Über die Toleranz…

…oder was wir dafür halten.

In einer Zeit in der zu jeder Gelegenheit und jeder Begebenheit bedingungslose Toleranz gefordert wird, in jeder Talkshow und auf jeder zweiten Demo Parolen für eben diese zu lesen oder hören sind und diese beständig gefordert wird, sollte man sich doch ein wenig genauer mit dieser Begrifflichkeit auseinander setzen und darüber nachdenken was Toleranz im eigentlichen Sinne für uns bedeutet und ob wir dieses Wort nicht ein wenig leichtfertig ge- oder missbrauchen.

Toleranz ist zu einem Synonym für Akzeptanz verkommen, sowohl in der politischen als auch in der religiösen (Streit)kultur. Tolerant zu sein bedeutet, politisch korrekt zu sein. Intoleranz wird gleichgesetzt mit politischer, sozialer oder religiöser Verschlossenheit, einer generellen ablehnenden Haltung oder gar der Bekämpfung von allem was nicht dem eigenen Weltbild entspricht.

Das ist aber mitnichten der Fall. Per Definition ist Toleranz „allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten“. Betrachte ich mich als tolerant, so kann jeder nach seinem eigenen Gutdünken glauben und machen, was er/sie/es möchte unabhängig davon, ob ich die vertretenen religiöse, politische oder gesellschaftliche Ansichten gut heiße. Das heißt, wenn ich mich selbst als tolerant bezeichne, muss ich auch Meinungen und Ansichten hinnehmen, mit denen ich eventuell nicht überein stimme oder die absolut konträr zu meinem Weltbild stehen. An dieser Stelle sei allen denen, die in großen Buchstaben „absolute Toleranz“ auf Plakate, in Facebook-Posts oder wo auch immer hingeschrieben haben, angeraten, sich zu überprüfen, ob man wirklich eben diese vertritt, oder ob es sich nur um selektive Toleranz (Achtung: Widerspruch) handelt.

Im Gegensatz zur Toleranz steht die Akzeptanz, welche sich das Zueigen machen oder zumindest das Anerkennen oder für Gut befinden von Überzeugungen und Sitten beinhaltet.  Auch wenn ich eine beliebige Weltanschauung toleriere, so muss ich sie noch lange nicht akzeptieren. Wer sich Toleranz auf die Flagge schreibt, sollte sich im Klaren darüber sein, dass es genau so bedeutet, unliebsame Gebräuche, Sitten und Haltungen hinnehmen zu müssen. Es ist durchaus möglich, eine fundamentalistische Religionsauslegung oder eine von mir abgelehnt politische Ausrichtung zu tolerieren, so lange sie nicht die Grundrechte anderer verletzt oder sich in der Illegalität bewegt. Akzeptieren muss ich eben solche aber nicht und darf sehr wohl darüber entscheiden, ob und inwiefern ich solche Einflüsse aus meinem persönlichen Umfeld entfernen.

In vielen Fällen sprechen wir also nicht von Intoleranz, sondern von Inakzeptanz.

Sollte Toleranz also absolut sein wenn die Akzeptanz doch darüber entscheidet, wie ich mich zu einer bestimmten Überzeugung oder Ansicht verhalte? Mit Sicherheit nicht! Toleranz sollte da enden, wo Überzeugungen und Gebräuche die Rechte, die Freiheit und die körperliche Unversehrtheit anderer einschränken oder gefährden oder in illegalen Handlungen resultieren.
Ist dies aber nicht der Fall, so bleibt jedem freigestellt zu denken und zu glauben, was er möchte. Wer sich selbst eben genau jenes Recht herausnehmen möchte, der sollte es folglich auch anderen zuerkenne.

Letztendlich bleibt für mich nur folgender Schluss: Toleranz ist keine Einbahnstraße. Man kann sie nicht einfach von anderen fordern und sich selbst nur das heraus picken, was einem genehm ist um man selber auch akzeptieren kann. Toleranz funktioniert nur, wenn sie in jede Richtung ausgeübt wird und garantiert nicht, wenn man sich selber zum Wächter über die Toleranz erhebt, denn es gibt keine richtige oder falsche Toleranz.

In diesem Sinne: Wer demnächst (mal wieder) Toleranz gegenüber irgendetwas fordert, der solle auch gerne mal prüfen, wie weit es eigentlich mit der eigenen gediehen ist.

 

An dieser Stelle und aus gegebenem Anlass sei Voltaire aus seiner Abhandlung „Über die Toleranz“ von 1763 zitiert:

„An Dich richte ich meine Bitte, Gott aller Welten, aller Wesen, aller Zeiten.

Du hast uns Herzen gegeben, nicht, damit wir einander hassen, und Hände, nicht, damit wir uns gegenseitig erwürgen.

Gib, dass die winzigen Unterschiede in den Kleidern, die unseren gebrechlichen Leib bedecken, in unseren unzulänglichen Sprachen, in unseren lächerlichen Bräuchen, in unseren unvollkommenen Gesetzen, in unseren sinnlosen Überzeugungen, gib, dass alle diese winzigen Unterschiede, die uns so ungeheuer erscheinen und nichtig sind vor Dir, gib, dass sie nicht ein Signal des Hasses und der Verfolgung werden.

Gib, dass die Menschen Tyrannei über die Seelen genauso verabscheuen und in den Bann tun wie Raub und Gewalt. Und wenn Kriege unvermeidlich sind, dann gib, dass wir uns wenigstens nicht auch mitten im Frieden gegenseitig hassen und zerreißen, sondern unsere Existenz dazu verwerten, in tausend Sprachen, doch in einem Gefühl, von Siam bis Kalifornien, Deine Güte zu preisen, die uns den kurzen Augenblick geschenkt hat, den wir Leben nennen.“

Eine Lesung (von Friedhelm Ptok) der gesamtem sehr zu empfehlenden Abhandlung Voltaires ist hier zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=DuqB8jaTaOw

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