Post~Fuck~Tisch oder warum eigentlich alles so ist wie immer

2016 neigt sich dem Ende entgegen, ein weiteres Jahr in dem die Berufsempörten empört sein durften, die Populisten populistisch, diverse Parteien die Kunst des Trollens auf völlig neue Ebenen gehoben haben und selbst die stümperhaftesten Despoten immer noch jemanden finden konnten, der Verständnis für sie aufbringt. Zeit, sich dem ganzen mal retrospektiv zu widmen.

Ich gestehe, dass es mir immer schwerer fällt mich hier (oder auch sonst wo) politisch oder gesellschaftskritisch zu äußern, was jedoch nicht daran liegt, dass ich mir keine Gedanken machen würde oder nichts mehr zu sagen hätte. Vielmehr lässt es sich frei nach Malmsheimer formulieren: „Es liegt mir einfach nicht, mich mit repetitiven stumpf-stupiden Sachverhalten auseinanderzusetzen.“ Nüchtern betrachtet war 2016 nicht anders als 2015 als 2014 als…Naja, eigentlich wie immer. Welche Tatsachen sind es also, über die man aus meiner Sicht für das vergangene Jahr rekapitulieren sollte?

Fangen wir am Besten hinten an: Das Wort des Jahres ist bekanntlicher Weise „postfaktisch“ – meiner Meinung nach mit der größte Kokolores, der in den letzten zwölf Monaten sprachlich produziert wurde, und dass will für das vergangene Jahr schon Einiges heißen…irgend etwas „post“ zu nennen, dass klingt hipp und irgendwie auch intellektuell – da kann sich jeder Möchtegern-Gesellschaftskritiker drauf einen von der Palme wedeln, wenn er oder sie es schafft, diese Begrifflichkeit in einem öffentlichen Diskurs einzubringen.
„Wir leben in einer postfaktischen Gesellschaft“ –  so sprach es aus diverse Politikern, Bloggern und jedem, der dachte, seinen Senf zur aktuellen Debattenkultur beisteuern zu müssen. Nur hat sich anscheinend niemand eine entscheidende Frage gestellt: „Was heißt dieses Wort, dass so wunderbar intellektuell klingt, eigentlich?“ – „Eigentlich“ ist es ganz einfach: „post“ heißt „danach“ und „faktisch“ bedeutet nichts anderes als „auf Tatsachen beruhend“. Die Erfinder dieses Wortungetüms wollen allerdings, damit auf den Fakt (höhö) hinweisen, dass unsere Gesellschaft ihre Meinungen und Entscheidungen nicht mehr auf Basis von Fakten trifft, sondern eben aus irgend etwas anderem heraus, zum Beispiel aus Emotionen, unvollständigem Wissen oder gar Unwahrheiten.
Öh ja, das mag so sein, aber was bitte schön daran ist „post“? War es denn jemals anders?
Das zumindest möchte man uns wohl weiß machen. Schauen wir doch mal einfach in die menschliche Geschichte und fragen uns, wann und wo hat der gemeine Pöbel (von der Führungselite ganz zu schweigen) denn faktisch entschieden und gedacht? Bei den 68ern, als man die Springer-Presse und deren hetzerische Inhalte für alles verantwortlich gemacht hat (jaja, auch da war man wohl  schon postfaktisch)? Oder davor, als der Mann mit Bart den Leuten was vom Kamel erzählt hat und dieses auf Basis von „Fakten“ halb Europa und ganze Bevölkerungsgruppen in Brand gesetzt haben? Oder vielleicht als die Erde noch eine Scheibe war und jeder, der diesen Fakt angezweifelt hat, direkt von der Fakten schaffenden Institution Kirche oxidiert wurde? Bei den Römern, Ägyptern?
Wenn es überhaupt so etwas wie eine Fakten getriebene Epoche gab, dann doch wohl die Ära in der es Fakt war, dass, wenn der Säbelzahntiger schneller als man selber rannte, man ein ziemliches Problem hatte. Nun ja, zu diesen Zeiten war man halt auch noch mit den Konsequenzen recht direkt und im Zweifelsfall auch final konfrontiert, wenn man eben solche Tatsachen missachtete oder ignorierte.
Ansonsten basierten Fakten immer auf dem perspektivischem Weltbild, dass zu eben jener Zeit  oder Epoche vorherrschte.
So gesehen heißt postfaktisch also heutzutage nichts anderes: „Nach meiner Weltsicht ist das eine Tatsache und Deine Meinung weicht davon ab, kann also nicht richtig sein.“ Es klingt halt besser als zu sagen: „Ich habe recht und Du bist doof“.
Vor Allem sollte man gewarnt sein, wenn Politiker dieses Wort in den Mund nehmen. Wenn man sich überlegt, wie oft in diesem Metier Fakten geschaffen werden…je nach politischer Couleur sehen die ja immer ein wenig anders aus…ach ja, über dieses Wortungetüm sollte man in diesem Zusammenhang auch mal resonieren…Fakten schaffen…

Die Quintessenz des Ganzen ist wohl, dass Menschen unabhängig von Epoche und Wissensstand immer irgend etwas nachgefaselt haben, was irgend jemand anders ihnen vorgesabbelt hat. Der Unterschied heutzutage ist einfach, dass die Auswahl an Blödsinn den man nachquatschen und wiederkäuen kann, durch moderne Medienkonstrukte exponentiell angestiegen ist…einfacher ausgedrückt, der Bottich voll Scheiße mit der man um sich Werfen kann ist in den letzten Jahrzehnten einfach nur um einiges größer geworden. Kein Mensch muss sich mehr die Mühe machen, wirklich fundierte Argumente für sein eigenes Weltbild zusammenzusuchen, die die eigenen Meinung bestätigende Statistik ist nur zwei Klicks weit entfernt. Würde man an dieser Stelle wirklich kritisch und vor allem faktisch arbeiten, dürfte man genau dann nicht aufhören zu suchen, sondern müsste sich auch der unangenehmen Aufgabe stellen, Quellen zu suchen, die die eigene Meinung und das eigene Weltbild eventuell aus dem Gleichgewicht bringen oder noch schlimmer, gar widerlegen könnten.
Früher ist dieser Mangel an kritischem Diskurs niemandem aufgefallen, weil das eigenen Weltbild und die damit verknüpften Parolen in den seltensten Fällen den Stammtisch oder die gesellschaftskritische Teetrinker-Runde verlassen hat. Heute ist dieser Stammtisch oder das besetzte Haus halt wesentlich größer geworden, nennt sich Facebook oder Twitter und trennt die Ideologien, welche verfolgt werden auch nicht mehr räumlich sondern verschmelztigelt dies alles zu einer ziemlich heterogenen Masse von teilweise sehr unappetitlicher Konsistenz. Nun kommt man sich halt in die Quere und muss sich mit der Meinung der anderen Seite auseinander setzen (oder auch nicht). Das ist eine neue Erfahrung für alle beteiligten Seiten und offensichtlich tut man sich recht schwer, damit umzugehen – man hat es ja auch nie gelernt. Die einen brüllen dumpfe Parolen um ihr noch dumpferes Weltbild zu rechtfertigen, die anderen versuchen mit wortreichem Pseudointellekt ihr eigenes Weltbild als das ultimative welche zu verkaufen.
Und was resultiert daraus: Jede Seite versucht der anderen, den größeren Haufen ans Bein zu kacken. Es stellt sich doch keiner die Frage, ob Trump, Petry oder Le Pen ein sinnvolles Wahlprogramm auf den Tisch legen sondern nur, wie sehr es „die anderen“ (also alle, die nicht der eigenen Meinung sind) ärgert und somit die eigene rechte oder linke Pseudorevoluzerseele befriedigt.

Eigentlich sollte es nicht wundern, dass wir in einer immer stärker polarisierenden Welt leben: Wir haben wohl das erste mal in unsere Historie so etwas wie ein großes Miteinander (digital, politisch, gesellschaftlich).
Leider hat uns aber niemand beigebracht, wie wir damit umzugehen haben und welche Chancen sich daraus ergeben. Wir haben nicht gelernt, wie wir mit den Meinung und den geistigen Eskapaden Andersdenkender klar kommen, sondern verfallen immer noch dem eiskalten Lagerdenken: es sind immer die anderen gegen uns, schwarz und weiß, böse gegen gut. Früher ließ sich das ignorieren, der BILDzeitungsleser war der BILDzeitungsleser, der Spiegel-Konsument eben dieser. Berührungspunkte gab es nur partiell, geschimpft und gepöbelt hat man hauptsächlich in der Abwesenheit des anderen und im eigenen Kreise, seinem eigenen Soziotop.
Jetzt kann man sich die eigene Meinung gegenseitig gefragt und vor Allem auch ungefragt um die Ohren hauen. Mit den Folgen, dass die eine Seite sich immer mehr isoliert und extremisiert und die andere berufsempört ist. Interessanter Weise wird, was die Lösung dieses Konfliktes angeht, auf beiden Seiten dann eine Wortwahl ausgepackt und ein Arsenal an Möglichkeiten aufgefahren, welches einem die Fußnägel bis zum Anschlag hochrollt.

Da stehen wir nun, nach tausenden Jahren menschlicher Evolution, haben in der Tat den faktischen Säbelzahntiger nicht mehr zu fürchten, aber verwenden ein Großteil unserer Energie und erstaunlich viel Kreativität darauf, uns ein Weltbild zusammenzubauen, an dem wir leiden können und uns daran zugrunde richten, die Schuld immer bei anderen suchen oder einfach einer Utopie hinterher hecheln, von der wir eigentlich genau wissen, dass sie so nie Realität werden kann.
Geschichtsunterricht könnten wir uns eigentlich schenken, denn wir treten alle paar Dekaden in die gleiche gesellschaftspolitischen Fettnäpfe und vergessen recht schnell, welche fatalen Konsequenzen dies in den meisten Fällen nach sich gezogen hat.

Agent Smith hatte schon ganz recht als er zu Morpheus sprach:

„Wussten Sie, dass die erste Matrix als perfekte Welt geplant war, in der kein Mensch hätte leiden müssen? Ein rundum glückliches Leben! Es war ein Desaster. Die Menschen haben das Programm nicht angenommen, es fielen ganze Ernten aus. Einige von uns glauben, wir hätten nicht die richtige Programmiersprache euch eine perfekte Welt zu schaffen, aber… ich glaube, dass die Spezies Mensch ihre Wirklichkeit durch Kummer und Leid definiert. Die perfekte Welt war also nur ein Traum, aus dem euer primitives Gehirn aufzuwachen versuchte.“

Tja, gerne würde ich darauf irgend etwas erwidern. Aber jeder Tag, an dem ich feststellen muss, dass politisches Partizipieren eigentlich nur noch daraus besteht, sich Wort- und Argumentationsschablonen in sozialen Netzwerken um die Ohren zu hauen, News und Gegennews, Statistik und Gegenstatistik immer mit dem Anspruch der eigenen allumfassenden Wahrheit ohne kritisches Hinterfragen inflationär eingesetzt werden um den Gegner mundtot zu machen und Wahlen eigentlich nur damit gewonnen werden, der jeweils anderen Seite so viel Angst wie möglich machen zu wollen, lässt für mich nur den Schluss zu – und auch irgendwie die Hoffnung – das wir uns in Richtung Gipfel und dann hoffentlich Richtung Niedergang einer prefaktischen Gesellschaft bewegen.
Ich habe einfach keinen Bock mehr auf Verschwörungstheoretiker, Aluhutträger, Bessermenschen, Ideologen, religiöse Blendern und Verblendete, Demagogen, Anarchisten, Brexisten, Trumpisten (Liste beliebig fortsetzen)…ihr habt jetzt alle lange genug euren Spaß gehabt!

Was könnten wir alles schaffen, wenn wir die Kreativität, mit der wir versuchen uns unser Leben ständig gegenseitig madig zu machen, in gemeinsamen Vortrieb verwandeln würden. Wenn wir nicht ständig darüber lamentieren würden, wie unfair alles ist, dass es immer nur abwärts geht, dass wir in einer Welt mit denen da oben und uns da unten leben würden, dass alles nur eine große Verschwörung ist, dass….ach egal.
Überlegt Euch mal, wie viel Eurer Lebenszeit ihr darauf verschwendet, genau dies zu tun. Ehrlich gesagt, würde es mir auch verdammt schlecht damit gehen und mich final frustrieren, mich die ganze Zeit ständig empört und angepisst fühlen zu müssen.

Deswegen beende ich an dieser Stelle meinen Jahresend-Rant und beschäftige mich lieber mit sinnvollen und angenehmen Dingen. Gibt ja genug „Besorgte“ und „Verbesserer“ da draußen, die sich für uns alle darum einen Kopf machen können.

So long, over and out

Euer Tom

Die Pille fürs Ego und die Chemie des Selbstbetrugs

Eigentlich ist es ja ein ausgelutschtes Thema: regelmäßig werden in der Zeit vor Olympischen Spielen alte Dopingskandale neu aufgerollt und medienwirksam präsentiert und nebenher noch jede Menge neue Fälle, Sünder und die Machenschaften ganzer Verbände enttarnt. Wirklich überraschend ist nichts davon, denn „geahnt hatten wir es schon immer“. Dabei geht aber ein Phänomen völlig unter – eines, dass auch psychologisch hoch interessant ist und tiefer blicken lässt, als es so manchem lieb wäre.

Sind wir ehrlich: Wer war wirklich vom Fall Lance Armstrong überrascht, wem waren die „Frauen“ der chinesischen Schwimm-Nationalmanschaft nicht schon immer suspekt und ist es wirklich so verwunderlich, dass es im russischen Leichtathletik-Verband wohl eine eigene Task Force für pharmazeutische Leistungssteigerung gibt? Doping ist so alt wie der Spitzensport und die Tatsache, dass es die Professionalisierung diverser Sportarten zugenommen hat und weiterhin zunimmt, hat mit Sicherheit nicht dazu geführt, dass der Missbrauch leistungssteigernder Mittelchen irgendwie stagniert wäre. Die einzig interessante Frage, die hier bleibt wäre wohl nur, was denn die Olympioniken der alten Griechen vor ihren Wettkämpfen so alles eingeworfen haben um ein wenig schneller flitzen zu können als der ein oder andere Römer.

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Die Verwendung diverser Mittelchen und Methoden pharmazeutischer Herkunft lässt sich im Spitzensport und vor allem im Profibereich sogar noch halbwegs plausibel erklären und dass sogar ohne das man Verständnis oder sonstige seltsame Dinge dafür aufbringen müsste: Es geht schlicht und einfach um die eigene Existenz, bzw. in Sportarten, in denen etwas mehr Geld im Spiel ist, die Wahrung und/oder Verbesserung des eigenen Marktwertes. Das fängt an beim kenianischen Langstreckenläufer, dem die Berufung in das nationale Team die Lebensgrundlage für seine gesamte Familie über Jahre hinweg sichert und hört auf beim millionenschweren Radprofi, dem ein weiterer Tour-Sieg noch das ein oder andere Milliönchen zusätzlich in die Kasse spült. Von der Befindlichkeit des Nationalstolzes so mancher Verbände möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen, aber auch dies geht und ging ja immer mit einer monetären Veränderung (und bei so manchem Regime natürlich auch der Chancen im späteren Leben des Sportlers) einher.
Also, ist das unmoralisch (vielleicht sollte man besser unfair schreiben, da Moral ja immer etwas sehr Subjektives ist), wenn ich „nur“ versuche, meine berufliche Existenz (egal auf welchem Level) zu sichern? Mit absoluter Sicherheit, denn durch den eigenen Betrug verwehre ich eben diese Existenzsicherung meinen Mitbewerbern, die genau so davon leben müssen und im Grunde nur zwei Möglichkeiten haben: Mit dem Nachteil leben lernen oder das hässliche Spiel mitspielen. Was passieren kann, wenn sich eine ganze Sportart dafür entscheidet Variante 2 zu wählen, konnte man in den letzten Jahren eindrücklich beobachten.
Wie dem auch sei, materialistische Gründe sind psychologisch nicht besonders schwer nachzuvollziehen und können in vielfacher unschöner Auswirkung sowohl in der Sport- als auch in sonstigen Historien beliebig und ohne größere Aufwände vorgefunden und nachvollzogen werden.

Etwas verzwickter wird es, wenn wir einen Blick auf den Amateur- und Breitensport werfen, der sich in den letzten Jahren durchaus auch einen Namen im Bereich der unerlaubten Hilfen in der Leistungssteigerung gemacht hat. Das reicht von der billigsten Variante des Einnehmens irgendwelcher Schmerzmittel bis hin zum Erwerb und der Verwendung teuerster Dopingpräparate, bei denen wohl selbst ein Doktor Fuentes inzwischen neidisch werden würde, oder aber auch das illegale technische Tuning des eigenen Sportgerätes.
Sehr schnell stellt sich hier die Frage: Warum zum Teufel? Als Amateur oder Breitensportler muss ich keine Rechnungen von irgend welchen Prämien oder Sponsorengeldern bezahlen oder mich darum sorgen, dass bei schlechten Ergebnissen nur noch billigstes Essen auf dem Tisch steht, da das Geld für etwas Ordentliches fehlt. Eher im Gegenteil – ich zahle einen Haufen Kohle um irgendwo mitmachen zu dürfen. Warum muss ich meinen Körper und/oder auch mein Gewissen mit einem solchen Ballast beladen? Ich habe doch trainiert, um zu wissen, was ich leisten kann, um zu wissen wie gut ich bin und an welche Grenzen ich gehen kann und nicht darum, um herauszufinden, wie gut der Pharma-Konzern gearbeitet hat. Egal ob mit Epo oder Aspirin, am Ende werde ich nie wissen, ob und vor allem wie gut ich war oder hätte sein können.
Sperrt man dann ein wenig die Ohren und auch die Augen auf, wird aber sehr schnell eine „Argumentationslinie“ deutlich: „Die anderen machen es ja auch und damit man eine Chance hat spiele ich halt mit.“ Grob gesagt, der gleiche Bullshit, wie bei den Profis. Aber, und das ist der entscheidende Unterschied, hier geht es nicht um Geld oder Marktwert, sondern einzig und alleine ums eigene Ego, es geht um den totalen Selbstbetrug. „Die Anderen“ können das, da muss ich unbedingt mithalten könne, egal unter welchen Umständen. Wenn ich nicht mithalten kann, werde ich immer und überall abgehängt, „die Anderen“ sind die Erfolgreichen, ich der Loser, der kann einen Marathon finishen, dass muss ich auch, der ist ein Ironman, das brauche ich auch in meinem Lebenslauf, etc. pp.
Wir leben in einer Zeit, in der sich ein Großteil von uns immer stärker in Relation zu seinen Mitmenschen definiert und immer weniger über die eigenen persönlichen Stärken und Schwächen, das altbekannte „Mein Auto, mein Haus, mein Boot“-Syndrom. Es reicht uns nicht, dass es uns gut geht, wir wollen, dass es uns besser geht, besser als dem Kollegen, dem Nachbarn oder dem Sportkameraden. Und wenn es der Körper nicht hergibt, den Marathon, den der Kollege aus Büro C5 bereits erfolgreich gelaufen ist, selber zu bewältigen, weil man bei Kilometer 30 vor Schmerzen fast stirbt, dann wird halt mit Paracetamol nachgeholfen. Und wenn der Vereinskamerad bereits die 3:30h unterboten hat, dann muss man dass selber ja auch auf Teufel komm raus schaffen, oder der Status-Verlust im eigenen sportlich und sozialen Umfeld ist garantiert – so glaubt man zumindest.
Ob es den Kollegen oder den Sportkameraden interessiert, dass man nun besser oder genau so gut ist, ist unerheblich. Denn man selbst hat sich bewiesen, dazuzugehören. Das eigene Ego ausgetrickst und poliert. Denn man hat doch die Leistung erbracht, mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen. Und eigentlich ist es ja auch nicht schlimmer, als der ein wenig frisierte Lebenslauf bei der Bewerbung, oder? Oder vielleicht die etwas modifizierte Steuererklärung? Und überhaupt, es ist ja nur Sport, die anderen sind garantiert auch nicht clean und somit ist es wenigstens ein fairer Wettkampf…
Die haarsträubend relativierenden Beispiele für Selbstbetrugsversuche ließen sich vermutlich noch über Seiten ausführen, ändern aber an der Quintessenz nichts:

Egal, wie man es dreht und wendet, letztendlich bleibt es nur eines: Selbstbetrug. Es hat überhaupt keine Relevanz, ob „die Anderen“ in irgend einer Weise nachgeholfen haben oder nicht. Jede Art der Rechtfertigung vor einem selber, ist nur eine Verar***e des eigenen Egos. Denn eines werde ich als Doper nie erfahren: „War wirklich ich so gut oder hat nur ein Chemiker einen verdammt guten Job gemacht“…und eigentlich stellt sich für einen echten Sportler, egal in welcher Sportart, immer nur eine Frage am Wettkampftag: „Wie gut bin ich wirklich!“

In diesem Sinne
Bleibt sauber!

Ist das noch Lifestyle oder kann das weg

„Oha!“ wird der ein oder andere denken, „ein Blog-Eintrag, welcher sich mal nicht um Sport dreht. Wie kömmts und ist Alles in Ordnung mit Ihm?“ Dem Leser sei versichert, dass es dem Schreiberling gut geht und in der Tat auch der Sport in diesen Zeilen seinen Platz finden wird – wenn auch weniger und vermutlich ganz anders, als man im ersten Moment vermuten mag.

Wer mich kennt weiß, dass ich neben vielen anderen lustigen Beschäftigungen auch einen Hang zu düsterer und meistens elektronischer Musik habe und mich seit nun fast zwei Jahrzehnten mal mehr und mal weniger intensiv (in den letzten Jahren eher weniger) in der entsprechenden Szene herumdrücke. Wie man diesen Haufen nun auch nennen mag, ob Gruftis, Gothics, Schwarzvolk, soll für das hier Folgende eine eher untergeordnete Rolle spielen und ist eigentlich auch nicht relevant.
Was hingegen eine wesentlich größere Rolle spielt, ist die Tatsache, dass ich gerne beobachte: Menschen, Strömungen, Entwicklungen, etc… und davon hat eben jene Szene in den letzten Jahren doch so einige hervorgebracht. Über viele wurde bereits ausführlich geschrieben, geflucht und gelästert (Cyberpuschels und Einhörner auf Festivals und in Clubs, musikalische Desaster wie den Grafen, usw.) und einiges davon ist auch der Grund, warum ich inzwischen große Festivals eigentlich meide – wenn nicht gerade musikalische Gründe dagegen sprechen. Das schließt auch das Wave Gotik Treffen nicht aus, dessen letzter Besuch bei mir aus dem Jahre 1997 datiert und das ich in all der Zeit immer nur aus der Ferne betrachtet und mir gerade in den letzten Jahren meinen Teil gedacht habe. Vermutlich wäre es auch dabei geblieben, wenn sich die Veranstalter nicht zum 25 jährigen Bestehen eben jenes Festivals den größten Hirnfurz erdacht hätten, den es seit jeher gab und bei dem sich im Nachhinein bei mir der Wunsch einstellte, dass mit dem Bankrott des Festivals im Jahre 2000 dieses auch besser in die ewigen Jagdgründe eingegangen wäre: Eine Eröffnungsfeier im Vergnügungspark Belantis.
Ein Festival(beginn) in einem Vergnügungspark, mit Achterbahnen, Zuckerwatte und jeder Menge kurzweiligem Amusement…….also mit Allem, was die Szene einst vermeiden und vor dem sie entfliehen, zu dem sie einen Kontrapunkt setzen wollte und dass, sowohl mit ihrer Musik, mit ihrer Lebenseinstellung und auch durch ihr Äußeres.
Jetzt bin ich der Letzte, der irgend jemandem irgendwo Spaß absprechen will und natürlich spricht absolut nichts dagegen, dass auch das gemeine Dunkelvolk sich in Achterbahnen den Mageninhalt aus dem Leibe fährt und sich rosa Zuckerwatte ins Gesicht klebt. Aber nicht bei einem Festival, welches eine ganz bestimmte Subkultur feiert. Dieses mit genau dem Gegenteil zu eröffnen, was diese Subkultur eigentlich hat entstehen lassen, ist wohl purer Hohn – und das Lustige ist, viele merken nicht einmal, wie sie hier verspottet werden (und NEIN, dass geht auch nicht als Satire durch, auch nicht in der aktuellen politischen Weltlage).

An der Stelle stellt sich mir dann immer eine bestimmte Frage (meist, nachdem ich ausführlich über die Tatsachen gewütet und gewettert habe): Warum und vor Allem wieso? Wie konnte es dazu kommen und warum lassen sich die Leute sowas bieten? Der Resonanz nach zu urteilen, scheint eine solche Idee auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Wenn man ein paar geistige Schritte zurücktritt und nach den Gründen sucht, wird man doch recht schnell fündig. Das die Szene zu einer Karnevalsveranstaltung verkommen ist, und viele, die heuten in den Clubs zu vermeintlich düsterer Musik tanzen, kaum noch etwas mit der eigentlichen Idee dahinter zu tun haben, ist denke ich eine triviale Erkenntnis. Das Warum ist ein gerne und lang diskutiertes Thema unter alten Szene(wider)gängern und wird bei hochprozentigen Abenden gerne ausführlich diskutiert.
Dabei ist die nahe liegende Antwort eigentlich so und fast schon zu einfach:
Man erklärt skurrile Dinge einfach zum Lifestyle und vermarktet sie. 

Ja, doch, so einfach ist es, nicht mehr und nicht weniger. Die Grufts und Goths waren bis Ende der 90er ein von Außen misstrauisch beäugter Haufen. Wir haben uns als „Satanisten“ auf der Straße anpöbeln lassen müssen, es war verdammt schwierig irgendwelchen Club-Besitzern zu erklären, was wir denn dort für Parties mit seltsamer Musik feiern wollten und selbst der leichteste Touch Szeneoutfit führte in tagtäglichen Situationen zu allerhand Diskussionen.
Doch dann kam irgend ein (oder vielleicht doch mehrere) findiger Werbemensch auf die Idee, „düster“ zu einem Lifestyle zu erklären und diesen zu vermarkten und Schwupps… schon war es chic sich in solchem Outfit sehen zu lassen und der Schritt bis zu dunklen Edelboutique war schnell gegangen. Plötzlich liefen Musikgruppen auf TV-Sendern, die es vorher mit Mühe und Not auf kleine alternative Radiosender geschafft hatten und das düstere Outfit war Mainstream und konnte vielfach auch bei Popsternchen und gecasteten Boygroups beobachtet werden. Ein „Warum“ war nicht mehr nötig, Musik verkam zur Nebensache und man konnte mit der nach außen getragenen Skurrilität richtig Geld verdienen.

Interessanterweise funktioniert dieses Konzept bei sehr vielen skurrilen und abstrusen Dingen, aber richtig Bewusst (und hier kommt dann doch wieder ein wenig der Sport ins Spiel) wurde mir dies erst, als ich Anfang des Jahres in einem Interview mit dem neuen Ironman Europe Chef Hans-Peter Zurbrügg folgenden Satz las: „Ein Ironman-Finish ist die Spitze der Lifestyle-Pyramide“.
Und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Klar, wenn man logisch drüber nachdenkt, ist die Idee 3,8 Kilometer zu schwimmen, 180 km Rad zu fahren und dann noch einen Marathon zu laufen, absolut nicht zu vermarkten, denn die Zielgruppe für eine solche Absurdität ist extrem überschaubar und klein, also nichts, womit man erstmal viel Geld verdienen könnte. Wenn man allerdings einen Lifestyle daraus macht und diesen als chic und elitär vermarktet, dann erreicht man ganz schnell riesige Absatzzahlen und kann damit eine ganze Industrie befeuern.

Nebenher entstehen dann auch noch solche Auswüchse wie die speziellen Manager-Startnummern beim Frankfurt-Marathon, die jedem ins Gesicht schreien sollen: „Seht her, ich bin Manager, habe den Längsten und bin hart genug einen Marathon zu finishen“.
Da ist es nur recht und billig, dass sich solche Errungenschaften bei Bewerbungen in Lebensläufen wiederfinden, zeigen sie doch, zu welchem erlesenen Kreis man zählt.

Abseits dieser zwei Beispiele aus meinem näheren Dunstkreis, ließe sich diese Liste mit Lifestyleprodukten beliebig lang fortsetzen, sei es das richtige Dating-Portal, bei dem man seinen Partner kennen gelernt hat („Sag mal, Du hast Deinen doch hoffentlich bei elite-partner.de kennengelernt“ – „Öh nö, der ist mir zugelaufen“) oder Hipster, die ihre (meist zwar teuren aber zum Fahren völlig unbrauchbaren) Fahrräder nur durch die Gegend schieben, weil das so muss.

Von den Irrungen und Wirrungen der alternativen Lebensmittelindustrie will ich erst gar nicht anfangen. Ja, auch vegetarisch/vegan wird als Lifestyle vermarktet! Auch wenn viele da draußen dass jetzt so gar nicht gerne hören. Aber bevor hier irgend jemand einen Shitstorm los tritt, es geht nicht um die Lebensweise, sondern um die Art, wie es verkauft und an den Mann/die Frau gebracht wird. Zu dem Thema würde vermutlich ein einzelner Beitrag gar nicht ausreichen.

Mache einen Lifestyle draus und Du hast die Lizenz zum Geld drucken. Musik und Outfits für die Düsterszene, teure Sportevents und ein Überangebot an überteuertem und teilweisen sinnlosem Equipment für die Elitesportler, tausend vegane Fertigprodukte zu utopischen Preisen für den gewissensgeplagten Alternativernährer, Mitgliedsgebühren für Datingbörsen, die jenseits jeder Rationalität liegen…………….und so weiter und so fort.

An der Stelle vielleicht noch eine wichtige Anmerkung: Lifestyle ist für mich NICHT gleichbedeutend mit Lebenseinstellung, Lebensweise oder eigenen Richtlinien und Überzeugungen, denn diese werden meines Erachtens nicht so exhibitionistisch in die Welt herausposaunt sonder für sich selbst gelebt und erlebt.
Wenn man dies aber nicht kann, weil man nicht in der Lage ist, seine eigene Identität, eigene Stärken oder Grundsätze für sich zu definieren und zu finden, dann greift man halt zu etwas Vorgefertigtem, etwas was bereits gestylt und markterprobt ist und vor allem etwas, was man sich mit Geld kaufen und vorzeigen  kann.

Genau betrachtet ist Lifestyle also nur eines: ein Synonym für den sozialen Schwanzvergleich!

In diesem Sinne…

Ein Ratgeber für Ratgeber…

Ein Phänomen, welches vermutlich zur bibliographischen Landschaft gehört, seitdem die ersten Symbole in in irgendwelche Höhlenwände geritzt wurden, sind die (oder auch) so genannten Ratgeber in denen man mannigfaltige Hilfestellung(en) zu allen möglichen und in näherer Vergangenheit viel öfter auch zu unmöglichen Themen fand und findet. Doch momentan (und aus aktuellem Anlass) erscheint mir dieses geradezu inflationäre Ausmaße anzunehmen.

Das es Ratgeber (und offenbar auch Nehmer) in und für jedwede Couleur gibt ist denke ich hinlänglich bekannt. Auch die teilweise eher skurrilen Auswüchse, welche die herstellende Industrie diesbezüglich auf ihre potenzielle Kundschaft losgelassen hat, sind dank multimediale Vernetzung hin und wieder für einen Lachanfall oder doch zumindest für zweifelndes Kopfschütteln gut. Man denke hier an so grandiose Titel aus der „…für Dummies„-Reihe, wie „Sex für Dummies“, „Familientherapie für Dummies“ oder „Manisch Depressiv für Dummies“.

20913454z WILEY VCH WEINHEIM GERMANY WILEY-VCH WEINHEIM, GERMANY

Davon abgesehen, dass gerade diese Titel semantisch doch eher zum Grinsen einladen, sei einfach mal dahin gestellt, ob das Konzept dieser Machwerke für die genannten Themengebiete wirklich passend und zutreffend ist.

Was mich aber bei meinem letzten Besuch (also Heute) in einer Filiale einer einschlägig bekannten Großbuchhandelskette aber wirklich zum Grübeln brachte, war die inzwischen fast schon gegen Unendlich gehende Menge an eben solchen Druckerzeugnissen.
Am Eingang stieß ich in der Abteilung „Empfehlungen“ auf „Ratgeber für Laktoseintoleranz“, „Ratgeber für Histaminintoleranz“ und „Ratgeber für Fruktoseintoleranz“, gleich neben einem Ratgeber für alle sonstigen Lebensmittelunverträglichkeiten. Eine genauere Betrachtung brachte zu Tage, dass es sich jeweils mehr oder weniger um recht dünne Kochbücher mit rat-gebendem Anteil für jeweils 20€ handelte. Dem geneigten und darüber hinaus kritischem Kunden mag die Frage durch den Kopf gehen, ob es nicht auch ein einziges Buch zum Thema „Kochen bei Lebensmittelunvertäglichkeiten“ getan hätte.

Wie auch immer…
Nachdem ich an einem an nachfolgender Stelle sogar erwartetem Regal und einer Auslage mit Büchern von allenfalls bei dem kläglichen Versuch hochklassig skandinavische Kriminalliteratur zu kopieren gescheiterter deutscher Autoren vorbei schritt, sah ich es schon kommen: Das Ratgeber-Armageddon…

Ein Tisch mit mindestens 40 handgezählten unterschiedlichen Machwerken zu den Themen fleischlos und vegan, gleich neben einer Auslage von einer ähnlich großen Anzahl an Büchern über Yoga und seelisches Gleichgewicht. Dann eine erschreckende Menge an „Low Carb“-Ratgebern (die Bücher selber sind vermutlich sogar „Low Carb“) und noch einmal ein gutes Dutzend unterschiedliche Experten-Bibeln über die Themen gesund Laufen und Joggen. Die Liste an Themen zu welchen sich in ähnlich großer Menge vorfinden ließen, ließe sich unendlich fortsetzen: Diäten in allen Variationen, Steuertricks, Erfolgreich im Job und im Privat- und Liebesleben, den Chef übers Ohr hauen, seine Mitmenschen manipulieren, Kinder für die Schule und den Beruf pimpen, etc. usw.

Nimmt man dies alles zusammen, so kommt man ohne zu Übertreiben auf einen Anteil an Ratgebern an der gesamten gehandelten Literatur von mindestens 50%, wenn nicht sogar schlimmer…

Hier stellt sich jetzt dem denkenden Beobachter die nur all zu natürliche Frage: Warum?
Gab es schon immer diese schiere Menge an beratenden Schriftwerken oder glaubt inzwischen jeder dahergelaufene Illustrierten-Journalist, seinen Kolumnen-Blödsinn aus Brigitte, Für Sie und Bild der Frau in Buchform versilbern zu müssen.
Müsste nicht eigentlich in all den Büchern, wenn es sich denn um erprobte und erwiesenermaßen funktionierende Ratschläge handelt, in etwa das Gleiche drin stehen? Und wenn nicht, wie lässt sich die Qualität der Inhalte eben dieser Bücher messen?
Wie viele dieser Machwerke sind eigentlich einfach nur der Versuch, den Inhalt frei zugänglicher Informationen in Form von Beiträgen in Internet-Foren und kostenlosen Webseiten monetär auszuschlachten.
Und schließlich: Müsste es nicht einen Ratgeber dafür geben, wie man den passenden Ratgeber für sein aktuelles Problem findet?

Fragen über Fragen, und nirgends ein Buch, in dem diese beantwortet werden – ein Teufelskreis.

Aber eines steht fest: offensichtlich besteht ein Bedarf an einem Überangebot lebensberatender Literatur. Ansonsten würde diese absurde Menge eben dieser nicht in entsprechenden Geschäften vorgefunden werden können.
Es zeigt aber sehr gut, dass wir langsam aber sicher zu einem Volk verkommen, welches man für Alles und Jedes an die Hand nehmen muss, Menschen, die sich immer weniger zutrauen, auf sich selbst, ihren (vielleicht noch halbwegs) gesunden Menschenverstand immer weniger hören, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nach und nach verlieren und die Verantwortung lieber in die Hände anderer legen.

Ich habe nichts gegen Ratgeber, nein, in vielen Fällen bieten sie Anreize sich an neue Dinge heranzuwagen oder neue Perspektiven zu erkunden.
Wir sind aber inzwischen an einem Punkt angekommen, wo es dutzendfach niedergeschriebene und unterschiedliche Meinungen und Ratschläge dazu gibt, wie man sich richtig, ergonomisch und ökologisch unbedenklich auf den Lokus zu setzen hat.

Warum verlassen wir uns nicht mehr auf unser Gespür und auf unser eigenes Urteilsvermögen. Warum trauen wir uns nicht mehr zu, selber herauszufinden, was, wie und wo der beste Weg für uns, unseren Körper, unser Essen und unsere Kinder ist?

In diesem Sinne wünsche ich mir deutlich weniger Ratgeber, aber mehr Inhalte, um das Selbstvertrauen in uns und unsere Entscheidungen zu stärken.

 

Über die Toleranz…

…oder was wir dafür halten.

In einer Zeit in der zu jeder Gelegenheit und jeder Begebenheit bedingungslose Toleranz gefordert wird, in jeder Talkshow und auf jeder zweiten Demo Parolen für eben diese zu lesen oder hören sind und diese beständig gefordert wird, sollte man sich doch ein wenig genauer mit dieser Begrifflichkeit auseinander setzen und darüber nachdenken was Toleranz im eigentlichen Sinne für uns bedeutet und ob wir dieses Wort nicht ein wenig leichtfertig ge- oder missbrauchen.

Toleranz ist zu einem Synonym für Akzeptanz verkommen, sowohl in der politischen als auch in der religiösen (Streit)kultur. Tolerant zu sein bedeutet, politisch korrekt zu sein. Intoleranz wird gleichgesetzt mit politischer, sozialer oder religiöser Verschlossenheit, einer generellen ablehnenden Haltung oder gar der Bekämpfung von allem was nicht dem eigenen Weltbild entspricht.

Das ist aber mitnichten der Fall. Per Definition ist Toleranz „allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten“. Betrachte ich mich als tolerant, so kann jeder nach seinem eigenen Gutdünken glauben und machen, was er/sie/es möchte unabhängig davon, ob ich die vertretenen religiöse, politische oder gesellschaftliche Ansichten gut heiße. Das heißt, wenn ich mich selbst als tolerant bezeichne, muss ich auch Meinungen und Ansichten hinnehmen, mit denen ich eventuell nicht überein stimme oder die absolut konträr zu meinem Weltbild stehen. An dieser Stelle sei allen denen, die in großen Buchstaben „absolute Toleranz“ auf Plakate, in Facebook-Posts oder wo auch immer hingeschrieben haben, angeraten, sich zu überprüfen, ob man wirklich eben diese vertritt, oder ob es sich nur um selektive Toleranz (Achtung: Widerspruch) handelt.

Im Gegensatz zur Toleranz steht die Akzeptanz, welche sich das Zueigen machen oder zumindest das Anerkennen oder für Gut befinden von Überzeugungen und Sitten beinhaltet.  Auch wenn ich eine beliebige Weltanschauung toleriere, so muss ich sie noch lange nicht akzeptieren. Wer sich Toleranz auf die Flagge schreibt, sollte sich im Klaren darüber sein, dass es genau so bedeutet, unliebsame Gebräuche, Sitten und Haltungen hinnehmen zu müssen. Es ist durchaus möglich, eine fundamentalistische Religionsauslegung oder eine von mir abgelehnt politische Ausrichtung zu tolerieren, so lange sie nicht die Grundrechte anderer verletzt oder sich in der Illegalität bewegt. Akzeptieren muss ich eben solche aber nicht und darf sehr wohl darüber entscheiden, ob und inwiefern ich solche Einflüsse aus meinem persönlichen Umfeld entfernen.

In vielen Fällen sprechen wir also nicht von Intoleranz, sondern von Inakzeptanz.

Sollte Toleranz also absolut sein wenn die Akzeptanz doch darüber entscheidet, wie ich mich zu einer bestimmten Überzeugung oder Ansicht verhalte? Mit Sicherheit nicht! Toleranz sollte da enden, wo Überzeugungen und Gebräuche die Rechte, die Freiheit und die körperliche Unversehrtheit anderer einschränken oder gefährden oder in illegalen Handlungen resultieren.
Ist dies aber nicht der Fall, so bleibt jedem freigestellt zu denken und zu glauben, was er möchte. Wer sich selbst eben genau jenes Recht herausnehmen möchte, der sollte es folglich auch anderen zuerkenne.

Letztendlich bleibt für mich nur folgender Schluss: Toleranz ist keine Einbahnstraße. Man kann sie nicht einfach von anderen fordern und sich selbst nur das heraus picken, was einem genehm ist um man selber auch akzeptieren kann. Toleranz funktioniert nur, wenn sie in jede Richtung ausgeübt wird und garantiert nicht, wenn man sich selber zum Wächter über die Toleranz erhebt, denn es gibt keine richtige oder falsche Toleranz.

In diesem Sinne: Wer demnächst (mal wieder) Toleranz gegenüber irgendetwas fordert, der solle auch gerne mal prüfen, wie weit es eigentlich mit der eigenen gediehen ist.

 

An dieser Stelle und aus gegebenem Anlass sei Voltaire aus seiner Abhandlung „Über die Toleranz“ von 1763 zitiert:

„An Dich richte ich meine Bitte, Gott aller Welten, aller Wesen, aller Zeiten.

Du hast uns Herzen gegeben, nicht, damit wir einander hassen, und Hände, nicht, damit wir uns gegenseitig erwürgen.

Gib, dass die winzigen Unterschiede in den Kleidern, die unseren gebrechlichen Leib bedecken, in unseren unzulänglichen Sprachen, in unseren lächerlichen Bräuchen, in unseren unvollkommenen Gesetzen, in unseren sinnlosen Überzeugungen, gib, dass alle diese winzigen Unterschiede, die uns so ungeheuer erscheinen und nichtig sind vor Dir, gib, dass sie nicht ein Signal des Hasses und der Verfolgung werden.

Gib, dass die Menschen Tyrannei über die Seelen genauso verabscheuen und in den Bann tun wie Raub und Gewalt. Und wenn Kriege unvermeidlich sind, dann gib, dass wir uns wenigstens nicht auch mitten im Frieden gegenseitig hassen und zerreißen, sondern unsere Existenz dazu verwerten, in tausend Sprachen, doch in einem Gefühl, von Siam bis Kalifornien, Deine Güte zu preisen, die uns den kurzen Augenblick geschenkt hat, den wir Leben nennen.“

Eine Lesung (von Friedhelm Ptok) der gesamtem sehr zu empfehlenden Abhandlung Voltaires ist hier zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=DuqB8jaTaOw