektionen mit den über 15.000 Flüchtlingen im Lager Moria umzugehen habe. Nein nein, ganz ehrlich, „Jedes Leben zählt!“ Dafür setzen wir 2020 Himmel und Hölle in Bewegung, und zwar in jedem verdammten Land der EU, ach was, weltweit. Aber wir streiten uns Wochen darüber, ob und wie 15.000 Flüchtlinge in Europa verteilt werden könnten. 15.000 geteilt durch 27 (die Anzahl der EU-Mitgliedsstaaten)! Das sind pro Land 555,55 Menschen. Na ja gut, dann vielleicht ein Paar Familien mit Kindern? Alte? Hmm Alte? Nee, das sind schon zu viele, die belasten unser System! Aber jedes Leben zählt. Oder haben wir da was falsch verstanden? Haben wir vergessen, den Relativsatz dahinter zu lesen? Wissen wir nach all den Hashtags überhaupt noch, was ein Relativsatz ist? Hieß es nicht vielleicht „Jedes Leben, welches Steuern zahlen kann, zählt?“ Oder „Jedes Leben, dass uns Wählerstimmen bringt, zählt?“.

Ach so, fast hätte ich es vergessen. Die Diskussion müsste ich ja an dieser Stelle mit dem Phrase „#Whataboutism, Du hast nichts verstanden…“ beenden, oder? Sorry, so funktioniert das nicht, denn die einzig valide Möglichkeit, die Diskrepanz zwischen der Handlung und dem Gesagten aufzuzeigen, ist diese auf ihre Allgemeingültigkeit zu überprüfen. Wer hier glaubt, so etwas mit „#Whatbaboutism“ unterbinden zu können, der hat nichts verstanden. So ähnlich verhält es sich übrigens mit dem allseits beliebten „Dunning-Kruger-du-hast-keine-Ahnung-glaubst-es-aber“-Totschlagargument. In 90% aller Fälle hält der Diskutant seine argumentative Pistole falsch herum.

Zurück zum Thema: Aber das ist ja nur ein ganz schwaches und singuläres Beispiel könnte man entgegenhalten. Ist es das? Diskutieren wir ganz leise im Hintergrund nicht noch immer darüber, ob und wie viele Flüchtlinge man aus dem Mittelmeer fischt? Genehmigt unsere Regierung nicht immer noch milliardenschwere Waffengeschäfte mit Ländern, deren Definition von zivilisiert nicht unbedingt deckungsgleich mit unserer ist? Haben uns die Epidemien, Bürgerkriege und Menschenrechtsverletzungen der letzten Jahrzehnte auch Ansatzweise dazu bewegt, mehr zu tun, als den Zeigefinger zu heben und ein paar Milliönchen locker zu machen, um „das Schlimmste“ abzuwenden? Waren wir auch in diesen Fällen daran interessiert, „jedes Leben“ zu retten, und wenn es nur für ein paar Jahre ist? Oder haben wir all das zu Gelaber verkommen lassen, weil es „nicht hier“ passiert ist?

HIV war der epidemische Schrecken der 80er. Der ein oder andere mag sich noch daran erinnern. Wie kommt es eigentlich, dass wir uns heute und hier darüber keinen oder nur noch sehr wenig Kopf um diese Krankheit machen? Dagegen impfen kann man bis heute schließlich nicht. Nein, aber wir haben inzwischen Therapien, die es ermöglichen, dieses Virus so gut unter Kontrolle zu bringen, dass fast jeder damit ein normales Leben führen kann und bei erfolgreicher Behandlung nicht mal mehr infektiös ist. HIV ist nicht mehr das tödliche Schreckgespenst, dass es für uns alle vor 35 Jahren war. Ja, für UNS. Trotz alle dem sind dieses Jahr wieder ungefähr 1.6 Millionen Menschen weltweit aufgrund von HIV gestorben, so wie jedes Jahr in der vergangenen Dekade auch. Warum? Keine Ahnung. Aber offensichtlich zählt halt doch nicht jedes Leben, sondern nur die, die das Glück haben, im richtigen Land geboren worden zu sein.

„Wenn wir gewollt hätten, hätten wir dieses Virus in den Griff kriegen können.“ Auch eine beliebte Floskel aus den aktuellen Diskussion-Blase. Hätten wir? Es könnte genau so gut auf HIV zutreffen, oder Malaria, oder TBC. Wollten und wollen wir aber anscheinend nicht, weil es hier für den einzelnen kein Problem mehr darstellt und es „woanders“ statt findet. Wenn wir hier sagen „Jedes Leben zählt“ dann steht da eigentlich „unser Leben zählt.“ Die Solidarität geht genau so weit, bis das Problem aus unserem Dunstkreis, aus unserem Sichtfeld verschwunden ist. Wenn WIR unseren Impfstoff haben, dann wird es uns nicht mehr interessieren, ob irgendwo im Südkongo gerade mal wieder eine COVID-Variante durch einen Landstrich tobt und es wird keiner danach fragen, ob „diese Leben zählen“. Warum? Weil es nie anders war.

Der ein oder andere mag mir hier an der Stelle Bigotterie vorwerfen: „Aber du verhältst dich doch genau wie jeder andere auch, dir war es ja auch egal.“ Richtig, ich habe mich wie jeder andere auch verhalten. Ich konnte und kann damit leben. Ich stelle mich aber auch nicht 2020 hin und intoniere dieses Mantra und zwar, weil ich genau weiß, wie verlogen und bigott das ist. Es werden weiter Waffen exportiert werden, es wird weiter diskutiert werden, ob man Flüchtlinge in Lager steckt, verteilt oder einfach im Mittelmeer ersaufen lässt, kein Land der Welt wird einfach mal 1 Milliarde Euro locker machen, um in den Entwicklungsländern zumindest eine dort schwer wiegende Krankheit auszurotten. Auch bei uns wird man, wie bisher, auf die wirtschaftlichste Behandlungsmethode von Krankheiten zurückgreifen und nicht auf die Beste (wenn man es nicht selber bezahlen kann)! Nichts wird sich danach ändern. Warum? Weil es immer schon so war. Und weil es den Meisten heutzutage nicht mehr wert ist als ein wenig heiße Luft in der Social Media Blase.

Solidarität? Gibt es nicht. Oder besser gesagt, sie wird so lange eingefordert, bis sie einem im Weg steht und unbequem wird. Alleine die Diskussion, welche jetzt nach Verfügbarkeit eines Impfstoffes entsteht („wenn ICH geimpft bin will ICH meine Rechte zurück, die anderen kann man dann einschränken, bis sich diese gefälligst auch solidarisch verhalten“) demaskiert eine weitere hässliche Fratze im Kern unserer Gesellschaft. Wahre Solidarität gibt es nicht, denn diese ist bedingungslos und freiwillig. Man kann darum bitten. Sie zu fordern oder gar zu erzwingen ist genau das Gegenteil dieses Konzeptes. Das, was die Allgemeinheit heutzutage darunter versteht, ist lediglich eine Maske für die Sicherung der Eigeninteressen, und sei es nur, um nicht durch irgend ein soziales Raster zu fallen, denn wer sich heutzutage nicht-solidarisch zeigt, bekommt dann in nicht wenigen Fällen den Stempel „asozial“ in sein gesellschaftliches Bonusheft gedrückt, unabhängig von den persönlichen Beweggründen.

Wird dieser zweite Teil meines Jahres-End-Rants irgend etwas ändern? Wird dadurch irgend etwas besser? Mit Sicherheit nicht. Man wird weiter von Hashtags belästigt werden, populistische Floskeln nachplappern, sich nicht darum scheren, was passiert, wenn wir erst mal „unsere Probleme“ im Griff haben (außer natürlich dazu wieder neue Hashtags zu posten und moralisch auf Solidarität pochen). Es dreht sich alles im Kreis und es wäre schon viel gewonnen, wenn der Einzelne sich einmal eingestehen würde, wie verlogen, wie scheinheilig dies doch alles ist.

Bin ich jetzt an dieser Stelle mit meinem Résumé am Ende? Nein! Wie angekündigt hat dieses Jahr genug Material für eine Trilogie (vermutlich sogar für mehr) ausgeworfen.

Wird es gelesen werden? Keine Ahnung, ich habe es ja bisher nicht geschafft aus Teil #1 und Teil #2 einen Hashtag zu kreieren, also vermute ich mal, dass es wohl niemand schaffen wird, bis zu diesem Schlusssatz zu gelangen. Falls doch: Herzlichen Glückwunsch, Du hast es geschafft Dich durch einen meiner Brain-Dumps zu arbeiten, das ist bei weitem nicht jedem gegeben.

Wir lesen uns im dritten und letzten Teil der Tragödie. Und wie wir alle wissen: Tragöden zeichnen sich dadurch aus, dass am Ende alle…na gut, sehr viele…tot sind.

Aber es ist doch Pandamie – des Jahres-End-Rant erster Teil

Da stehe – oder besser gesagt sitze – ich nun, 2020 neigt sich dem End zu und eigentlich habe ich nach den vergangenen 365 Tage nicht mal im Ansatz Lust, meinen jährlichen Jahres-End-Rant zu verfassen. Dabei gäbe es zu diesem, durchaus als absolut beschissen zu bezeichnenden Jahr so einiges aufzuarbeiten. Allerdings erschwert die Tatsache, dass wir in einem Land mit 81 Millionen brillanten Medizinern, Psychologen, Mathematikern, Soziologen und natürlich Bundestrainern leben, die satirisch-zynisch und vor allem öffentliche Auseinandersetzung mit all den virulenten Ereignissen des vergangenen Lenzes doch ungemein, denn wenn wir eines wieder mal gelernt haben, dann ist es doch, dass der Begriff „öffentliche Diskussion“ am Besten als „narzisstischer Monolog mit affirmierten Wahrheitsanspruch“ zu verstehen ist.

Warum also sich gerade dieses Jahr aufs mediale, vom Klimawandel angetaute Glatteis begeben? Nun ja, weil die Herrin des Hauses verlauten lassen hat, dass dieses alljährliche Schreibwerk für sie inzwischen zu einer liebgewordenen Tradition geworden ist und ein Jahresabschluss ohne eben dieses sich als nicht würdig erweisen würde. Dem soll Genüge getan werden, jedoch werde ich es meiner Holden überlassen, ob sie meine Ergüsse textlicher Art, die ich dieses Jahr aufgrund ihres Umfanges (und natürlich nach Geld scheffelndem Disney-Vorbild) mindestens als Trilogie anlegen werde mit der Gemeinde zu teilen gedenkt.

Bevor ich aber richtig in die Weichteile trete, denke ich, dass es sich gerade in diesem Jahr als sinnvoll gestaltet, mit einer Präambel (nee, nicht das Ding, in das man Äppler füllt) zu beginnen: Betrachtet man 2020, so zeigt sich doch ein gewisser Hang zur Monothematisierung. Auch was ich hier textlich von mir geben werde, ist dieser Problematik natürlich unterworfen. Ich werde hier aber nicht von epidemiologischen Eigenschaften eines Virus, Inzidenzen, R-Werten, mRNA, Prävalenzen oder geänderten Teststrategien faseln. Mein medizinisches, biologisches und auch mathematisches Grundwissen ist ausreichen vorhanden um zu wissen, dass ich mir über dass, was medizinisch und biologisch dieses Jahr abgegangen ist und vermutlich noch eine Weile anhalten wird, kein öffentliches Urteil bilden werde. Dafür steht an zu vielen Stellen in zu vielen Berichten, Abhandlungen und Beipackzetteln eine Variante des Begriffs „Unbekannt“. Wer dennoch wissen will, was meine Meinung dazu ist: Kommt in fünf bis acht Jahren wieder, dann können wir uns da gerne drüber austauschen.

Aber wenn es nicht um wissenschaftliche Fakten geht, die wie wir seit diesem Jahr wissen nur aus Naturwissenschaften entspringen dürfen, um was geht es im ersten Teil dieser Tragödie sonst? Recht einfach: China! Ist ja schließlich Panda-mie!

Nein, eigentlich geht es nicht um China direkt, sondern um etwas, was gerade zu Beginn des Jahres und bis heute bei mir immer noch einen mentalen Brechreiz auslöst: Teile unserer Bevölkerung, die eine Lobeshymne auf das Krisenmanagement und in der Extremvariation auch auf das politische System des Reiches der Mitte werfen. „Die haben alles richtig gemacht und alles ganz schnell in den Griff bekommen.“ „In solchen Zeiten ist das chinesische System unserem bei Weitem überlegen.“ „Die Bevölkerung dort ist wenigstens diszipliniert genug um…“, etc. pp.

An dieser Stelle möge der Leser die Lobeshymnen welche mir in verbaler und schriftlicher Form entgegenschlugen, beliebig fortsetzen. Mich ließ es hingegen schwer verstört mit der unumstößlichen Argumentation „Jaaaa…..ähhh….aber nein?!“ zurück.

Menschen aus meinem näheren Umfeld wissen, dass ich vor geraumer Zeit berufsbedingt für einige Monate in Beijing gelebt, gearbeitet und allerhand verstörendes gesehen habe. Aus dieser Zeit existiert noch ein kleines braunes Buch – mein chinesisches Arbeitsvisum – welches ich nach meiner Ausreise eigentlich wieder hätte den dortigen Behörden zurückgeben müssen. Habe ich aber nicht, sondern es als „Mahnmal“ behalten, welches mich immer an die Absurditäten dieses Landes (in vielen Bereichen möchte man gar nicht mehr von Kultur reden) erinnert.

Wo fangen wir an: Die Annahme, dass es irgend einer Macht in China, sei sie wirtschaftlich oder politisch, auch nur annähernd um das Wohl des einzelnen gehen würde, grenzt an eine Realitätsverweigerung ähnlich des Weihnachtsmann-Glaubens. Aber den haben wir ja auch nach China exportiert. Ja, in der „Volks-“Republik geht es um das „Große Ganze“, aber der einzelne ist so austauschbar wie eine Ventilkappe an einem Fahrradreifen. Man hat ja genug davon. Zu polemisch? Nein, die Wahrheit. Wenn der Fensterputzer bei der Arbeit vom Bambusgerüst fällt, dann ist das bedauerlich, aber nicht relevant. Am nächsten Morgen sitzt der nächste auf dem nach unseren sicherheitstechnischen Maßstäben mehr als fragwürdigen Konstrukt. Jede Bushaltestelle hat einen „Fahnenschwenker“, dessen einzige Aufgabe es ist, eine kleine Fahne auf die Straße zu halten, wenn der Bus kommt. Warum? Weil man genügend Menschenmaterial hat, dass ansonsten keine Beschäftigung hätte. Aber das passiert in den anspruchsvolleren Berufen doch nicht, oder? Öhh…doch. Nach der „Golden Week“ (eine Woche voller Feiertage) ist es gar nicht so selten, dass ein Teil der Belegschaften (auch in den „höherwertigen“ Berufen) nicht mehr in ihren Büros erscheint, weil es sich einfach nicht lohnt, die lange Reise von der Familie zurück zum Arbeitsplatz anzutreten. Ist aber nicht weiter problematisch, man hat ja genug Reserve“menschen“.

Wenn man irgend einen Stadtteil oder eine Stadt abriegelt, dann hat das nur bedingt irgend welche Auswirkungen auf die Wirtschaft, denn man hat genug Menschenmaterial in der Hand.

Und da wir schon beim Thema sind: Wer glaubt, die Abriegelung wäre passiert um irgend jemand oder irgendetwas zu schützen: Ja, da liegt ihr richtig, aber leider auf eine sehr unschöne Art und Weise. Man will und wollte keine Menschen schützen, sondern die eigenen Wirtschaftsbeziehungen. Kein Hahn hätte nach einem Virus in Wuhan gekräht, wenn die restliche Welt nicht irgendwann Wind davon bekommen hätte, dass das Ding den Chinesen ausgebüchst ist.

Für die durchschnittliche chinesische Bevölkerung gibt es viele Dinge, die potenziell genau so tödlich oder tödlicher als eine neue Variante eines Virus sind: die Auswirkungen der Luftverschmutzung, unzureichende medizinische Versorgung, eventuell weil man der falschen Bevölkerungsschicht angehört (oder versehentlich zu wenige Sozialpunkte angesammelt hat), der falsche Kommentar oder eine verhängnisvolle Wortmeldung an unpassender Stelle, Zugehörigkeit zur falschen Religion, etc. usw pp. (ihr wisst, wie man Google bedient).

Dies gesagt, kommen wir doch mal zum Thema der viel gepriesenen Disziplin, die man gerne in die Chinesen hineininterpretiert. Mir erscheint, dass denen, die sich eben dies auch für unsere Gesellschaft als Vorbild wünschen, ein paar wenige aber doch entscheidende Details entfallen sind: China richtet jedes Jahr ein geschätzt vierstellige Zahl an Menschen hin und zu den Straftatbeständen zählen nicht nur Mord sondern unter anderem auch Korruption und bisweilen Steuerhinterziehung (die Liste mit Vergehen umfasst etwa 50 Straftatbestände). Jemand mit politisch unliebsamer Meinung wird da auch ganz schnell zum Terroristen oder Spion, je nachdem, wie es einer Provinzregierung gefällt. Und auch für geringere „Vergehen“ sind die Konsequenzen mit Straflager oder sozialem freien Fall als eher schwerwiegend zu betrachten.

Wer in unserem Land also von „chinesischer Disziplin“ faselt und sich ähnliche Verhältnisse auch bei uns wünscht (und sei es auch nur in Krisensituationen), der sollte sich vielleicht mal fragen, ob sein Badewasser auf Dauer deutlich zu heiß war. Ich bin mir ziemlich sicher: 95% der Menschen, die so etwas jetzt als hinnehmbar fordern, würden bereits nach einem Monat nicht-touristischem Aufenthalt in China diverse Psychosen entwickeln (und sei es nur, weil man bei der Rückkehr in seine Geschäftswohnung eine Information vorfindet, am nächsten Tag während der Militärparade die Vorhänge geschlossen zu lassen, weil man sonst unter Umständen nicht dafür garantieren könne, nicht angeschossen zu werden).

Ich bin ehrlich: Der einzige Grund dafür, dass ich diesen Ausflug mental halbwegs unbeschadet überstanden habe, war die Tatsache, dass ich wusste, das es ein beschränkter Zeitraum sein wird und ich jederzeit gehen kann. Nun, nicht ganz richtig: Es gab einen Zeitpunkt, da habe ich nicht gehen können, weil die Behörden für die Erteilung des Arbeitsvisums den Reisepass einige Wochen einbehalten.

Was ist die Moral dieser Geschichte: Eigentlich ist es recht einfach. Es gibt zwei Arten von Menschen, die solche Verhältnisse bei uns fordern. Einmal die, die keine Ahnung haben, was sie da eigentlich von sich geben (davon gibt es ja, wie wir dieses Jahr gelernt haben an allen Ecken und Enden jede Menge) und dann die, die es sehr genau wissen. Und davon haben wir erschreckender Weise doch recht viele, die nicht nur aus den einschlägig verdächtigen Richtungen kommen.

Diesbezüglich war dieses Jahr doch sehr entlarvend. Menschen, die noch letztes Jahr den Staat dafür verdammt haben, dass er ihnen das Internet potenziell weg zensieren könnte oder Zeter und Mordio bei (vermuteter) staatlicher Willkür geschrien haben, sehnen sich plötzlich nach Gesetz und Ordnung. Das wird übrigens mit „Law & Order“ übersetzt und war mal das Feindbild von Menschen, die sich eher einer freiheitlichen politischen Denkweise zugehörig gefühlt haben.

Ach so, falls hier wieder die üblichen Verdächtigen mit irgend einem Totschlagargument (…aber es ist doch Pandamie…) um die Ecke kommen wollen. Nein, darum geht es hier nicht. Es geht nicht darum, ob und welche Regeln es genau jetzt gibt, ob diese sinnvoll und zielführend oder unangebracht sind (wie oben geschrieben, da können wir in fünf Jahren drüber reden) oder eventuell nicht. Es geht um den öffentlichen (ja, auch Euren!) kritischen oder vielleicht gar nicht so kritischen Umgang damit. Ein menschenverachtendes System dafür zu loben, dass es Maßnahmen durchziehen kann, die nur deswegen funktionieren, weil man eben ein menschenverachtendes System hat, ist in etwa so, wie die Autobahndiskussion („war ja nicht alles schlecht“).

Ja, es sterben Menschen, aktuell im Durchschnitt mehr als sonst. Aber wir stellen uns hin und gehen mit dem, was wir an Gesellschaftssystem haben um, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, die auf Dauer und immer so bestand haben wird. Liebe Leute, dass ist ein Irrtum. Ich weiß, dass das durchschnittliche Geschichtsbewusstsein des Einzelnen ungefähr die Dauer einer Meerschweinchenexistenz umfasst (wenn es gut läuft). Dieses warme Wohnzimmer, die Menge an Supermärkte, unser Sozialsystem, all das ist bei weitem nicht perfekt, aber immer noch besser, als dass, was 90% der restlichen Weltbevölkerung zu ertragen haben. Und während andere noch dafür bluten und sterben, auch in solchen Verhältnissen leben zu können, haben wir vergessen, dass die letzten 30-50 Jahre keine Selbstverständlichkeit waren, sondern dass der Weg dorthin mit verdammt vielen Leichen gepflastert war. Ja, auch diverse Weltkriege und Revolutionen gehören dazu.

Also, verdammt noch mal, wenn Ihr fordert, dann macht Euch auch die Konsequenzen dessen klar, was Ihr da fordert und ob es vielleicht nicht doch Zahnpasta sein könnte, die ihr da aus der Tube drückt. Es ist so einfach zu sagen, dass wir am Ende wieder die gleiche Gesellschaft sein werden (oder, wie einige Utopisten glauben, eine bessere) wie vorher, denn dafür muss jetzt keiner von Euch gerade stehen. Aber wie wird es sein, wenn am Ende unsere Gesellschaft nicht mehr die ist, in der wir leben wollen und können? Wer von Euch ist bereit, dass zu reparieren und mit welchem Einsatz?

Im Moment ist alles was von uns verlangt wird, nichts zu tun. Das können viele von uns richtig gut. Auf der Couch sitzen, das Hirn verdauen und Netflix durchzocken. Sauber. Damit macht man alles richtig.

Es sind nicht die guten oder normalen Zeiten, in denen sich das wahre Gesicht des Einzelnen zeigt, sondern die Krisen. Es sind auch die Krisen, die Systeme kollabieren lassen.

Überlegt Euch genau, welche Softwareupdates ihr für das System Gesellschaft installieren wollt und welche sich hinterher nicht mehr rückstandsfrei entfernen lassen sondern zu einer kompletten Neuinstallation führen würden. Irgend ein Rückstand bleibt meistens und dieser bleibt unbemerkt im System, bis er an unpassendster Stelle dafür sorgt, dass ein kleines Problem zum Totalausfall führt.

Lasst mich an dieser Stelle der Tragödie ersten Teil beenden.

Und morgen bei der Maus: Bigotterie für Fortgeschrittene – des Jahres-End-Rant zweiter Teil.

Wer mit doppelten Maßstäben misst, misst trotzdem nicht genauer

Schon wieder Jahresende und schon wieder habe ich hier nicht die Dinge zu digitalem Papier gebracht, die mich dieses Jahr wirklich beschäftigt haben. Offenbar taugt dieser Blog nur noch dazu, meinen traditionellen Jahres-End-Rant zu publizieren. Folglich werde ich diesen auch ganz traditionell – darf man das heutzutage eigentlich noch? – pünktlichst zum Besten geben. Sozusagen als Aggregation dessen, was ich dieses Jahr nicht los geworden bin. Also schnallt Euch an, setzt einen Helm auf und lasst Eure Empörunsdrüsen glühen!

Eines habe ich dieses Jahr durchaus eindrucksvoll gelernt, obwohl sich eine Tendenz schon in den letzten Jahren abgezeichnet hat: Satire darf ALLES! Sie darf polarisieren, polemisieren, beleidigen, simplifizieren, sie muss nicht gut recherchiert oder gar fundiert sein. Es ist ja Satire und die Verteidiger eben jener „Kunstform“ werden nicht müde dies zu betonen. Zumindest solange, wie das satirische Machwerk genau ihren Meinungen entspricht. Aber wehe, sie läuft genau dieser eigenen Meinung entgegen. Dann muss die Satire, die bis gerade eben noch alles durfte, fundiert, sachlich und präzise sein und am Besten auf wissenschaftlichen Fakten beruhen.
Es darf, sogar von richterlicher Seite bestätigt, beleidigt und diffamiert werden was das Zeug hält. Am Ende muss man dann halt zurückrudern oder die „Satire darf alles“-Karte spielen. Nur, wenn Ihr eine solche Karte spielt, dann solltet Ihr auch faire Verlierer sein, wenn plötzlich die Richtung aus der die „Satire“ kommt Euch unangenehm wird, weil sie im besten Falle vielleicht nicht Eurer Meinung entspricht und im schlimmsten Falle Ihr Euch ertappt fühlt. Es hat mich doch erstaunt, wie viele aufrechte Verteidiger der Meinungsfreiheit und der totalen Satire plötzlich Zensur schreien, wenn der satirische Wind mal aus der falschen Richtung weht.
Nun habe ich im vorherigen Absatz genau diese Kunstform, wenn es denn eine solche ist, in Anführungszeichen gebettet. Dafür gibt es genau einen Grund: All das was sich heute als Satire bezeichnet kann man zu einem sehr hohen Prozentsatz in die Tonne treten, denn gute Satire braucht keine Schimpfworte, Beleidigungen oder billige Polemik. Wer so etwas abfeiert fährt diese Kunstform auf das Niveau eines „Comedians“ des Typs „Mario Barth“ herunter. Das hat nichts mehr mit Spiegel vorhalten und überspitzten Darstellungen zu tun. Es ist billige Effekthascherei, die sich auf einer Ebene mit den Werkzeugen der Springer-Presse bewegen. Gute Satire schlägt Dir nicht mit der flachen Hand ins Gesicht und freut sich darüber, dass Du „Aua“ sagst. Gute Satire ist subtil, legt Missstände mit einem Skalpell und nicht mit einer Kettensäge offen und ist definitiv kein Fastfood, dass man einmal kurz in den multimedialen Kanälen dieser Republik verfüttert, nur um dann zu schauen, wer davon kotzen muss.
Die entscheidende Frage ist: Gibt es so etwas noch? Ja, aber nicht in den medialen Kanälen dieser Republik. Wie ich in den letzten Wochen lernen durfte und musste, gibt es Kabarettisten und Satiriker, die für das Programm der öffentlich rechtlichen Bedürfnisanstalten (großen Dank für diese Wortschöpfung an Georg Schramm) entschärft werden müssen. Und dass, obwohl ihr gesamtes Bühnenprogramm kein einziges Schimpfwort, keine Fäkalsprache und keine direkten Verunglimpfungen enthält. Es ist lediglich politisch absolut inkorrekt und zwar in jedermanns und auch fraus Richtung. Und das erträgt die breite Öffentlichkeit nicht (mehr).

Also Ursachenforschung? Lieber nicht, es wäre zu desillusionierend. Diese Tendenz, sich selbst mit banalstem plakativem Schwarz-Weiß-Denken für intellektuell, weltoffen und aufgeklärt zu halten hat in den letzten Jahren wirklich neue Höhen erreicht. Bei jeder Diskussion wirft man mit Links und Webseiten um sich, die die eigene Position zu untermauern scheinen und klickt solche ganz schnell weg, die eventuell das eigene Weltbild nicht hundertprozentig stützen. Sollte doch eine solche Quelle ins Feld geführt werden, dann setzt man sich nicht mit den Inhalten auseinander, sondern die erste Reaktion ist immer, den Urheber und Autor zu diskreditieren. Es wird viel öfter eine akribische Biographie-Recherche betrieben, um irgendwo irgendwas zu finden, was einen Autor als politisch extrem, unwissenschaftlich oder populistisch entlarven soll, obwohl man die gleiche Energie ebenso in den Inhalt eines Artikels, eines Textes oder eines Buches stecken könnte, um sich vielleicht wissenschaftlich und/oder sachlich damit auseinander zu setzen. Interessant, nicht wahr?

Wie komme ich jetzt darauf? Wie oben schon erwähnt, wird bösartige „Satire“ gerne als fundierte Tatsache hingenommen, wenn sie in das gerade vorherrschende eigene Weltbild passt. Hinterfragt wird nicht, schon gar nicht hinterfragt man sich selbst. Aber wehe, es läuft der eigenen Meinung oder gar einer harten Überzeugung entgegen. Dann wird mit (pseudowissenschaftlicher) Akribie all das auseinander genommen, was eben einer solchen „Untersuchung“ gar nicht standhalten kann, weil es dafür auch nie geschaffen wurde.

Untermauert wird ein solcher Aktivismus mit dem inzwischen  meist überstrapazierter Satz der letzten Jahren: „Die Wissenschaft ist sich einig, dass…“. Das ultimative Totschlagargument. Und leider auch – ohne das es jemand merken würde – der Satz welcher, wenn er denn korrekt wäre, bedeuten müsste, dass wir alle am Arsch sind. 
Ich weiß nicht genau wie viele Menschen, die diesen Satz in welcher Form auch immer von sich geben, wirklich selber studiert haben. Aber eines weiß ich: Jeder, der ansatzweise gelernt hat, was wissenschaftliches Arbeiten bedeutet, sollte die Fatalität dieses Satzes erkennen: Die Wissenschaft (die man im Übrigen auch nicht verallgemeinern kann oder sollte) darf sich nicht einig sein, NIEMALS! Eine Wissenschaft, die sich einig ist, ist tot. Jede Wissenschaft muss konstant und zu jeder Zeit ihre Erkenntnisse hinterfragen, muss immer zweifeln und ihre Theorien jeglicher Art von Gegenprüfung unterziehen. Eine Wissenschaft darf eine etablierte Theorie haben, ein Modell, welches aktuell als das Richtige angenommen werden kann. Aber keine Wissenschaft und kein seriöser Wissenschaftler darf sich hinstellen und dieses für unangreifbar erklären oder sich dagegen wehren, dass eine Theorie von anderen Wissenschaftlern hinterfragt wird. Wenn dies geschieht wird die Wissenschaft zu einer Religion und die Verfechter des oben genannten Satzes zu Jüngern und Missionaren. Und damit trägt man die Wissenschaft, möglichen Fortschritt und eventuell wichtige Erkenntnisse zu Grabe.

Andererseits passt ein solches Verhalten doch ganz gut in die aktuelle Zeit. Immer dann, wenn Menschen sich von der allgemeinen Situation überfordert fühlen, komplexe Geschehnisse nicht mehr (be)greifen könne oder ihre Existenz gefährdet sehen, sucht man sich ein Glaubenskonstrukt, welches die Welt für einen simplifiziert. Eines, dass einem plausibel und vor allem mehrheitsfähig erscheint. Sie verlangen Instanzen, auf die sie sich verlassen könne: Führergestalten/Erlöser, die ihnen eine Stoßrichtung vorgeben, argumentative Instanzen, auf die sie sich berufen können und natürlich Feindbilder, die sie nach innen hin zusammenschweißen und von denen sie sich nach außen hin abgrenzen können.
Schaut man sich in der Welt um, dann findet man genau dies…auf ALLEN Bühnen, nicht nur den politischen. Vermeintliche Satire ist da nur eine von vielen Auswüchsen. Gespaltene Gesellschaften, Nährboden für dumpfen Populismus, bei welchem sich wirklich jeder mal prüfen sollte, ob er oder sie nicht vielleicht auch auf plakativen Blödsinn hereingefallen ist oder diesen sogar selbst noch befeuert.
Es richt verdächtig danach, dass wir uns in Richtung eines intellektuell eher düsteren Jahrzehnts bewegen.

Willkommen in den 20ern

Over and out…

Gewissens-Bilanz 2018 oder die Frage nach der moralischen Überheblichkeit

Es ist genau 12:00 Uhr am 31.12.2018. Ich sitze hier und habe dieses Jahr noch keinen Years-End-Rant verfasst. Warum? Weil es eigentlich nach all den Geschehnissen und Kommentaren der letzten Jahre nicht mehr viel zu sagen und zu schreiben gibt, was nicht irgendwann schon einmal gesagt und geschrieben wurde. Folgerichtig könnte ich hier auch einfach ein „da capo„-Symbol posten und auf „al fine“ warten. Alleine, es will mich nicht zufrieden stellen. Deshalb habe ich mich in meine mentalen Tiefen – und natürlich auch Untiefen – begeben, und nach meiner diesjährigen persönlichen Wurzel allen Übels gegraben.

Was ist es also, was mich dieses Jahr beschäftigt und am Meisten aufgeregt hat? Klimakatastrophe? AfD? Rechtsterrorismus? Trump? Zu lange gekochtes Gemüse?
Das sind in der Tat alles höchst unerfreuliche Erscheinungen, aber sich darüber auszulassen würde im Rahmen des hier verwendeten Mediums bedeuten, sich in eine Klärgrube zu erleichtern.
Nein, ich möchte mich an dieser Stelle über ein anderes, mit einigen der oben genannten Unappetitlichkeiten einhergehendes, merkwürdiges Phänomen äußern: dem sogenannten mentalen Moral-Konto und auch die damit verwandten Derivate Moral-Dispo, Kredit und Anlagevermögen genauer beleuchten. Denn genau diese Mechanismen scheinen mir die einzig logische Erklärung für einige sehr bizarre Verhaltensweisen, die mich im Laufe dieses Jahres mehr und mehr irritiert haben. Über moralisches Fingerpointing habe ich mich ja schon in einem meiner vorherigen Beiträge kurz ausgelassen (Wie man sich einen Klimawandel ergoogelt), Zeit also, einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Die überaus interessante Situation lässt sich wie üblich mal wieder online in jeglicher Form sozialer oder kommunikativ getriebener Medien beobachten und reproduzieren (sogar deterministisch). Es wird mit der Moral-Keule auf Feuerwerk und Feinstaub hingewiesen und direkt danach folgt das Foto aus dem eigenen Ski-Urlaub (soso), die übliche Tirade gegen Diesel- und SUV Fahrer wird mit einem Post zum eigenen fetten Weihnachtsbraten abgerundet (aha) und dem alljährlichen Bashing gegen Amazon folgt ein Bildnachweis über die persönlich in der Innenstadt mit zig-tausend anderen gleichzeitig begangenen pre- und post-weihnachtlichen Einkauf- und Umtauschaktionen. Natürlich darf dann dort auch der Hinweis nicht darauf fehlen, wie stressig doch die Zeit für die Angestellten im Einzelhandel ist und dass man doch darauf Rücksicht nehmen sollte (auweia). Genau so gut, könnte ich auch über Raucher schreiben, die zu Demos gegen Fluglärm rennen, weil dieser ja so ungesund ist (hmpf) oder Genuss-Spezialisten, die sich ihr hochqualitatives Fleisch über hunderte bis tausende Kilometer anliefern lassen und dann über Touristen in Fliegern und auf Kreuzfahrtschiffen herziehen (argh).
Um es klar zu sagen, jeder der hier aufgezählten Punkte sollte Gegenstand von Diskussionen sein. Der aber immer weiter um sich greifende Tunnelblick, die Scheuklappen-Mentalität, die bei viele dazu führt, dass man, nachdem man auf sein eigenes moralisches Konto eingezahlt hat (Verzicht auf Fleisch, Böller, Amazon, etc. pp), glaubt, woanders dann von dieser Moral abheben oder vielleicht sogar einen Kredit darauf nehmen zu können, geht mir gehörig auf den Senkel. Ebenso die Tatsache, dass jemand, der meint, ein ordentliches Moral-Sümmchen zusammengespart zu haben, sich gegenüber anderen, welche nicht die gleichen  Reichtümer angehäuft haben, überlegen fühlen kann (ein Phänomen, dass sich im realen Finanzmarkt ja auch weit verbreitet hat und lustiger Weise von Moralisten kritisiert wird).
Feuerwerk mag moralisch nicht für alle unbedenklich sein, aber warum sollte es der Ski-Urlaub sein? Massenhaft Touristen, für die Pisten gerodet und Schnee-Kanonen betrieben werden. So ein Urlaubs-Gebiet hat nach einem Winter sicher auch eine hervorragende Ökobilanz. Oder will mir jemand erzählen, dass er oder sie sich ernsthaft damit auseinander setzt, wie nachhaltig das Hotel, der Lift, die Apre-Ski-Bar betrieben wird. Warum glaubt man, dass der böse SUV-herstellende Fließbandarbeiter moralisch verwerflicheres tut, als das Personal an der Fleischtheke im Supermarkt, dass die Nutz- und teilweise auch Massentierhaltung unterstützt, welche dann eventuell wieder vom (SUV fahrenden) Veganer für die Wurzel allen ökologischen Übels ausgemacht wird. Sind Motorräder, Minis und Sportwagen aus transportökonomischer Sicht nicht auch totaler Kokolores und warum wird darüber nicht diskutiert? Interessiert wirklich wen, was der durchschnittliche Verkäufer bei Hugendubel, H&M oder Netto verdient und wer liefert eigentlich die Waren an den Einzelhandel aus? Sind es nicht die gleichen Unternehmen, bei denen Fahrer ausgebeutet werden, wenn das Paket von Amazon kommt? Wenn sie dann an den Einzelhandel geliefert werden, ist diese Diskussion plötzlich nicht mehr relevant. Ist es nicht verlogen, sich über die Menschenrechte in einigen nordafrikanischen oder Golfstaaten aufzuregen und dann dort Urlaub zu machen? Und warum klingt der Satz „Mir geht die Flüchtlichgspolitik in diesem Land auf den Zeiger, ich wandere aus.“ so verdammt hirnverbrannt.

Interessant ist auch, dass man immer der ganzen Welt seine Moral-Einzahlungen mitteilen muss, da sie eventuell sonst nichts wert sind?! Da ließt man dann auf Facebook dass Max Muster (wer sich angesprochen fühlt, möge bitte seinen Namen hier einsetzen) an „Verzicht auf Feuerwerk 2019“ teilnimmt und die Kommentarspalten bei tageschau.de und Zeit Online sind bei Artikeln über Streiks bei Amazon voll mit „Ich habe da noch nie was bestellt“-Kommentaren. Der Mehrwert solcher Auslassungen konvergiert gegen Null, es wird unnützer Datenverkehr erzeugt, der wiederum ökologisch gar nicht so gut….. naja, ihr wisst bescheid.
Vermutlich ist es wesentlich wichtiger der Welt mitzuteilen, wie man handelt, anstelle einfach nur zu handeln. Würde die Masse an Kommentaren einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft darstellen, dann müssten wir vermutlich einige der Probleme nicht mal diskutieren. Offensichtlich ist das aber nicht so, was nur den Schluss zulässt, dass das, was Online abgesondert wird, nicht von einer repräsentativen Menge her stammt oder nichts anderes als leeres Gewäsch ist. Beide Szenarien finde ich übrigens durchaus bedenklich.

Zurück zum eigentlichen Kern: Es gibt kein moralisches Konto, keine Bilanz, keinen Ausgleich. Wenn ihr glaubt, dass ihr Euch auf der einen Seite gut und richtig verhaltet, dann ist das schön. Für Euch und wenn Ihr richtig liegt, vielleicht auch für viele andere. Aber dass gibt Euch keinen Vorsprung oder Kredit, denn ihr anderweitig aufbrauchen könnt und schon gar nicht macht es Euch irgend jemand anders gegenüber überlegen. Ihr wisst nicht, wie der oder die andere lebt, sich verhält, welchen eigenen Regeln und welchem Moral-Kompass dieses Person folgt. Vielleicht ist es nur dieser eine Aspekt, welcher Euch genau aufstößt, aber vielleicht wäre Euch diese Person wenn Ihr Euer eigenes Maß anlegen würdet, moralisch überlegen. Und nun? Hätte irgend jemand irgend etwas gewonnen?

Das einzige, was wir mit einer genau solchen Einstellung wirklich erreichen, ist eine weitere Spaltung in Wir und Die! Absurder Weise ist es sehr oft genau das, was diejenigen, die ihr handeln als moralisch betrachten, eigentlich vermeiden wollten. Vielleicht ist es ja auch eine Chance, mal seinen eigenen Standpunkt zu hinterfragen, etwas tiefer zu graben und zu schauen, ob dass, was ich mir da in meiner Moral und meiner Weltanschauung zusammenreime, einer tieferen Überprüfung standhält. Am Ende ist der eigene Standpunkt vielleicht nicht so absolut, wie man ihn selber gerne hätte oder es sich vorgestellt hat und die „dunkle Seite“ vielleicht nicht so weit entfernt, wie man immer dachte und/oder gehofft hat. Vielleicht muss man sich auch ab und an einen Schritt bewegen, sich in der Mitte treffen, eigene Vorstellungen über Bord werfen. Kurzum: einen Kompromiss finden. An dieser Stelle lohnt es sich dieses Jahr, Dieter Nuhrs abschließenden Satz aus seinem Jahresrückblick 2018 zu ziteren:

„Den Zustand, im Kompromiss zu leben, nennt man Zivilisation“

Over and out
See you in 2019