Die Sache mit den Blasen…

Nein, nein, nein…es geht nicht um Füße, innere Organe oder gar anrüchige Dinge. Mir wollte an dieser Stelle nur keine bessere Überschrift einfallen und ehrlich gesagt tue ich mich mit dem Inhalt dieses Beitrages recht schwer, denn eigentlich bietet die Thematik, über die ich mich hier auslassen will, zu viel Angriffsfläche als dass man dort mit einem metaphorischen Tranchiermesser herangehen könnte. Also nehme ich an dieser Stelle einfach den Vorschlaghammer…

Eventuell erinnert sich der ein oder andere Kenner trashiger Filme der 80er Jahre, was ein Fonzanoon ist. Leider lässt sich die Definition nur sehr sperrig ins Deutsche übersetzen, deswegen gebe ich an dieser Stelle diese als englisches Original wieder: A person who farts in the bathtub and then bites the bubbles. Ich denke, auch Leser mit beschränkten Englisch-Kenntnissen werden eine halbwegs adequate Übersetzung hinbekommen – falls nicht, schreibt mir einfach eine Mail.
Aber was hat das nun mit dem eigentlichen Thema zu tun und was ist denn das eigentliche Thema? Nun, dass diverse soziale und auch gar nicht so soziale Netzwerke einfach nur eine Ansammlung verschiedenster sozialer Filterblasen sind, ist ja nun gemeinhin bekannt und anerkannter Konsens. Ebenso herrscht bei den an diesen Filterblasen…öh sozialen Medien Teilnehmenden die Meinung vor, dass man selber natürlich über jede Art dieser Blasen erhaben sei (der Third-Person-Effect ist schon ne geile Sache) und jenseits der gefilterten Inhalte subjektiv objektive Beiträge zu gesellschaftlich relevanten Themen beisteuern könnte.

Nun, wie soll ich dass jetzt schonend und freundlich formulieren? Ich probier es mal mit “am Arsch die Waldfee”…
Nichts liegt der Realität ferner als zu glauben, es wäre möglich sich jenseits von Filterblasen – und erst recht der eigenen – durch soziale Netzwerke bewegen können. Nein, gerade die Art und Weise, wie die Funktionalität solcher Plattformen aufgebaut ist, bedingt ja, dass solche Blasen entstehen, es ist ja sogar gewünscht. Das Ziel eines sozialen Netzwerkes (abseits von “mit Daten Geld verdienen”) ist ja nicht, Menschen zusammen zu bringen, die sich nicht leiden können oder komplett diametrale Lebensauffassungen haben sondern Gruppen von Menschen zusammen zu führen, die auf irgend eine Art und Weise auf der gleichen Wellenlänge liegen. Das macht die Zielgruppenanalyse am Ende auch gleich viel einfacher…
Was heißt das nun? Erst mal nichts anderes, als dass die persönliche Kontaktliste über Kurz oder Lang nur aus Menschen besteht, welche in irgend einer Form sozial kompatibel mit einem erscheinen(!). Damit einher gehen natürlich gewisse “hygienische” Bemühungen, was das virtuelle Umfeld angeht: Teilnehmer, deren politische Ansichten einem missfallen werden kurzfristig ausradiert, der Veganer tilgt den Omnivoren, der einen unangemessen fleischigen Kommentar geschrieben hat aus seiner Timeline und was diverse Fußballvereinsrivalitäten anrichten können ist denke ich hinlänglich bekannt und bedarf wohl keiner näheren Ausführung. Kurz gesagt, am Ende teilt man sich immer mit den gleichen Hoschis eine Blase.

Bis zu dieser Erkenntnis zu gelangen ist ja nicht weiter komplex, ab hier wird es allerdings ein wenig absurd. Denn, obgleich eigentlich offensichtlich, entsteht hier das Phänomen, dass man eigentlich nur den in der Filterblase herrschenden Konsens bestärkt und regelmäßig an der eigentlichen Zielgruppe seiner Statusmeldung vorbei postet.
Sehr eindrücklich lässt sich das im aktuellen Social Media Geschehen vor der Bundestagswahl verfolgen. Da verkünden dann viele stolz, dass sie jeden AfD-Anhänger aus ihrer Freundesliste gekehrt haben, nur um dann 20 Minuten später ein Meme zu teilen, bei dem eindrücklich gefordert wird, nur nicht diese Partei zu wählen.

Jetzt mal ehrlich…wenn man denn alle Anhänger dieser Partei aus der möglichen Rezipientenliste entfernt hat, wer, für den diese Botschaft relevant wäre, soll diese Mitteilung noch lesen? Und warum ist es so wichtig, dass alle Welt weiß, dass Ihr Anhänger einer bestimmten Partei oder politischen Gesinnung aus Eurer Freundesliste entfernt habt. Diejenigen, die es betrifft, können diese Mitteilung dann nicht mehr lesen und die, die zurück geblieben sind, liegen mit Euch doch sowieso auf der gleichen Wellenlänge…besser kann man das Konstrukt eine Filterblase gar nicht herstellen.
Oder geht es vielleicht gar nicht darum, wirklich eine Message an die richtige Zielgruppe – gegenüber der man sich ja sowieso überlegen fühlt – zu senden, sondern einfach nur darum, sich gegenseitig geil zu finden? Der “King of the Bubble” zu sein?

Abseits des eigentlichen Hintergrundes solcher “aktivistischen Glanzleistungen” (Politik, Tier- und Umweltschutz, etc.), demonstriert dies aber sehr gut, was das eigentliche Problem ist: das soziale Netzwerk verkümmert zum Stammtisch (dem Rollenmodell einer jeden Filterblase), an welchem man eigentlich nur zusammenkommt, um sich seine eigene Meinung bestätigen zu lassen. Zu glauben, man würde durch simple Postings (oder noch schlimmer, dem Teilen der Inhalte von Postings anderer) irgend etwas bewegen können, ist genau so naiv, wie in der Kneipe nach dem fünften Bier lallend der Runde mitzuteilen, dass man jetzt loszieht, um die Welt zu verbessern (oder – auf der anderen Seite des politischen Spektrum – Polen zu erobern). Die Zustimmung der anderen an diesem Tisch ist einem ja gewiss, aber sich dann in Realität, abseits seines Soziotops damit auseinandersetzen zu müssen, ist dann doch eher unangenehm und wird auf “Demnächst” verschoben.

Natürlich wird sich jetzt der ein oder andere grandios auf den Schlips getreten fühlen und zeternd vor sich hin wettern: “Nein nein, bei mir ist das alles ganz anders, ich habe damit schon so viel erreicht!”…
Bitte…90% aller Social Media-Teilnehmer sind nicht in der Lage zu unterscheiden, ob sie sich gerade mit einem Bot oder einem Menschen verbal duellieren. Um bei der Kneipen-Allegorie zu bleiben: es ist einfach lächerlich, zum leeren Nachbartisch zu gehen und dort mit der herumliegenden Bildzeitung zu diskutieren. Und ob auf der anderen Seite des Bildschirms sich jemand gerade die Glatze rauft oder vor Lachen vom Stuhl fällt könnt ihr noch weniger beurteilen.
Social Media ist aktuell einfach ein riesiger Spielplatz, der von vielen Menschen viel zu ernst genommen und bei dem sich an Inhalten, die jeder Affe mit Tastaturkenntnissen produzieren kann, abgearbeitet wird. Weltverschwörer treffen auf Weltverbesserer, Extremisten auf Radikale und dass ganze innerhalb einer technologischen Plattform, die sie nicht verstehen.  Und die Unternehmen freuen sich, denn seit dem Zeitalter der Dampfmaschine ließ sich mit heißer Luft nie wieder so gut Kohle machen wie heute. Während es noch in den 90ern hieß “Meine Bildung hab ich aus dem Fernsehen” und seit jeher Bildzeitungslesern ein eklatantes Bildungsdefizit vorgeworfen wird, schaffen die sozialen Netzwerke dank der Millionen daran teilnehmenden Universalgenies einen ganz neuen Stand der Allgemeinbildung………. so nebenbei, warum finden sich eigentlich keine akademischen Fachforen auf Facebook? Wenn mich sowas interessiert, muss ich immer noch in undurchsichtige Ecken dieses WWW surfen…

Um dass ganze jetzt mal Rund zu machen und zu seinem Abschluss zu bringen: Wir sind hier in diesem Lande – und auch global – weit, weit davon weg, durch alle Bevölkerungsschichten hindurch eine Medienkompetenz entwickelt zu haben, die es uns erlauben würde, soziale Netzwerke so zu verwenden, wie wir glauben, es im Moment zu können. Die Meisten sind doch gar nicht in der Lage, diese Plattformen abseits der eigenen Filterblase(n) adäquat so zu verwenden, dass sie wirklich gesellschaftsrelevante Inhalte dahin transportieren, wo sie gebraucht werden.  Eigentlich verhält man sich wie der oben genannte Fonzanoon: man produziert aus heißer Luft ein paar Blasen und beißt dann darauf rum…mit einem offensichtlich zu erwartendem Ergebnis.

Folgerichtig habe ich für mich daraus die Erkenntnis gezogen, all diese schönen bunten Seiten mit den vielen bunten Menschen so zu nutzen, wie ich es aktuell für am sinnvollsten halten: In meiner Filterblase mich über Kunst, Kultur und Sport auszutauschen und mir jede Art von politischem, karitativem oder gemeinnützigem Engagement für das reale Leben aufzuheben. Mit echten Menschen umzugehen ist nämlich schon anstrengend genug…

Das Wahrheitsministerium warnt: Vorsicht, freilaufende Fake-News

Da ist sie auch schon, die erste politische Sau, die 2017 durchs Dorf getrieben werden kann: Fake-News, der Untergang des Abendlandes und aktuell wohl eine der größten Gefahren für das Allgemeinwohl, welcher sofort und mit gar furchtbaren Konsequenzen gesetzlich begegnet werden muss…sagen einschlägige Politiker.
Und wenn einschlägige Politiker – wie Frau Kühne-Hörmann – so etwas sagen, dann wird es Zeit, mal wieder einen Blick auf das politisch unentdeckte Neuland “Internet” zu werfen.

Ein Gesetzentwurf zur Bekämpfung “manipulativer Kommunikation im Internet”, so schwebt es den Landesregierungen in Hessen, Sachsen-Anhalt und Bayern vor. Darin sind unter anderem der Vorschlag enthalten, das Eindringen in fremde Computersystem auch ohne Verursachen von Schaden unter Strafe zu stellen (oha, welch grandiose Idee), ebenso wie die Verwendung sogenannter Social Bots oder Social Bots-Netzwerken. Wer sich das gesamte Machwerk antun möchte, dem kann hier geholfen werden.
Bisher war ich immer der Meinung, dass ein Eindringen in fremde Computer oder Netzwerke auch so schon eine strafbare Handlung darstellt (§ 202a StGB – Ausspähen von Daten), lag damit aber ein wenig daneben. Wenn man nämlich die Augen zu macht und sich nichts von dem anschaut, was da so auf dem anderen System rum dümpelt, so ist das noch nicht illegal. Will ich das System kompromittieren und für schadhafte Zwecke einsetzen, kommt man aber überhaupt nicht drum herum in irgend einer Form mit irgend welchen Daten auf dem anderen System herumspielen zu müssen, wird sich also auch ohne diese Gesetzesänderung strafbar machen. Und inwiefern diese Idee Fake-News bekämpfen soll, bleibt wohl der Obrigkeit ihr kleines Geheimnis.
Nicht viel anders verhält es sich mit dem unter Strafe stellen der Verwendung von Social Bots in den einschlägigen Netzwerken. Die meisten Sozialen Netzwerke verbieten bereits den Einsatz eben solcher in ihren AGB, wie allgemein bekannt mit riesigem Erfolg [IRONIE OFF]…
Ich habe keine Ahnung, wie sich die hessische Justizministerin oder irgend jemand aus den Kreisen der Neuland-Expeditionsteilnehmer einen Social Bot vorstellt, aber es handelt sich in den meisten Fällen nicht um irgend ein kleines elektronisches Männchen, dass bei einem Fake-News Verbreiter im Keller sitzt und das man beschlagnahmen könnte. Genau genommen ist die Technologie ja nicht einmal irgendwie groß geheim oder gar bösartig, denn auf etlichen Plattformen existieren Social Bots ganz legal und werden sinnvoll eingesetzt, zum Beispiel in Chats zur Unterstützung von Moderatoren, um auf immer wiederkehrende Fragen zu antworten, als technischer Support, etc.
Der Social Bot wird also nur zu einem Problem, wenn er ganz gezielt zur Manipulation eingesetzt wird und strafbar macht sich der “Bot-Herr” auch nur dann, wenn eben diese Manipulation gesetzeswidrig ist.
Von einem technischen Standpunkt aus betrachtet sind diese Gesetzes-Vorschläge also ziemliches Gemüse und dürften darauf begründet sein, dass für die meisten Herrschaften in den Bundes- und Landtagssausschüssen, dass Internet immer noch so ein Ding ist, das  aus einem Kabel in der Wand kommt (wie Fernsehen, nur in beide Richtungen).

Kommen wir zu der viel interessanteren Frage, was eigentlich Fake-News sein sollen, warum sie (angeblich) ein Problem sind und was man dagegen tun könnte.
Die einfachste Form der Fake-News in freier Wildbahn ist wohl die Behauptung einer falschen Tatsache, beliebig mit falschen Quellen gewürzt oder irgendwelchen abstrusen Statistiken oder ominösen Untersuchungen unterlegt.
Auch wenn der Begriff “Fake-News” suggeriert, dass dies ein neumodisches Phänomen aus diesem seltsamen Internet sein soll, so gab es die Fake-News eigentlich schon immer, wenn auch weniger zugänglich, dafür aber auch weniger flüchtig. Seien es Flyer irgendwelcher politischen (oder anderer xyz-) Aktivisten, mit denen man in Fußgängerzonen versucht (hat), Meinung zu machen, Broschüren, Graffitis, gezielt gestreute Gerüchte, die sich dann über Hörensagen verbreitet haben und nachgebrabbelt wurden, fehlerhafte Informationen waren immer Teil in der breiten gesellschaftlichen Meinung.
Durch soziale Medien ist es nur viel bequemer geworden, diese unter das Volk zu bringen. Das mühselige “Handverteilen” solcher Informationen kann jetzt bequem von der Tastatur aus erledigt bzw. automatisiert werden.
Die etwas komplexere Form der Fake-News ist der Fakten-Remix, also das Umordnen oder neu anordnen kontextueller Bestandteile von Nachrichten (man nehme Meldung X, gebe einen ordentlichen Schuss von Statistik Y hinzu und rühre ein paar aus dem Kontext gerissene Zitate glaubhafter Prominenter – zum Beispiel Kabarettisten oder Schauspieler – darunter). Jeder einzelne Bestandteil an sich mag richtig sein, in der Zusammenführung ergeben sie jedoch ein bewusst falsches Bild (Beispiele sind im Brexit- oder Trump-Wahlkampf in Massen zu finden).

Und all dies soll per Gesetzen jetzt unterbunden werden. Stellt sich die Frage: Wie soll das  funktionieren? Ein bisschen weiter gedacht, und schon stellen sich einem die Nackenhaare auf. Technisch mag es möglich sein, Fake-News zu verfolgen und auszusieben. Aber wer gibt die Regularien vor, nach denen solche Meldungen “ausgefiltert” werden sollen, wer überprüft und wer vollstreckt?
Der Schritt zu einem Wahrheitsministerium in welchem Informationen in “ordentlich” und “unangemessen” eingeteilt werden, ist erschreckend kurz.
Wenn man sich vor Augen führt, wie oft ein Beitrag des Postillions für Bare Münze genommen wird, wie oft bewusst satirische Falschmeldungen als “reale” News geteilt werden, dann wird einem sehr schnell klar, an welchen Grundpfeilern hier gesägt wird. Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit eine Meldung wirklich als Fake abgestempelt werden kann? Werden die Menschen, die den etablierten Medien sowieso nicht glauben, durch das Unterdrücken von Falschmeldungen und Fake-News plötzlich geläutert und lassen sich überzeugen, dass die Lügenpresse gar nicht so Lügenpresse ist, wie sie es gerne hätten? Ich glaube nicht.

Ich denke, dass hier wie so oft die Katze von der falschen Seite aus gesattelt wird. Anstelle eines Gesetztes zur Bekämpfung von Symptomen wäre es wohl eher hilfreich, wenn sich der eine oder andere Volksvertreter die Frage stellen würde, warum Fake-News in einer solchen Breite auf fruchtbaren Boden fallen.
Allgemein wurde bei vielen politischen Parteien dem Begriff Glaubwürdigkeit maximal ein Nischen-Dasein gewährt. Das die “Was kümmert mich mein Geschwätz von Gestern”-Mentalität irgendwann an ihre Grenzen stoßen würde, ist dabei nur natürlich, ebenso wie die Tatsache, dass es nur zweitrangig ist, was ein Politiker / eine Regierung / eine Bewegung erreicht hat oder auch nicht. Glaubwürdigkeit bekommt man nicht geschenkt, Glaubwürdigkeit muss man sich aktiv erarbeiten.
Fake-News funktionieren aus Mangel an guten Alternativen. Jeder glaubt, was ihm am plausibelsten erscheint und wenn jemand es nicht schafft, seine Informationen glaubhaft zu vermitteln, macht er es den Gerüchtestreuern nur einfacher.
Das sich diverse Ministerien, Behörden, Nachrichtenagenturen und auch die Öffentlich-Rechtlichen gerade in den letzten Jahren nicht immer mit Ruhm bekleckert haben, ist denke ich keine neue Erkenntnis. Sätze wie “Teile der Antwort würden die Bevölkerung verunsichern” oder Meldungs-Desaster wie die letztjährige Kölner Silvesternacht mit all dem Vor- und Zurückgerudere sind da nur die Spitze des Eisberges. Gute und qualitativ hochwertige Inhalte sind wichtig, aber man muss sie auch vermitteln können und an dieser stelle krankt es aktuell ganz gemein.
Diese Problem wird aber definitiv nicht dadurch gelöst, dass man alle anderen (falschen) Mitteilungen versucht strafrechtlich zu eliminieren, denn dadurch allein ist man immer noch nicht in der Lage, die vielleicht eigenen guten Inhalte glaubhaft an das Volk zu bringen. Eher im Gegenteil, man spielt den Lügenpresse-Rhetorikern sogar noch in die Karten.

Die Message, die von einem Gesetzt zur Bekämpfung von Fake-News ausgeht ist ziemlich eindeutig: Wir haben Angst, dass Ihr irgend welchen abstrusen Behauptungen, die nicht mal nachprüfbar sind, mehr glaubt, als uns.
Wäre es nicht mal an der Zeit, über diesen Umstand nachzudenken?

Post~Fuck~Tisch oder warum eigentlich alles so ist wie immer

2016 neigt sich dem Ende entgegen, ein weiteres Jahr in dem die Berufsempörten empört sein durften, die Populisten populistisch, diverse Parteien die Kunst des Trollens auf völlig neue Ebenen gehoben haben und selbst die stümperhaftesten Despoten immer noch jemanden finden konnten, der Verständnis für sie aufbringt. Zeit, sich dem ganzen mal retrospektiv zu widmen.

Ich gestehe, dass es mir immer schwerer fällt mich hier (oder auch sonst wo) politisch oder gesellschaftskritisch zu äußern, was jedoch nicht daran liegt, dass ich mir keine Gedanken machen würde oder nichts mehr zu sagen hätte. Vielmehr lässt es sich frei nach Malmsheimer formulieren: “Es liegt mir einfach nicht, mich mit repetitiven stumpf-stupiden Sachverhalten auseinanderzusetzen.” Nüchtern betrachtet war 2016 nicht anders als 2015 als 2014 als…Naja, eigentlich wie immer. Welche Tatsachen sind es also, über die man aus meiner Sicht für das vergangene Jahr rekapitulieren sollte?

Fangen wir am Besten hinten an: Das Wort des Jahres ist bekanntlicher Weise “postfaktisch” – meiner Meinung nach mit der größte Kokolores, der in den letzten zwölf Monaten sprachlich produziert wurde, und dass will für das vergangene Jahr schon Einiges heißen…irgend etwas “post” zu nennen, dass klingt hipp und irgendwie auch intellektuell – da kann sich jeder Möchtegern-Gesellschaftskritiker drauf einen von der Palme wedeln, wenn er oder sie es schafft, diese Begrifflichkeit in einem öffentlichen Diskurs einzubringen.
“Wir leben in einer postfaktischen Gesellschaft” –  so sprach es aus diverse Politikern, Bloggern und jedem, der dachte, seinen Senf zur aktuellen Debattenkultur beisteuern zu müssen. Nur hat sich anscheinend niemand eine entscheidende Frage gestellt: “Was heißt dieses Wort, dass so wunderbar intellektuell klingt, eigentlich?” – “Eigentlich” ist es ganz einfach: “post” heißt “danach” und “faktisch” bedeutet nichts anderes als “auf Tatsachen beruhend”. Die Erfinder dieses Wortungetüms wollen allerdings, damit auf den Fakt (höhö) hinweisen, dass unsere Gesellschaft ihre Meinungen und Entscheidungen nicht mehr auf Basis von Fakten trifft, sondern eben aus irgend etwas anderem heraus, zum Beispiel aus Emotionen, unvollständigem Wissen oder gar Unwahrheiten.
Öh ja, das mag so sein, aber was bitte schön daran ist “post”? War es denn jemals anders?
Das zumindest möchte man uns wohl weiß machen. Schauen wir doch mal einfach in die menschliche Geschichte und fragen uns, wann und wo hat der gemeine Pöbel (von der Führungselite ganz zu schweigen) denn faktisch entschieden und gedacht? Bei den 68ern, als man die Springer-Presse und deren hetzerische Inhalte für alles verantwortlich gemacht hat (jaja, auch da war man wohl  schon postfaktisch)? Oder davor, als der Mann mit Bart den Leuten was vom Kamel erzählt hat und dieses auf Basis von “Fakten” halb Europa und ganze Bevölkerungsgruppen in Brand gesetzt haben? Oder vielleicht als die Erde noch eine Scheibe war und jeder, der diesen Fakt angezweifelt hat, direkt von der Fakten schaffenden Institution Kirche oxidiert wurde? Bei den Römern, Ägyptern?
Wenn es überhaupt so etwas wie eine Fakten getriebene Epoche gab, dann doch wohl die Ära in der es Fakt war, dass, wenn der Säbelzahntiger schneller als man selber rannte, man ein ziemliches Problem hatte. Nun ja, zu diesen Zeiten war man halt auch noch mit den Konsequenzen recht direkt und im Zweifelsfall auch final konfrontiert, wenn man eben solche Tatsachen missachtete oder ignorierte.
Ansonsten basierten Fakten immer auf dem perspektivischem Weltbild, dass zu eben jener Zeit  oder Epoche vorherrschte.
So gesehen heißt postfaktisch also heutzutage nichts anderes: “Nach meiner Weltsicht ist das eine Tatsache und Deine Meinung weicht davon ab, kann also nicht richtig sein.” Es klingt halt besser als zu sagen: “Ich habe recht und Du bist doof”.
Vor Allem sollte man gewarnt sein, wenn Politiker dieses Wort in den Mund nehmen. Wenn man sich überlegt, wie oft in diesem Metier Fakten geschaffen werden…je nach politischer Couleur sehen die ja immer ein wenig anders aus…ach ja, über dieses Wortungetüm sollte man in diesem Zusammenhang auch mal resonieren…Fakten schaffen…

Die Quintessenz des Ganzen ist wohl, dass Menschen unabhängig von Epoche und Wissensstand immer irgend etwas nachgefaselt haben, was irgend jemand anders ihnen vorgesabbelt hat. Der Unterschied heutzutage ist einfach, dass die Auswahl an Blödsinn den man nachquatschen und wiederkäuen kann, durch moderne Medienkonstrukte exponentiell angestiegen ist…einfacher ausgedrückt, der Bottich voll Scheiße mit der man um sich Werfen kann ist in den letzten Jahrzehnten einfach nur um einiges größer geworden. Kein Mensch muss sich mehr die Mühe machen, wirklich fundierte Argumente für sein eigenes Weltbild zusammenzusuchen, die die eigenen Meinung bestätigende Statistik ist nur zwei Klicks weit entfernt. Würde man an dieser Stelle wirklich kritisch und vor allem faktisch arbeiten, dürfte man genau dann nicht aufhören zu suchen, sondern müsste sich auch der unangenehmen Aufgabe stellen, Quellen zu suchen, die die eigene Meinung und das eigene Weltbild eventuell aus dem Gleichgewicht bringen oder noch schlimmer, gar widerlegen könnten.
Früher ist dieser Mangel an kritischem Diskurs niemandem aufgefallen, weil das eigenen Weltbild und die damit verknüpften Parolen in den seltensten Fällen den Stammtisch oder die gesellschaftskritische Teetrinker-Runde verlassen hat. Heute ist dieser Stammtisch oder das besetzte Haus halt wesentlich größer geworden, nennt sich Facebook oder Twitter und trennt die Ideologien, welche verfolgt werden auch nicht mehr räumlich sondern verschmelztigelt dies alles zu einer ziemlich heterogenen Masse von teilweise sehr unappetitlicher Konsistenz. Nun kommt man sich halt in die Quere und muss sich mit der Meinung der anderen Seite auseinander setzen (oder auch nicht). Das ist eine neue Erfahrung für alle beteiligten Seiten und offensichtlich tut man sich recht schwer, damit umzugehen – man hat es ja auch nie gelernt. Die einen brüllen dumpfe Parolen um ihr noch dumpferes Weltbild zu rechtfertigen, die anderen versuchen mit wortreichem Pseudointellekt ihr eigenes Weltbild als das ultimative welche zu verkaufen.
Und was resultiert daraus: Jede Seite versucht der anderen, den größeren Haufen ans Bein zu kacken. Es stellt sich doch keiner die Frage, ob Trump, Petry oder Le Pen ein sinnvolles Wahlprogramm auf den Tisch legen sondern nur, wie sehr es “die anderen” (also alle, die nicht der eigenen Meinung sind) ärgert und somit die eigene rechte oder linke Pseudorevoluzerseele befriedigt.

Eigentlich sollte es nicht wundern, dass wir in einer immer stärker polarisierenden Welt leben: Wir haben wohl das erste mal in unsere Historie so etwas wie ein großes Miteinander (digital, politisch, gesellschaftlich).
Leider hat uns aber niemand beigebracht, wie wir damit umzugehen haben und welche Chancen sich daraus ergeben. Wir haben nicht gelernt, wie wir mit den Meinung und den geistigen Eskapaden Andersdenkender klar kommen, sondern verfallen immer noch dem eiskalten Lagerdenken: es sind immer die anderen gegen uns, schwarz und weiß, böse gegen gut. Früher ließ sich das ignorieren, der BILDzeitungsleser war der BILDzeitungsleser, der Spiegel-Konsument eben dieser. Berührungspunkte gab es nur partiell, geschimpft und gepöbelt hat man hauptsächlich in der Abwesenheit des anderen und im eigenen Kreise, seinem eigenen Soziotop.
Jetzt kann man sich die eigene Meinung gegenseitig gefragt und vor Allem auch ungefragt um die Ohren hauen. Mit den Folgen, dass die eine Seite sich immer mehr isoliert und extremisiert und die andere berufsempört ist. Interessanter Weise wird, was die Lösung dieses Konfliktes angeht, auf beiden Seiten dann eine Wortwahl ausgepackt und ein Arsenal an Möglichkeiten aufgefahren, welches einem die Fußnägel bis zum Anschlag hochrollt.

Da stehen wir nun, nach tausenden Jahren menschlicher Evolution, haben in der Tat den faktischen Säbelzahntiger nicht mehr zu fürchten, aber verwenden ein Großteil unserer Energie und erstaunlich viel Kreativität darauf, uns ein Weltbild zusammenzubauen, an dem wir leiden können und uns daran zugrunde richten, die Schuld immer bei anderen suchen oder einfach einer Utopie hinterher hecheln, von der wir eigentlich genau wissen, dass sie so nie Realität werden kann.
Geschichtsunterricht könnten wir uns eigentlich schenken, denn wir treten alle paar Dekaden in die gleiche gesellschaftspolitischen Fettnäpfe und vergessen recht schnell, welche fatalen Konsequenzen dies in den meisten Fällen nach sich gezogen hat.

Agent Smith hatte schon ganz recht als er zu Morpheus sprach:

“Wussten Sie, dass die erste Matrix als perfekte Welt geplant war, in der kein Mensch hätte leiden müssen? Ein rundum glückliches Leben! Es war ein Desaster. Die Menschen haben das Programm nicht angenommen, es fielen ganze Ernten aus. Einige von uns glauben, wir hätten nicht die richtige Programmiersprache euch eine perfekte Welt zu schaffen, aber… ich glaube, dass die Spezies Mensch ihre Wirklichkeit durch Kummer und Leid definiert. Die perfekte Welt war also nur ein Traum, aus dem euer primitives Gehirn aufzuwachen versuchte.”

Tja, gerne würde ich darauf irgend etwas erwidern. Aber jeder Tag, an dem ich feststellen muss, dass politisches Partizipieren eigentlich nur noch daraus besteht, sich Wort- und Argumentationsschablonen in sozialen Netzwerken um die Ohren zu hauen, News und Gegennews, Statistik und Gegenstatistik immer mit dem Anspruch der eigenen allumfassenden Wahrheit ohne kritisches Hinterfragen inflationär eingesetzt werden um den Gegner mundtot zu machen und Wahlen eigentlich nur damit gewonnen werden, der jeweils anderen Seite so viel Angst wie möglich machen zu wollen, lässt für mich nur den Schluss zu – und auch irgendwie die Hoffnung – das wir uns in Richtung Gipfel und dann hoffentlich Richtung Niedergang einer prefaktischen Gesellschaft bewegen.
Ich habe einfach keinen Bock mehr auf Verschwörungstheoretiker, Aluhutträger, Bessermenschen, Ideologen, religiöse Blendern und Verblendete, Demagogen, Anarchisten, Brexisten, Trumpisten (Liste beliebig fortsetzen)…ihr habt jetzt alle lange genug euren Spaß gehabt!

Was könnten wir alles schaffen, wenn wir die Kreativität, mit der wir versuchen uns unser Leben ständig gegenseitig madig zu machen, in gemeinsamen Vortrieb verwandeln würden. Wenn wir nicht ständig darüber lamentieren würden, wie unfair alles ist, dass es immer nur abwärts geht, dass wir in einer Welt mit denen da oben und uns da unten leben würden, dass alles nur eine große Verschwörung ist, dass….ach egal.
Überlegt Euch mal, wie viel Eurer Lebenszeit ihr darauf verschwendet, genau dies zu tun. Ehrlich gesagt, würde es mir auch verdammt schlecht damit gehen und mich final frustrieren, mich die ganze Zeit ständig empört und angepisst fühlen zu müssen.

Deswegen beende ich an dieser Stelle meinen Jahresend-Rant und beschäftige mich lieber mit sinnvollen und angenehmen Dingen. Gibt ja genug “Besorgte” und “Verbesserer” da draußen, die sich für uns alle darum einen Kopf machen können.

So long, over and out

Euer Tom

Die Pille fürs Ego und die Chemie des Selbstbetrugs

Eigentlich ist es ja ein ausgelutschtes Thema: regelmäßig werden in der Zeit vor Olympischen Spielen alte Dopingskandale neu aufgerollt und medienwirksam präsentiert und nebenher noch jede Menge neue Fälle, Sünder und die Machenschaften ganzer Verbände enttarnt. Wirklich überraschend ist nichts davon, denn “geahnt hatten wir es schon immer”. Dabei geht aber ein Phänomen völlig unter – eines, dass auch psychologisch hoch interessant ist und tiefer blicken lässt, als es so manchem lieb wäre.

Sind wir ehrlich: Wer war wirklich vom Fall Lance Armstrong überrascht, wem waren die “Frauen” der chinesischen Schwimm-Nationalmanschaft nicht schon immer suspekt und ist es wirklich so verwunderlich, dass es im russischen Leichtathletik-Verband wohl eine eigene Task Force für pharmazeutische Leistungssteigerung gibt? Doping ist so alt wie der Spitzensport und die Tatsache, dass es die Professionalisierung diverser Sportarten zugenommen hat und weiterhin zunimmt, hat mit Sicherheit nicht dazu geführt, dass der Missbrauch leistungssteigernder Mittelchen irgendwie stagniert wäre. Die einzig interessante Frage, die hier bleibt wäre wohl nur, was denn die Olympioniken der alten Griechen vor ihren Wettkämpfen so alles eingeworfen haben um ein wenig schneller flitzen zu können als der ein oder andere Römer.

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Die Verwendung diverser Mittelchen und Methoden pharmazeutischer Herkunft lässt sich im Spitzensport und vor allem im Profibereich sogar noch halbwegs plausibel erklären und dass sogar ohne das man Verständnis oder sonstige seltsame Dinge dafür aufbringen müsste: Es geht schlicht und einfach um die eigene Existenz, bzw. in Sportarten, in denen etwas mehr Geld im Spiel ist, die Wahrung und/oder Verbesserung des eigenen Marktwertes. Das fängt an beim kenianischen Langstreckenläufer, dem die Berufung in das nationale Team die Lebensgrundlage für seine gesamte Familie über Jahre hinweg sichert und hört auf beim millionenschweren Radprofi, dem ein weiterer Tour-Sieg noch das ein oder andere Milliönchen zusätzlich in die Kasse spült. Von der Befindlichkeit des Nationalstolzes so mancher Verbände möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen, aber auch dies geht und ging ja immer mit einer monetären Veränderung (und bei so manchem Regime natürlich auch der Chancen im späteren Leben des Sportlers) einher.
Also, ist das unmoralisch (vielleicht sollte man besser unfair schreiben, da Moral ja immer etwas sehr Subjektives ist), wenn ich “nur” versuche, meine berufliche Existenz (egal auf welchem Level) zu sichern? Mit absoluter Sicherheit, denn durch den eigenen Betrug verwehre ich eben diese Existenzsicherung meinen Mitbewerbern, die genau so davon leben müssen und im Grunde nur zwei Möglichkeiten haben: Mit dem Nachteil leben lernen oder das hässliche Spiel mitspielen. Was passieren kann, wenn sich eine ganze Sportart dafür entscheidet Variante 2 zu wählen, konnte man in den letzten Jahren eindrücklich beobachten.
Wie dem auch sei, materialistische Gründe sind psychologisch nicht besonders schwer nachzuvollziehen und können in vielfacher unschöner Auswirkung sowohl in der Sport- als auch in sonstigen Historien beliebig und ohne größere Aufwände vorgefunden und nachvollzogen werden.

Etwas verzwickter wird es, wenn wir einen Blick auf den Amateur- und Breitensport werfen, der sich in den letzten Jahren durchaus auch einen Namen im Bereich der unerlaubten Hilfen in der Leistungssteigerung gemacht hat. Das reicht von der billigsten Variante des Einnehmens irgendwelcher Schmerzmittel bis hin zum Erwerb und der Verwendung teuerster Dopingpräparate, bei denen wohl selbst ein Doktor Fuentes inzwischen neidisch werden würde, oder aber auch das illegale technische Tuning des eigenen Sportgerätes.
Sehr schnell stellt sich hier die Frage: Warum zum Teufel? Als Amateur oder Breitensportler muss ich keine Rechnungen von irgend welchen Prämien oder Sponsorengeldern bezahlen oder mich darum sorgen, dass bei schlechten Ergebnissen nur noch billigstes Essen auf dem Tisch steht, da das Geld für etwas Ordentliches fehlt. Eher im Gegenteil – ich zahle einen Haufen Kohle um irgendwo mitmachen zu dürfen. Warum muss ich meinen Körper und/oder auch mein Gewissen mit einem solchen Ballast beladen? Ich habe doch trainiert, um zu wissen, was ich leisten kann, um zu wissen wie gut ich bin und an welche Grenzen ich gehen kann und nicht darum, um herauszufinden, wie gut der Pharma-Konzern gearbeitet hat. Egal ob mit Epo oder Aspirin, am Ende werde ich nie wissen, ob und vor allem wie gut ich war oder hätte sein können.
Sperrt man dann ein wenig die Ohren und auch die Augen auf, wird aber sehr schnell eine “Argumentationslinie” deutlich: “Die anderen machen es ja auch und damit man eine Chance hat spiele ich halt mit.” Grob gesagt, der gleiche Bullshit, wie bei den Profis. Aber, und das ist der entscheidende Unterschied, hier geht es nicht um Geld oder Marktwert, sondern einzig und alleine ums eigene Ego, es geht um den totalen Selbstbetrug. “Die Anderen” können das, da muss ich unbedingt mithalten könne, egal unter welchen Umständen. Wenn ich nicht mithalten kann, werde ich immer und überall abgehängt, “die Anderen” sind die Erfolgreichen, ich der Loser, der kann einen Marathon finishen, dass muss ich auch, der ist ein Ironman, das brauche ich auch in meinem Lebenslauf, etc. pp.
Wir leben in einer Zeit, in der sich ein Großteil von uns immer stärker in Relation zu seinen Mitmenschen definiert und immer weniger über die eigenen persönlichen Stärken und Schwächen, das altbekannte “Mein Auto, mein Haus, mein Boot”-Syndrom. Es reicht uns nicht, dass es uns gut geht, wir wollen, dass es uns besser geht, besser als dem Kollegen, dem Nachbarn oder dem Sportkameraden. Und wenn es der Körper nicht hergibt, den Marathon, den der Kollege aus Büro C5 bereits erfolgreich gelaufen ist, selber zu bewältigen, weil man bei Kilometer 30 vor Schmerzen fast stirbt, dann wird halt mit Paracetamol nachgeholfen. Und wenn der Vereinskamerad bereits die 3:30h unterboten hat, dann muss man dass selber ja auch auf Teufel komm raus schaffen, oder der Status-Verlust im eigenen sportlich und sozialen Umfeld ist garantiert – so glaubt man zumindest.
Ob es den Kollegen oder den Sportkameraden interessiert, dass man nun besser oder genau so gut ist, ist unerheblich. Denn man selbst hat sich bewiesen, dazuzugehören. Das eigene Ego ausgetrickst und poliert. Denn man hat doch die Leistung erbracht, mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen. Und eigentlich ist es ja auch nicht schlimmer, als der ein wenig frisierte Lebenslauf bei der Bewerbung, oder? Oder vielleicht die etwas modifizierte Steuererklärung? Und überhaupt, es ist ja nur Sport, die anderen sind garantiert auch nicht clean und somit ist es wenigstens ein fairer Wettkampf…
Die haarsträubend relativierenden Beispiele für Selbstbetrugsversuche ließen sich vermutlich noch über Seiten ausführen, ändern aber an der Quintessenz nichts:

Egal, wie man es dreht und wendet, letztendlich bleibt es nur eines: Selbstbetrug. Es hat überhaupt keine Relevanz, ob “die Anderen” in irgend einer Weise nachgeholfen haben oder nicht. Jede Art der Rechtfertigung vor einem selber, ist nur eine Verar***e des eigenen Egos. Denn eines werde ich als Doper nie erfahren: “War wirklich ich so gut oder hat nur ein Chemiker einen verdammt guten Job gemacht”…und eigentlich stellt sich für einen echten Sportler, egal in welcher Sportart, immer nur eine Frage am Wettkampftag: “Wie gut bin ich wirklich!”

In diesem Sinne
Bleibt sauber!

Ist das noch Lifestyle oder kann das weg

“Oha!” wird der ein oder andere denken, “ein Blog-Eintrag, welcher sich mal nicht um Sport dreht. Wie kömmts und ist Alles in Ordnung mit Ihm?” Dem Leser sei versichert, dass es dem Schreiberling gut geht und in der Tat auch der Sport in diesen Zeilen seinen Platz finden wird – wenn auch weniger und vermutlich ganz anders, als man im ersten Moment vermuten mag.

Wer mich kennt weiß, dass ich neben vielen anderen lustigen Beschäftigungen auch einen Hang zu düsterer und meistens elektronischer Musik habe und mich seit nun fast zwei Jahrzehnten mal mehr und mal weniger intensiv (in den letzten Jahren eher weniger) in der entsprechenden Szene herumdrücke. Wie man diesen Haufen nun auch nennen mag, ob Gruftis, Gothics, Schwarzvolk, soll für das hier Folgende eine eher untergeordnete Rolle spielen und ist eigentlich auch nicht relevant.
Was hingegen eine wesentlich größere Rolle spielt, ist die Tatsache, dass ich gerne beobachte: Menschen, Strömungen, Entwicklungen, etc… und davon hat eben jene Szene in den letzten Jahren doch so einige hervorgebracht. Über viele wurde bereits ausführlich geschrieben, geflucht und gelästert (Cyberpuschels und Einhörner auf Festivals und in Clubs, musikalische Desaster wie den Grafen, usw.) und einiges davon ist auch der Grund, warum ich inzwischen große Festivals eigentlich meide – wenn nicht gerade musikalische Gründe dagegen sprechen. Das schließt auch das Wave Gotik Treffen nicht aus, dessen letzter Besuch bei mir aus dem Jahre 1997 datiert und das ich in all der Zeit immer nur aus der Ferne betrachtet und mir gerade in den letzten Jahren meinen Teil gedacht habe. Vermutlich wäre es auch dabei geblieben, wenn sich die Veranstalter nicht zum 25 jährigen Bestehen eben jenes Festivals den größten Hirnfurz erdacht hätten, den es seit jeher gab und bei dem sich im Nachhinein bei mir der Wunsch einstellte, dass mit dem Bankrott des Festivals im Jahre 2000 dieses auch besser in die ewigen Jagdgründe eingegangen wäre: Eine Eröffnungsfeier im Vergnügungspark Belantis.
Ein Festival(beginn) in einem Vergnügungspark, mit Achterbahnen, Zuckerwatte und jeder Menge kurzweiligem Amusement…….also mit Allem, was die Szene einst vermeiden und vor dem sie entfliehen, zu dem sie einen Kontrapunkt setzen wollte und dass, sowohl mit ihrer Musik, mit ihrer Lebenseinstellung und auch durch ihr Äußeres.
Jetzt bin ich der Letzte, der irgend jemandem irgendwo Spaß absprechen will und natürlich spricht absolut nichts dagegen, dass auch das gemeine Dunkelvolk sich in Achterbahnen den Mageninhalt aus dem Leibe fährt und sich rosa Zuckerwatte ins Gesicht klebt. Aber nicht bei einem Festival, welches eine ganz bestimmte Subkultur feiert. Dieses mit genau dem Gegenteil zu eröffnen, was diese Subkultur eigentlich hat entstehen lassen, ist wohl purer Hohn – und das Lustige ist, viele merken nicht einmal, wie sie hier verspottet werden (und NEIN, dass geht auch nicht als Satire durch, auch nicht in der aktuellen politischen Weltlage).

An der Stelle stellt sich mir dann immer eine bestimmte Frage (meist, nachdem ich ausführlich über die Tatsachen gewütet und gewettert habe): Warum und vor Allem wieso? Wie konnte es dazu kommen und warum lassen sich die Leute sowas bieten? Der Resonanz nach zu urteilen, scheint eine solche Idee auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Wenn man ein paar geistige Schritte zurücktritt und nach den Gründen sucht, wird man doch recht schnell fündig. Das die Szene zu einer Karnevalsveranstaltung verkommen ist, und viele, die heuten in den Clubs zu vermeintlich düsterer Musik tanzen, kaum noch etwas mit der eigentlichen Idee dahinter zu tun haben, ist denke ich eine triviale Erkenntnis. Das Warum ist ein gerne und lang diskutiertes Thema unter alten Szene(wider)gängern und wird bei hochprozentigen Abenden gerne ausführlich diskutiert.
Dabei ist die nahe liegende Antwort eigentlich so und fast schon zu einfach:
Man erklärt skurrile Dinge einfach zum Lifestyle und vermarktet sie. 

Ja, doch, so einfach ist es, nicht mehr und nicht weniger. Die Grufts und Goths waren bis Ende der 90er ein von Außen misstrauisch beäugter Haufen. Wir haben uns als “Satanisten” auf der Straße anpöbeln lassen müssen, es war verdammt schwierig irgendwelchen Club-Besitzern zu erklären, was wir denn dort für Parties mit seltsamer Musik feiern wollten und selbst der leichteste Touch Szeneoutfit führte in tagtäglichen Situationen zu allerhand Diskussionen.
Doch dann kam irgend ein (oder vielleicht doch mehrere) findiger Werbemensch auf die Idee, “düster” zu einem Lifestyle zu erklären und diesen zu vermarkten und Schwupps… schon war es chic sich in solchem Outfit sehen zu lassen und der Schritt bis zu dunklen Edelboutique war schnell gegangen. Plötzlich liefen Musikgruppen auf TV-Sendern, die es vorher mit Mühe und Not auf kleine alternative Radiosender geschafft hatten und das düstere Outfit war Mainstream und konnte vielfach auch bei Popsternchen und gecasteten Boygroups beobachtet werden. Ein “Warum” war nicht mehr nötig, Musik verkam zur Nebensache und man konnte mit der nach außen getragenen Skurrilität richtig Geld verdienen.

Interessanterweise funktioniert dieses Konzept bei sehr vielen skurrilen und abstrusen Dingen, aber richtig Bewusst (und hier kommt dann doch wieder ein wenig der Sport ins Spiel) wurde mir dies erst, als ich Anfang des Jahres in einem Interview mit dem neuen Ironman Europe Chef Hans-Peter Zurbrügg folgenden Satz las: “Ein Ironman-Finish ist die Spitze der Lifestyle-Pyramide”.
Und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Klar, wenn man logisch drüber nachdenkt, ist die Idee 3,8 Kilometer zu schwimmen, 180 km Rad zu fahren und dann noch einen Marathon zu laufen, absolut nicht zu vermarkten, denn die Zielgruppe für eine solche Absurdität ist extrem überschaubar und klein, also nichts, womit man erstmal viel Geld verdienen könnte. Wenn man allerdings einen Lifestyle daraus macht und diesen als chic und elitär vermarktet, dann erreicht man ganz schnell riesige Absatzzahlen und kann damit eine ganze Industrie befeuern.

Nebenher entstehen dann auch noch solche Auswüchse wie die speziellen Manager-Startnummern beim Frankfurt-Marathon, die jedem ins Gesicht schreien sollen: “Seht her, ich bin Manager, habe den Längsten und bin hart genug einen Marathon zu finishen”.
Da ist es nur recht und billig, dass sich solche Errungenschaften bei Bewerbungen in Lebensläufen wiederfinden, zeigen sie doch, zu welchem erlesenen Kreis man zählt.

Abseits dieser zwei Beispiele aus meinem näheren Dunstkreis, ließe sich diese Liste mit Lifestyleprodukten beliebig lang fortsetzen, sei es das richtige Dating-Portal, bei dem man seinen Partner kennen gelernt hat (“Sag mal, Du hast Deinen doch hoffentlich bei elite-partner.de kennengelernt” – “Öh nö, der ist mir zugelaufen”) oder Hipster, die ihre (meist zwar teuren aber zum Fahren völlig unbrauchbaren) Fahrräder nur durch die Gegend schieben, weil das so muss.

Von den Irrungen und Wirrungen der alternativen Lebensmittelindustrie will ich erst gar nicht anfangen. Ja, auch vegetarisch/vegan wird als Lifestyle vermarktet! Auch wenn viele da draußen dass jetzt so gar nicht gerne hören. Aber bevor hier irgend jemand einen Shitstorm los tritt, es geht nicht um die Lebensweise, sondern um die Art, wie es verkauft und an den Mann/die Frau gebracht wird. Zu dem Thema würde vermutlich ein einzelner Beitrag gar nicht ausreichen.

Mache einen Lifestyle draus und Du hast die Lizenz zum Geld drucken. Musik und Outfits für die Düsterszene, teure Sportevents und ein Überangebot an überteuertem und teilweisen sinnlosem Equipment für die Elitesportler, tausend vegane Fertigprodukte zu utopischen Preisen für den gewissensgeplagten Alternativernährer, Mitgliedsgebühren für Datingbörsen, die jenseits jeder Rationalität liegen…………….und so weiter und so fort.

An der Stelle vielleicht noch eine wichtige Anmerkung: Lifestyle ist für mich NICHT gleichbedeutend mit Lebenseinstellung, Lebensweise oder eigenen Richtlinien und Überzeugungen, denn diese werden meines Erachtens nicht so exhibitionistisch in die Welt herausposaunt sonder für sich selbst gelebt und erlebt.
Wenn man dies aber nicht kann, weil man nicht in der Lage ist, seine eigene Identität, eigene Stärken oder Grundsätze für sich zu definieren und zu finden, dann greift man halt zu etwas Vorgefertigtem, etwas was bereits gestylt und markterprobt ist und vor allem etwas, was man sich mit Geld kaufen und vorzeigen  kann.

Genau betrachtet ist Lifestyle also nur eines: ein Synonym für den sozialen Schwanzvergleich!

In diesem Sinne…