Ist das noch Lifestyle oder kann das weg

„Oha!“ wird der ein oder andere denken, „ein Blog-Eintrag, welcher sich mal nicht um Sport dreht. Wie kömmts und ist Alles in Ordnung mit Ihm?“ Dem Leser sei versichert, dass es dem Schreiberling gut geht und in der Tat auch der Sport in diesen Zeilen seinen Platz finden wird – wenn auch weniger und vermutlich ganz anders, als man im ersten Moment vermuten mag.

Wer mich kennt weiß, dass ich neben vielen anderen lustigen Beschäftigungen auch einen Hang zu düsterer und meistens elektronischer Musik habe und mich seit nun fast zwei Jahrzehnten mal mehr und mal weniger intensiv (in den letzten Jahren eher weniger) in der entsprechenden Szene herumdrücke. Wie man diesen Haufen nun auch nennen mag, ob Gruftis, Gothics, Schwarzvolk, soll für das hier Folgende eine eher untergeordnete Rolle spielen und ist eigentlich auch nicht relevant.
Was hingegen eine wesentlich größere Rolle spielt, ist die Tatsache, dass ich gerne beobachte: Menschen, Strömungen, Entwicklungen, etc… und davon hat eben jene Szene in den letzten Jahren doch so einige hervorgebracht. Über viele wurde bereits ausführlich geschrieben, geflucht und gelästert (Cyberpuschels und Einhörner auf Festivals und in Clubs, musikalische Desaster wie den Grafen, usw.) und einiges davon ist auch der Grund, warum ich inzwischen große Festivals eigentlich meide – wenn nicht gerade musikalische Gründe dagegen sprechen. Das schließt auch das Wave Gotik Treffen nicht aus, dessen letzter Besuch bei mir aus dem Jahre 1997 datiert und das ich in all der Zeit immer nur aus der Ferne betrachtet und mir gerade in den letzten Jahren meinen Teil gedacht habe. Vermutlich wäre es auch dabei geblieben, wenn sich die Veranstalter nicht zum 25 jährigen Bestehen eben jenes Festivals den größten Hirnfurz erdacht hätten, den es seit jeher gab und bei dem sich im Nachhinein bei mir der Wunsch einstellte, dass mit dem Bankrott des Festivals im Jahre 2000 dieses auch besser in die ewigen Jagdgründe eingegangen wäre: Eine Eröffnungsfeier im Vergnügungspark Belantis.
Ein Festival(beginn) in einem Vergnügungspark, mit Achterbahnen, Zuckerwatte und jeder Menge kurzweiligem Amusement…….also mit Allem, was die Szene einst vermeiden und vor dem sie entfliehen, zu dem sie einen Kontrapunkt setzen wollte und dass, sowohl mit ihrer Musik, mit ihrer Lebenseinstellung und auch durch ihr Äußeres.
Jetzt bin ich der Letzte, der irgend jemandem irgendwo Spaß absprechen will und natürlich spricht absolut nichts dagegen, dass auch das gemeine Dunkelvolk sich in Achterbahnen den Mageninhalt aus dem Leibe fährt und sich rosa Zuckerwatte ins Gesicht klebt. Aber nicht bei einem Festival, welches eine ganz bestimmte Subkultur feiert. Dieses mit genau dem Gegenteil zu eröffnen, was diese Subkultur eigentlich hat entstehen lassen, ist wohl purer Hohn – und das Lustige ist, viele merken nicht einmal, wie sie hier verspottet werden (und NEIN, dass geht auch nicht als Satire durch, auch nicht in der aktuellen politischen Weltlage).

An der Stelle stellt sich mir dann immer eine bestimmte Frage (meist, nachdem ich ausführlich über die Tatsachen gewütet und gewettert habe): Warum und vor Allem wieso? Wie konnte es dazu kommen und warum lassen sich die Leute sowas bieten? Der Resonanz nach zu urteilen, scheint eine solche Idee auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Wenn man ein paar geistige Schritte zurücktritt und nach den Gründen sucht, wird man doch recht schnell fündig. Das die Szene zu einer Karnevalsveranstaltung verkommen ist, und viele, die heuten in den Clubs zu vermeintlich düsterer Musik tanzen, kaum noch etwas mit der eigentlichen Idee dahinter zu tun haben, ist denke ich eine triviale Erkenntnis. Das Warum ist ein gerne und lang diskutiertes Thema unter alten Szene(wider)gängern und wird bei hochprozentigen Abenden gerne ausführlich diskutiert.
Dabei ist die nahe liegende Antwort eigentlich so und fast schon zu einfach:
Man erklärt skurrile Dinge einfach zum Lifestyle und vermarktet sie. 

Ja, doch, so einfach ist es, nicht mehr und nicht weniger. Die Grufts und Goths waren bis Ende der 90er ein von Außen misstrauisch beäugter Haufen. Wir haben uns als „Satanisten“ auf der Straße anpöbeln lassen müssen, es war verdammt schwierig irgendwelchen Club-Besitzern zu erklären, was wir denn dort für Parties mit seltsamer Musik feiern wollten und selbst der leichteste Touch Szeneoutfit führte in tagtäglichen Situationen zu allerhand Diskussionen.
Doch dann kam irgend ein (oder vielleicht doch mehrere) findiger Werbemensch auf die Idee, „düster“ zu einem Lifestyle zu erklären und diesen zu vermarkten und Schwupps… schon war es chic sich in solchem Outfit sehen zu lassen und der Schritt bis zu dunklen Edelboutique war schnell gegangen. Plötzlich liefen Musikgruppen auf TV-Sendern, die es vorher mit Mühe und Not auf kleine alternative Radiosender geschafft hatten und das düstere Outfit war Mainstream und konnte vielfach auch bei Popsternchen und gecasteten Boygroups beobachtet werden. Ein „Warum“ war nicht mehr nötig, Musik verkam zur Nebensache und man konnte mit der nach außen getragenen Skurrilität richtig Geld verdienen.

Interessanterweise funktioniert dieses Konzept bei sehr vielen skurrilen und abstrusen Dingen, aber richtig Bewusst (und hier kommt dann doch wieder ein wenig der Sport ins Spiel) wurde mir dies erst, als ich Anfang des Jahres in einem Interview mit dem neuen Ironman Europe Chef Hans-Peter Zurbrügg folgenden Satz las: „Ein Ironman-Finish ist die Spitze der Lifestyle-Pyramide“.
Und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Klar, wenn man logisch drüber nachdenkt, ist die Idee 3,8 Kilometer zu schwimmen, 180 km Rad zu fahren und dann noch einen Marathon zu laufen, absolut nicht zu vermarkten, denn die Zielgruppe für eine solche Absurdität ist extrem überschaubar und klein, also nichts, womit man erstmal viel Geld verdienen könnte. Wenn man allerdings einen Lifestyle daraus macht und diesen als chic und elitär vermarktet, dann erreicht man ganz schnell riesige Absatzzahlen und kann damit eine ganze Industrie befeuern.

Nebenher entstehen dann auch noch solche Auswüchse wie die speziellen Manager-Startnummern beim Frankfurt-Marathon, die jedem ins Gesicht schreien sollen: „Seht her, ich bin Manager, habe den Längsten und bin hart genug einen Marathon zu finishen“.
Da ist es nur recht und billig, dass sich solche Errungenschaften bei Bewerbungen in Lebensläufen wiederfinden, zeigen sie doch, zu welchem erlesenen Kreis man zählt.

Abseits dieser zwei Beispiele aus meinem näheren Dunstkreis, ließe sich diese Liste mit Lifestyleprodukten beliebig lang fortsetzen, sei es das richtige Dating-Portal, bei dem man seinen Partner kennen gelernt hat („Sag mal, Du hast Deinen doch hoffentlich bei elite-partner.de kennengelernt“ – „Öh nö, der ist mir zugelaufen“) oder Hipster, die ihre (meist zwar teuren aber zum Fahren völlig unbrauchbaren) Fahrräder nur durch die Gegend schieben, weil das so muss.

Von den Irrungen und Wirrungen der alternativen Lebensmittelindustrie will ich erst gar nicht anfangen. Ja, auch vegetarisch/vegan wird als Lifestyle vermarktet! Auch wenn viele da draußen dass jetzt so gar nicht gerne hören. Aber bevor hier irgend jemand einen Shitstorm los tritt, es geht nicht um die Lebensweise, sondern um die Art, wie es verkauft und an den Mann/die Frau gebracht wird. Zu dem Thema würde vermutlich ein einzelner Beitrag gar nicht ausreichen.

Mache einen Lifestyle draus und Du hast die Lizenz zum Geld drucken. Musik und Outfits für die Düsterszene, teure Sportevents und ein Überangebot an überteuertem und teilweisen sinnlosem Equipment für die Elitesportler, tausend vegane Fertigprodukte zu utopischen Preisen für den gewissensgeplagten Alternativernährer, Mitgliedsgebühren für Datingbörsen, die jenseits jeder Rationalität liegen…………….und so weiter und so fort.

An der Stelle vielleicht noch eine wichtige Anmerkung: Lifestyle ist für mich NICHT gleichbedeutend mit Lebenseinstellung, Lebensweise oder eigenen Richtlinien und Überzeugungen, denn diese werden meines Erachtens nicht so exhibitionistisch in die Welt herausposaunt sonder für sich selbst gelebt und erlebt.
Wenn man dies aber nicht kann, weil man nicht in der Lage ist, seine eigene Identität, eigene Stärken oder Grundsätze für sich zu definieren und zu finden, dann greift man halt zu etwas Vorgefertigtem, etwas was bereits gestylt und markterprobt ist und vor allem etwas, was man sich mit Geld kaufen und vorzeigen  kann.

Genau betrachtet ist Lifestyle also nur eines: ein Synonym für den sozialen Schwanzvergleich!

In diesem Sinne…

Tipps For Freaks: Ausdauer-Lego oder wie wir uns einen Trainingsplan basteln

Fast jeder, der sich mit dem Ausdauersport-Virus infiziert hat und etwas ambitioniertere Ziele verfolgt, kennt das Problem: Wie gestalte ich mein Training, um das Bestmögliche aus mir herauszuholen und wo bekomme ich einen Plan dafür her?

Die Antwort erscheint auf den ersten Blick doch gar nicht mal so kompliziert – einen Plan für das Training, in Fachkreisen auch Trainingsplan genannt (Aha), ist in vielfacher Form in diversen Ratgebern und/oder auch mittels noch diverseren Suchwerkzeugen im Netz zu finden. Auf Seiten diverser Sportartikelhersteller und Fitness-App-Anbietern gibt es eben diese genau so zu finden, in vielen Fällen gegen die Zahlung eines kleinen Obolusses, mit interaktiven Gestaltungsmöglichkeiten und namentlich abgesegnet von diversen (Ex-)Spitzenathleten.
Das Problem: hat man sich erst einmal einen solchen Plan rausgesucht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man früher oder (im ungünstigsten Fall) auch eher später feststellt, dass das, was da so geschrieben steht, eigentlich gar nicht mal so richtig zum eigenen Leistungsprofil und den eigenen Anforderungen passt. Gerade im Multisportbereich (Triathlon) sieht man viele Trainingspläne, die von einem einheitlichen Niveau in allen Teildisziplinen ausgehen, was aber wohl in den seltensten Fällen wirklich realistisch sein dürfte (über die Schwimmqualitäten einens durchschnittlichen Triathleten habe ich mich ja schon diverse Male ausgelassen).
Da aber dem gemeinen Ausdauerjunkie sein Trainingsplan hoch und vor Allem heilig ist (besonders wenn er auch noch Geld dafür abgedrückt hat), wird das schriftlich vorhandene Programm gnadenlos durchgezogen, obwohl sich evtl. die Erkenntnis einstellt, dass das Programm vielleicht doch zu hart oder evtl. sogar zu weich ist (hier mögen sich die quasi-religösen Verehrer von Laufpäbsten wie Steffney oder Greiff angesprochen fühlen, die in diversen Foren fast schon so etwas wie Religionskriege austragen).

Was also tun?

Letztendlich bleiben zwei Alternativen übrige:

  1. Wir mieten uns einen Coach (von denen es ja mittlerweile auch nur so wimmelt und die es unabhängig von ihren finanziellen Entlohnungsvorstellungen auch in diversesten Qualitätsstufen gibt.)
  2. Wir basteln uns einen eigenen Trainingsplan nach unseren Bedürfnissen

Hier und heute will ich versuchen, für 2.) eine kleine Bauplan zu liefern.
Vorne weg: ich bin kein gelernter Coach und mein Kenntnisstand im Bereich der Trainingswissenschaften ist wohl eher mit „rudimentär“ zu bezeichnen. Von diesem ominösen „langen langsamen Lauf“, welchen man als Ausdauersportler „unbedingt machen muss“, habe ich auch schon mal gehört, bis heute aber vermutlich noch keinen einzigen dieser Art jemals wirklich durchgezogen. All dieser Fakten zum Trotz scheine ich nicht ganz so schlecht in meinem Sport zu sein – dem Interessierten sei hier meine Leistungsübersicht ans Herz gelegt – und aus sicherer Quelle weiß ich, dass sich viele „gecoachte“ Athleten in den Ergebnislisten hinter mir befinden. 😉

Kommen wir also zum eigentlich Kern und gehen unsere Bastelstunde mal chronologisch an, beginnen also am Anfang. Warum überhaupt ein Trainingsplan, man kann doch auch so einfach Laufen (Radfahren, Schwimmen, Minigolf spielen, etc.). Die Antwort(en) hierauf ist/sind recht einfach:

  • Motivation: ich nehme mir vor, bestimmte Vorgaben/Aufgaben, die ich mir selbst gestellt habe, zu erfüllen. Stelle ich mir diese Aufgaben, bevor ich mit dem eigentlichen Training beginne (in Form eines Planes), ist das Risiko recht kleine, dass ich aus einer Laune heraus eine unbequeme Trainingseinheit gegen eine einfachere Tausche, „weil mir gerade nicht nach Anstrengung ist“. („Verdammt noch mal, wer hat denn heute schon wieder die 1000m Intervalle in meinen Plan geschrieben“) oder diese gar ganz ausfallen lasse. Sollte man dies doch tun, so hilft vermutlich auch der beste Plan nichts. 😀
  • Reproduzierbarkeit: Vor vielen Wettkämpfen stellt man sich die Frage: „Wie habe ich eigentlich das letzte mal trainiert, als ich so eine geniale Zeit raus gehauen habe“. Hat man nun seine Pläne schon ordentlich dokumentiert und archiviert, dann hilft ein einfacher Blick in diese Aufzeichnungen und voilà, schon weiß man wieder, was zu tun ist. Analoges gilt übrigens auch für das Gegenteil: Wenn man es mal wieder in einer Trainingsperiode übertrieben hat und danach dahin siecht, mag ein Blick in die Planung einen gewissen Aufschluss darüber bereit halten, was denn schief gelaufen ist.
  • Übersicht / Organisation: Oft hilft es, Über- oder auch Unterbelastungen zu identifizieren, wenn man sich die eigenen Trainingsideen vorher in einem Plan visualisiert. Bei dem ein oder anderen stellt sich dann die Erkenntnis ein, dass drei bis fünf harte Einheiten hintereinander eine vielleicht gar nicht so gute Idee sind und man das Training eventuell ein wenig entzerren möchte. Organisiert man seine Pläne in digitaler Form (Excel, Open Office Calc, diverse Coaching Applications), lässt sich sogar durch Copy/Cut/Paste die Planung sehr komfortabel umgestalten.

Nun aber zum Kern der Sache: Wie baut man den eigentlich Plan? Jenseits von Fachtermini wie Makro- oder Mikrozyklus lässt sich die allgemeine Trainingsplanung auf den allgemeinen Nenner reduzieren, dass man über einen gewissen Zeitraum hinweg zu einem fest gesetzten Wettkampf (Wochen, Monate), die Trainingsbelastung bis zu einem vorher festgesetzten Höchstmaß intensiviert.

Beispiel: Wenn es das Ziel ist, den ersten Halbmarathon im Juni zu laufen und ich bisher ein- bis zweimal die Woche 5 Kilometer jogge, dann fange ich nicht an, direkt 21 km am Stück zu laufen, sondern plane eine kontinuierliche Steigerung hin zu diesem Ziel. Sind also 6 Monate Zeit und dass vordefinierte Ziel ist, in einer vernünftigen Zeit diesen Halbmarathon zu absolvieren, so kann ich meine grobe Trainingsplanskizze wie folgt aufbauen:

  1. Monat:  Läufe von 5-6 Kilometern
  2. Monat: Läufe zwischen 7-8 Kilometern
  3. Monat: Läufe bis zu 9-11 Kilometern
  4. Monat:  Läufe bis zu 13 Kilometern
  5. Monat: Läufe bis zu 15 Kilometern
  6. Monat: Halbmarathon

Natürlich macht man solche Läufe nicht dreimal die Woche. Für mich hat es sich als vernünftige Richtlinie erwiesen, einen solchen Lauf immer einmal in der Woche in den Plan einzubauen. Vom Tempo her kann man diesen nach Gefühl dann so gestalten, dass „man gut durch kommt“. Viele Coaches würden wohl hier den langen Lauf empfehlen, allerdings empfinde ich es eher als störend, zwanghaft unter meinem natürlichen Tempo laufen zu müssen.
Wichtig: genau dies sind die Erkenntnisse, die jeder Sportler für sich selbst gewinnen muss. Wenn Ihr fest stellt, dass Euch ein sehr langsamer langer Lauf etwas bringt, dann baut ihn in Euren Plan ein.
Für die weiteren Läufe in der Woche (für eine ordentliche HM Zeit sollten es hier schon zwei weitere sein), kann man sich dann aus dem Pool diverser Trainingsmöglichkeiten bedienen: Fahrtenspiel, Hangläufe, Tempodauerläufe und für die Ambitionierteren natürlich auch die allseits beliebten Intervalle. Diese verteilt man dann so in der Trainingswoche, dass Belastungen und ruhigere Einheiten sich halbwegs abwechseln. Das ist vor allem für Triathleten interessant, die mehr als nur eine Disziplin in den Wochenplänen unterbringen müssen. Ziel soll es ja sein, fit zu werden und nicht, sich zu zerstören (wobei dies gelegentlich auch nicht verkehrt ist, dazu werde ich aber einen separaten Eintrag verfassen).
Ein Wochenplan könnte also wie folgt aussehen:

Montag: 7 Kilometer Tempodauerlauf
Mittwoch: 6 Kilometer Hang-/Berglauf
Freitag: 13 Kilometer Lauf

WICHTIG: Wenn Ihr Euch von Eurem eigenen Plan unterfordert fühlt, haltet Euch nicht sklavisch daran fest, sonder justiert die Anforderungen ein wenig nach oben. Ihr werdet schnell merken, was geht und was nicht! Der beste Ratgeber ist das eigene Körpergefühl, und ja, es darf öfter auch mal richtig weh tun. Wenn Ihr danach zu lange platt seid, dann müsst Ihr die Anforderungen wieder ein wenig zurück schrauben. Try and error heißt es hier.
Nebenbei: ein Coach wird in vielen Fällen, dass Gleiche machen, nämlich darauf achten, wie ihr auf die Trainingseinheiten reagiert und diese entsprechend anpassen.

Als Nächstes baut man Regenerationsphasen in den Plan ein. Wie wir alle irgendwo mal gelernt haben, wird der Körper ja nicht während des Trainings stärker, sondern während der Erholung.
Für mich hat sich ein 3 Wochen / 1 Woche Rhythmus als praktikabel erwiesen, also 3 Wochen mit normalen Trainingseinheiten und eine Woche mit weniger Umfängen und lockeren Einheiten. Wichtig hierbei ist, dass Regeneration nicht bedeutet, überhaupt nichts zu tun, sondern lediglich die Umfänge / Belastungen zu reduzieren.

Packt man nun die geplanten Wochentrainingseinheiten und die Regenerationsphasen zusammen, so erhält man wunderbare (einmonatige) Trainingsblöcke. In diesen kann man nun sukzessive die Umfänge und Belastungen über den Zeitraum bis zum Wettkampf erhöhen (die Regel, die Trainingsbelastung maximal um 10% im Monat zu steigern hat sich hier als sehr hilfreich herausgestellt).
Natürlich sollte man diese Steigerung so dosieren, dass man über das eigentliche Wettkampfziel nicht hinausschießt (es ist einfach nicht sinnvoll, wenn man für einen Halbmarathon trainiert, 30 km Läufe ins Programm einzubauen, nur weil man linear 10% pro Monat gesteigert hat).

Um den Erfolg Eures Trainings und des Plans zu kontrollieren, empfiehlt es sich, nach der Regenerationsphase die eigene Leistung zu überprüfen. Ich selber plane an Montagen nach Regenerationswochen immer einen gezeiteten Tempolauf ein. Hier sollte man nicht ungeduldig zu werden! Es ist illusorisch zu glauben, dass man jeden Monat neue Bestzeiten aufstellen kann. Am Anfang mag das noch funktionieren, aber je besser man wird, desto zäher wird es, ständig seine eigenen Zeiten zu unterbieten (Tipp für die Fortgeschrittenen: 10km Wettkämpfe oder Halbmarathons kann man auch als Trainingseinheiten in den Plan integrieren – dass kann noch einmal einen zusätzlichen Leistungsschub bewirken).

Am Ende des Plans (vor dem Wettkampf) sollte man das Tapering nicht vergessen. Wichtig hierbei: Es gibt wohl nicht das Patentrezept, wie man richtig tapert. Für den einen kann es vernünftig sein, bereits zwei Wochen vor Wettkampf den Trainingsumfang zu reduzieren, während der andere bis kurz vorher weiter trainieren muss, um seine Leistung am Ende auch abrufen zu können. Auch hier gilt, probiert es aus! Nach ein, zwei Versuchen wisst Ihr, was richtig ist.

Nach dem Wettkampf oder der Saison sollte man dann zur Manöverkritik schreiten, bzw. sich mit den Lessons learned auseinandersetzen. Seid ehrlich gegenüber Euch selbst und stellt Euch die entscheidenden Frage: Hat der Plan für mich funktioniert? Was war gut, was schlecht? Wo hätte ich optimieren können?
Mit Sicherheit wird der zweite und dritte Trainingsplan, den Ihr Euch zusammenbaut, anders aussehen, als Euer erster. Es werden Details hinzukommen, Ihr werde für Euch herausfinden, welche Details Ihr dokumentieren möchtet, wie detailiert Ihr Eure Einheiten vorausplanen wollt und wie Ihr für Euch die richtigen Schlüsse daraus ziehen könnt.
Wie bei vielen Dingen ist es ein ständiger Lernprozess, der aber (zumindest mir) sehr viel Spaß macht und inzwischen ein wesentlicher Bestandteil meines Sportlerlebens ist. Natürlich stellt man sich die frage, um wie viel besser es noch werden könnte, wenn man einen professionellen Coach engagieren würde – mir persönlich würde aber ein Kontrollmechanismus für mich selbst fehlen, wenn ich mich nicht eigenständig um mein Training und meine Pläne kümmern würde.

Zum Abschluss noch ein kleiner Tipp: Lasst Euch auch von anderen Trainingsplänen inspirieren und fragt öfter mal andere Athleten, wie sie ihr Training gestalten. Probiert aus, was Ihr davon gebrauchen könnt, baut es in Euren Plan ein. Was nicht passt, entsorgt Ihr einfach.

Tipps For Freaks: Die Sache mit den Spielzeugen

Woran erkennt man, dass ein Triathlet auf Deiner Bahn schwimmt? …. Du musst Dich durch gefühlte 10 Kubikmeter an Spielzeug und Equipment wühlen, um ans Wasser zu gelangen.

Es ist immer wieder ein erheiternder, manchmal aber auch ein verstörender Anblick, wenn man morgens in die Schwimmhalle marschiert und die Sportkameraden, welche bereits fleißig ihre Bahnen ziehen, viele kleine und große Häufchen neben den Startblöcken gebildet habe – größtenteils glücklicher Weise nur aus Spielzeug. Da türmen sich dann Dutzende von Pull Buoys, Pull Kicks, Schwimmbrettern, Flossen in kurz und lang, Getränkeflaschen, Paddles und was weiß ich nicht noch alles.

Der nicht sachkundige Beobachter würde nun vermutlich bei all dem Equipment ein gewisses Leistungspotenzial im nassen Element seitens der Anwender eben jener Utensilien vermuten. Dies verhält sich (zum größten Teil) mitnichten so. Auch mit noch so viel Gerät, bleibt der durchschnittliche Triathlet im nassen Element dramatisch untermotorisiert.
Warum ist das so? An dieser Stelle möchte ich versuchen, dieses Problem mal aus meiner Sicht (also aus der Perspektive eines ehemaligen Leistungsfisches) zu beleuchten, auch wenn sich im globalen Netz bereits Fachartikel fast genau so stapeln, wie die Ausrüstung am Beckenrand. Dabei wollen wir uns vor Allem mit den für den Triathlon typischen Schwimmspäteinsteigern beschäftigen, denn ehemalige Schwimmer sind von dem Problem eher selten betroffen.

Eines der großen Probleme ist meines Erachtens nach, dass der Späteinsteiger typischerweise nur die Technik lernt. Meistens in einem Kraulkurs (manche sogar speziell für Triathleten) oder per Selbststudium mittels Videos oder diverser Fachliteratur. Da der Fokus in vielen Fällen wie geschrieben auf dem Erlernen der Technik liegt (Zugphase, Druckphase, Rückholphase, Körperrotation, Beinarbeit, Atmung) wird dem eigentlichen Wassergefühl wenig bis keine Beachtung geschenkt. Zudem scheinen Erwachsene sich wesentlich schwerer damit zu tun, eben jenes Wassergefühl zu entwickeln.
Aber was ist das nun genau? Eigentlich handelt es sich nur um die Selbst-wahrnehmung des eigenen Körpers im Wasser.
Wie ist meine Wasserlage? Wie viel Kraft setze ich gerade mit meinem Armzug im Wasser um? Wie groß ist meine Rotation? Liege ich möglichst flach im Wasser? Wie weit drehe ich den Kopf beim Atmen? Den meisten Triathleten ist die Technik durchaus vertraut, sie haben aber nie ein Gefühl dafür entwickelt, wie gut die Bewegungen im Wasser ausgeführt werden. Das merkt man sehr schnell daran, wenn man jemanden fragt, warum er oder sie beim Atmen ständig Richtung Himmel schaut oder warum die Beine im 45° Winkel nach unten vom Rumpf her abknicken, etc. pp. Erstaunlicher Weise haben viele das Gefühl, dass technisch alles sauber ist – als außenstehender Beobachter kommt einem aber das Grausen (und manchmal tut einem das Genick oder die Hüfte nur vom zuschauen weh).

Genau dass ist der Punkt, an dem Spielzeuge fatal werden und eigentlich das Gegenteil von dem bewirken, für was sie eigentlich gedacht sind.
Auf meiner persönlichen Fatalitiäten-Liste stehen hier Paddels ganz oben. Der gute Schwimmer nutzt diese zum Kräftigungstraining des Armzuges. Bei vielen Triathleten kann man aber beobachten, dass sie der Meinung sind, der Armzug wäre nach der Zugphase zu Ende – vermutlich weil die Druckphase zu anstrengend ist. Da schwabbelt der Arm dann nur noch bis knapp Hüfthöhe nach hinten und wird dann zurückgeholt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Dauer-Paddle-Schwimmer es sich zwei mal überlegen würden, ihre 1-3 Kilometer nur mit Paddels zurück zu legen, wenn sie eine sauber Zug- und Druckphase mit bewusstem Krafteinsatz ausführen würden, denn dass würde für die meisten Triathleten als Kräftigungstraining vollkommen ausreichen.

Tipp: Achtet bewusst auf die vollständige Ausführung von Zug- UND Druckphase und dass ihr in der Druckphase auch noch Druck auf der Hand/dem Arm habt (da kommt nämlich der Name her). Ihr könnt das vollständige Ausführen überprüfen, indem ihr mit dem Daumen in der Phase versucht Euren Oberschenkel zu berühren, bevor Ihr in die Rückholphase über geht. Und ja, am Anfang darf das dann auch Muskelkater geben.

Ähnlich verhält es sich mit dem zweit liebsten Spielzeug des Triathleten, dem Pull Buoy – und nein, es heißt NICHT Pool Boy, auch wenn frau den sich auch zwischen die….ähhh…egal.
Immer wieder zu beobachten: Triathleten, die Kilometer um Kilometer mit der Auftriebshilfe zwischen den Beine schrubben (gerne auch in Kombination mit den Paddels). In nicht wenigen Fällen sind die Herrschaften sogar recht flott unterwegs – aber nimmt man ihnen den Schaumstoff weg, ist das oft überhaupt kein schöner Anblick mehr und in einigen Fälle dem Ertrinken ähnlicher denn dem Schwimmen. Auch hier ist meistens das mangelnde Wassergefühl ein großes Problem. Die Beine sacken nach unten, die Hüfte wird instabil, die Rotation unkontrolliert.

Tipp: Eigentlich ist es offensichtlich, aber regelmäßiges Schwimmen ohne Pull Buoy oder andere Auftriebshilfe und OHNE Beinschlag (also NUR Arme) wirkt hier wunder. Ein stabiler Rumpf-Bereich erleichtert die Sache ungemein (also ran an die ungeliebten Stabis). Mit etwas Körperspannung sacken die Bein nicht weg (Ihr könnte gerne probieren, ob Ihr, wenn Ihr nur mit den Armen schwimmt, mit den Fersen die Wasseroberfläche durchstoßen könnt). Wem das nicht gelingt, der kann auch leichte Korrekturbeinschläge für den Anfang einbauen.

Ein viel beanspruchtes Maklersprichwort besagt: „Eine gute Lage ist eine gute Lage ist eine gute Lage.“ Das kann man für das Schwimmen genau so übernehmen. Wenn Hilfsmittel und Spielzeuge dazu eingesetzt werden, etwas zu korrigieren, was ohne sie einfach nicht oder nur mit viel Anstrengung geht, dann wirken sie in der Regel kontraproduktiv. Im Endeffekt bedeutet dies: Paddles nur einsetzen, wenn der Armzug technisch komplett sauber ausgeführt werden kann und das Kräftigungstraining ohne Hilfsmittel an seine Grenzen gekommen ist, Pull Buoy dann einsetzen, wenn man eine halbwegs saubere Wasserlage auch ohne Auftriebshilfe beherrscht.

Nicht vergessen: Hilfsmittel sollten wenn überhaupt gezielt im Training eingesetzt werden. Wenn ich Paddles für das Krafttraining verwende, dann sollte die Trainingseinheit dazu passen. Das gleiche gilt für den Pull Buoy – in einem Techniktraining ist er richtig aufgehoben, das Gerät einfach so einsetzen, weil es gerade da ist und weil es das Training einfacher macht, ist eher eine schlechte Idee.

Tipp: Versucht Euer Wassergefühl zu entwickeln. Beobachtet Euch selber beim Schwimmen, versucht Euch Eure Lage im Wasser, Euren Krafteinsatz und Euren Bewegungsablauf bewusst zu machen und zu visualisieren. Nutzt dazu auch Hilfe von außen. Sich selber beim Schwimmen auf Video zu beobachten, ist manchmal optisch gar nicht zu schön, aber versucht es mit Eurem Wassergefühl in Einklang zu bringen. Wenn sich die Rotation richtig angefühlt, Ihr aber im Video seht, dass Ihr Euch fast in Rückenlage befindet, dann gilt es, hier am Wassergefühl zu arbeiten.
Macht Gleitübungen: stoßt Euch mit Körperspannung unterwasser von der Wand ab und gleitet, so weit es gelingt (wenn Ihr dabei das Gleichgewicht verliert und anfangt zu rotieren, müsst Ihr weiter am Wassergefühl arbeiten). Oder dreht Euch direkt aus der Kraullage während des Schwimmens in die Rückenlagen und schwimmt direkt weiter. Wenn Euch dass ohne Mühe und Rumgezappel gelingt, seid Ihr auf einem guten Weg.

Als Abschluss vielleicht noch folgende kleine Anekdote: Zu den Zeiten, als ich nur aktiver Schwimmer war (vor fast unglaublichen 20 Jahren), gab es bei uns im Training als Spielzeug maximal ein zerkautes Schwimmbrett. Dieses haben wir mehr oder weniger auch als Auftriebshilfe zwischen die Beine geklemmt. Allerdings hat dass das Schwimmen eher erschwert, da es mit dem Brett anstrengender war, das Gleichgewicht zu halten und zudem definitiv überschüssigen Auftrieb produziert hat. Als Paddels gab es zwei Kunststoffrechtecke (ohne Löcher) mit Plastikschlauchstücken als Fingerhalterung bei denen schon das Eintauchen ins Wasser einem kleinen Stunt gleich kamen (in der Raumfahrt hätte man wohl vom Abprallen an der Atmosphäre gesprochen).
Alles in Allem war und bin ich über 90% meiner Trainingszeit im Schwimmbecken ohne Gimmicks und Schnickschnack unterwegs (auch wenn ich mir dann beim Beintraining ab und an doch mal ein Pull Kick wünsche). Geschadet hat es wohl nicht, denn ich gehöre immer noch zu den eher zügigeren im Wasser.

Die Laufsicht: Statistisches zum Jahreswechsel

Und schon wieder ist es rum – in ein paar Stunden ist 2015 Geschichte. Zeit für eine Retrospektive. Neben einer wortreichen und ausschweifenden, welche mit Sicherheit noch folgen und definitiv abseits des Sportlichen ihren Fokus haben wird, für die mir aber aktuell noch die Muße fehlt, um meine Gedanke in die Tastatur zu hacken, gibt es (wer hätte das gedacht) an dieser Stelle auch noch eben eine sportzentrisch-statistische (Anmerkung: Ihr braucht das Wort nicht zu googlen, das existiert noch nicht).

Da ich dieses Jahr bereits doch so manchen Buchstaben einer meiner Lieblingsfreitzeitbeschäftigungen gewidmet habe und sich die Zahlen vernachlässigt vorkamen, soll diesen an dieser Stelle Rechnung (höhö) getragen werden. Anstelle eines langen Textes habe ich mir einfach mal die Statistik meines Trainingstagebuches angesehen und ein wenig mit den Zahlen herum jongliert (wer Rechenfehler findet, darf sie wie immer behalten).

Insgesamt bin ich
über 1800 km gelaufen,
habe
gute 200 km im Wasser zurückgelegt
und
über 2200 km meinen Hintern auf einem Radsattel gequält (was nüchtern betrachtet deutlich zu wenig ist).

Insgesamt ergibt das eine Distanz von mehr als 4200 km. Übertragen auf kontinentale Distanzen wäre ich damit bis vor die Küste Neufundlands gelangt (oder mitten in Saudi Arabien gestrandet).

Auf dieser Strecke habe ich mehr als 28.000 Höhenmeter überbrückt (die Meisten vermutlich im Wasser 😉 ), was in Etwa dem dreifachen Weg auf den Mount Everest entspricht.

Alleine im Training habe ich über 285.000 kcal verbrannt (Ruhenergieverbrauch u.ä. nicht mitgerechnet). Das entspricht in etwa
2100 mittelgroßen Bananen (etwa 5,75 Bananen pro Tag) oder
520 Tafeln Schokolade (etwa 1,42 Tafeln pro Tag).

Umgerechnet sind das 1.192.440 Kilojoule oder 0,28 Wattstunden was wiederum etwa dem Energiegehalt von 40,7 kg Steinkohle oder 28,5 kg Erdöl entspricht.
Jeder möge selber darüber entscheiden, inwiefern ich zur Klimaerwärmung und zum finalen Hitzetod des Universums beigetragen habe.

Hinzu kommen noch etwa 1,5 Fahrradstürze und ein Monsterhämatom.

Fast immer hat es Spaß gemacht, ab und zu war es auch mal schmerzhaft und ein paar Mal sind die Beine auch einfach stehen geblieben.

Was bleibt für 2016?
Längere Distanzen, mehr Training, mehr Kilometer. Das Programm nimmt langsam Formen an. Eine vorläufige Planung ist bei A3K zu finden.

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch und einen gelungenen Start ins neue Jahr.

Tipps For Freaks: Meine Damen und Herren, wir haben doch keine Zeit

„Wie schaffst Du das eigentlich zeitlich?“ –  eine Frage, die mir in letzter Zeit zum Thema Training und wann ich trainiere des Öfteren gestellt wurde – und ein prima Anlass, eine neue Serie hier auf diesem Blog zu starten: die Tipps For Freaks.

Vorne weg sollte ich aber darauf hinweisen, dass ich dank der Möglichkeit des Homeoffices und der flexiblen Arbeitszeit zu den zeitlich privilegierten Menschen gehöre und somit mich mit einigen Problemen, die ein 8:00-17:00 Job (oder jede andere Variante der starren Arbeitszeit) mit sich bringt, nicht herumschlagen muss. Die hier vorgestellten Tipps haben dennoch Allgemeingültigkeit und finden auch in meiner Planung Ihre Anwendung.

Zuallererst muss man sich allerdings darüber klar werden, für welches Ziel man eigentlich trainieren will und auch sich selbst gegenüber bezüglich des Umfangs gnadenlos ehrlich sein. Für einen 5 km Lauf oder um einen Jedermann Triathlon zu finishen reichen sicher 2-3 Stunden Training die Woche, will man dies auch noch in einer guten Zeit erreichen können es gerne auch schon einmal 5 Stunden werden. Wenn es Richtung Halbmarathon oder Olympische Distanz geht werden auch schon mal 8-10 Stunden draus und das Projekt Halbdistanz oder Ironman erfordert mit Sicherheit eine Anzahl zweistelliger Trainingsstunden pro Woche, wenn man sich eine halbwegs vernünftige Zielzeit gesetzt hat.

Nun gilt es, diese Stunden als normaler Arbeitnehmer und Nicht-Profi irgendwie in den eigenen Wochenrhythmus zu integrieren. Drei erfolgversprechende Methoden hierfür sind

  1. Lücken finden
  2. Zeitfresser eliminieren
  3. Kompromisse schließen

Es folgt eine entsprechende detaillierte Anleitung…

1. Lücken finden

Jawoll, dazu gehören auch so unangenehme Ding wie sich Lücken zu schaffen – oder anders ausgedrückt: Wenn ich weiß, dass ich zwischen Frühstück und der Abfahrt zur Arbeit eine halbe Stunde habe, dann muss ich einfach noch eine halbe Stunde früher aufstehen und Schwupps, passt da wunderbar ein 10 km Waldlauf in die Lücke. Wer noch 10 Minuten früher aufsteht, kann danach sogar noch duschen und verärgert somit nicht die Kollegen. Zudem muss so etwas ja auch nicht jeden Tag statt finden (was nicht bedeutet, dass es das nicht kann). Und ein Runde durch den Wald ist als Start in den Tag ja sowieso nie verkehrt.
Genau so verhält es sich am Wochenende, wenn man genau weiß, dass das Familienleben erst um 10:00 Uhr startet (elende Langschläfer). Wenn man es wirklich ernst meint, quält man sich auch mal um 7:00 aus den Federn und hat dann Zeit für eine dreistündige Radausfahrt. Um den familiären Frieden mit dem Partner nicht zu gefährden sei jedem angeraten, benötigte Kleidung und Ausrüstung bereits am Vorabend bereit zu legen um den Längerschläfer nicht mit unbeabsichtigt auftretenden Räumgeräuschen aus seinem Schlummer zu reißen. Wer die Familienkompatibilität noch einmal erhöhen möchten, hält auf dem Rückweg kurz beim Bäcker und bringt die Brötchen für das gemeinsame Frühstück direkt nach Hause mit (zumindest wurde mir das nahe gelegt).
Auch die Mittagspause kann zu einer Trainingseinheit umfunktioniert werden, und unter den Kollegen finden sich mit Sicherheit ein paar motivierte Opfer Mitläufer, die sich zu einem regelmäßigen Lauftreff motivieren lassen. Es sei übrigens jedem angeraten, die Kollegen nicht gleich kaputt zu laufen, denn sonst dreht man sehr schnell seine Runden wieder alleine.
Lange Läufe kann man zudem prima zu Familienausflügen umbauen. Während ein Teil der Familie die bekannten 20 Kilometer zu einem nahe gelegenen Spielplatz, Park, Einkaufszentrum, etc. in einem gemächlichen Tempo auf dem Rad zurücklegt, kann der ambitionierte Sportler dies laufend tun. Im Sommer entsteht der nette Nebeneffekt eines Verpflegungsservices für unterwegs (vorausgesetzt man läuft nicht zu schnell und hängt seine Begleiter ab).
Letztendlich lässt sich auch der Weg zu und von der Arbeitsstelle in eine Trainingseinheit umwandeln, je nach Distanz zu einer Lauf- oder zu einer Radeinheit (Venezianer können diese gerne auch schwimmend zurücklegen).
Dies ist lediglich mit ein klein wenig organisatorischem Aufwand verbunden: Man sollte sich vorher darüber informieren, ob das eigene Büro über Duschmöglichkeiten verfügt (aus offensichtlich und oben bereits umschriebenen Gründen). Weiterhin ist es hilfreich, bürotaugliche Kleidung am Arbeitsplatz zu deponieren, um diese nicht immer mitführen zu müssen.

2. Zeitfresser eliminieren

Eigentlich ist dies viel mehr ein genereller Hinweis,über den sich jeder mal seine Gedanken machen kann oder sollte.
Wie viel Zeit verbringen wir am Tag mit Dingen wie Facebook, Youtube…hier beliebige weitere Online-Aktivitäten einsetzen… oder sitzen vor der Playstation, schreiben SMS oder kommen gerade nicht von der Couch hoch. Reicht es nicht auch, wenn man Abends nur zwei anstelle von drei Stunden vorm Fernseher hängt? Passiert es nicht jedem von uns, dass wir nur mal schnell was im Internet schauen wollten – und Schwupps, geht eine halbe Stunde ins Land.
Im Einzelnen fällt das vielen nicht auf, fünf Minuten hier, 20 Minuten da. Wenn man sich aber mal die Mühe macht, dies mit einem Werkzeug seiner Wahl (Notizblock, Excel, Abakus) aufzuaddieren, wird man feststellen, wie viel Zeit in hier in kleinen Häppchen „weg gefressen“ wird.
Mit ein wenig kreativer Reorganisation wird der ein oder andere garantiert noch ein oder zwei Stunden zusammenkratzen können.

3. Kompromisse schließen

Eigentlich steht eine dreistündige Radeinheit im Plan, aber der Familienkalender sagt, es steht noch Kaffee und Kuchen bei der Oma an. Kurz nachgerechnet und erschreckt festgestellt: Es reicht nur noch für eine zweistündige Ausfahrt. Was soll man da nur machen, der Trainingsplan ist im Eimer.
Nein, ist er nicht! Unsere Ambitionen sind nicht immer mit unserem realen täglichen Leben kompatibel. Müssen sie auch gar nicht sein, wir müssen nur flexibler werden.
Wenn die drei Stunden Grundlagen gerade nicht passen, dann werde es halt nur zwei. Ein Blick in den Kalender wird schon zeigen, wann dann die lange Tour nachgeholt werden kann. Manchmal ergeben sich die Möglichkeiten auch kurzfristig. „Du, ich habe mich heute Nachmittag mit einer Freundin verabredet, passt das?“ – „Kein Problem, Du findest mich dann in meinem Sattel“.
Das mag nicht jedem Trainingsplan-Fetischisten passen („Grummel, Abweichungen bringen alles durcheinander“), ist aber für jeden der nicht Profi ist und ein reguläres Leben führt, Alltag. Dann muss halt mal das Intervalltraining vorgezogen werden, weil es zeitlich nicht anders in den Plan passt.
Letztendlich ist „ein bisschen trainiert“ immer noch besser als überhaupt nicht trainiert. Jeder sollte also für Kompromisse offen sein.

Fazit

Die Möglichkeiten, die ich hier vorgestellt habe, werden mit ziemlicher Sicherheit so nicht für jeden zutreffen – aber sie bieten Ansatzpunkte welche man nutzen kann, um selber eine Strategie zu entwerfen, wie man die Zeit, die man für seine selbst gesteckten Ziele benötigt, „zusammenkratzen“ kann.
Ich selber habe es geschafft mir so 10-12 Stunden in der Woche für Training freizuräumen, wenn ich sie benötige, ohne dass ich auf viele meiner Gewohnheiten verzichten muss.
Ich denke, wenn man sich für den Sport entscheidet, dann weiß man, dass man hinein investieren muss (vor allem zeitlich). Dem entsprechend sollte es einen auch weniger stören, wenn dafür andere und/oder alte Gewohnheiten ein wenig kürzer treten müssen.
Wir sind alle keine Profis – unser Leben hängt nicht von unserem Sport ab. Wir haben den Luxus selbst entscheiden zu können, wie viel oder wie wenig wir Sport in unser tägliches Leben einbauen wollen und können. Wie bei vielen anderen Dingen im Leben entscheidet hier wohl auch das richtige Augenmaß.